Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 22 (28.5.1873)
- Date
- 1873-05-28
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Ahnung haben. Dieses werthvollste aller Grundprincipien, auf ׳ welchen die Einheit des Judenthums und seiner Bekenner, die! Einheit der jüdischen Gemeinde beruht, dürfen wir uns um j keinen Preis entreißen lassen, und in der Gegenwart um so - weniger, je mehr unsere Glaubensgenossen aller Orten, durch > den Eintritt in das moderne Cultur- und Völkerleben, des äußerlichen Bandes, welches sie in den Zeiten des Druckes, der Aus- und Abschließung nothgedrungen fest zusammenhielt, nach und nach (und keineswegs zu unserem Leidwesen) unaufhaltsam verlustig gehen. Kennt denn der Talmud, auf den sich ja die Maulhelden der Neu-Orthodoxie unausgesetzt berufen, ohne auch nur im Entferntesten seinen Geist begriffen zu haben, kennt der Talmud eine Classification des Judenthums, die dasselbe in zusammenhanglose Theile zerreißt? Wir denken, ein Ausspruch (Erubin 13 b) müsse dies über allen Zweifel setzen: Als der Widerstreit der religiösen Ansichten zwischen den beiden sich schroff gegenüberstehenden Schulen Hillels und Schamais am erbittertsten war, sei eine göttliche Stimme vernommen worden, welche gerufen habe: אע״פ שהללו אוסרין והללו מתירון ,הללו טמאץ והללו מטהרין, obgleich Diese verbieten, was Jene erlauben, die Einen für unrein, was die Anderen für rein erklären אלו ואלו רברי אלהים חיים, so sind doch die Aussprüche Aller Worte des lebendigen Gottes, d. h. als Lehren und Aeußerungen des Judenthums zu betrachten. ולמה מזכירין דברי ב״ש והלל לבטלו, warum werden aber die Ansichten beider angeführt, da doch nur die Ansicht Eines von ihnen den Ausschlag geben kann? Um die kommenden Geschlechter zu lehren, daß Niemand seine Ansicht als die allein richtige und maßgebende, die des Gegners aber als unjüdisch und ketzerisch ausgeben solle, da ja selbst die größten Meister und Lehrer des Judenthums nicht excluüv in ihrem! Meinungsstreit waren: ן' שהרי אבות העולם לא עמדו על רבריהט (Edujoth 1, 4). Das ist die alttalmudische Auffassung von! der Gleichberechtigung aller religiösen Ueberzeugungen inner-' halb des Judenthums. Denn Ansichten, sofern sie nicht auf die höhere göttliche Erkenntniß, auf die lautere Gesinnung und die sittliche That einen schädlichen Einfluß ausüben, schaden auch dem Judenthum als Bekenntniß nicht, hatten stets in ausgedehntestem Maße in demselben Raum, trugen zur Belebung und Befruchtung unseres Glaubens bei, bewahrten denselben vor Verdumpfung und Fäulniß. Die religiöse Forschung stand nicht im Dienste des dogmatischen Starrsinns und der Verketzerungswuth, sondern war nur ein Bedürfniß des nach Erleuchtung ringenden Geistes, des nach Erhebung sich sehnenden Herzens; war rein לשם שמים und hatte keinerlei irdischen Zweck. Daher kam es denn, daß, wie jedem Kundigen bekannt, selbst die unzweideutigsten Aussprüche der mosaischen Gesetzgebung, außer dem göttlichen Wesen und gewissen metaphysischen Gebieten, der Discussion und oft einer den Zeitverhältnissen entsprechenden Abänderung unterworfen wurde. (הלכה עוקרת מקרא) Die Berechtigung hierzu war dem talmudischen Zeitalter und den talmudischen Heroen so selbstverständlich und geläusig, daß sie apodictischen Aussprüchen irgend eines Gelehrten, dem Auctoritätsglaube, dem ק־ שמעתי, dem אין משגיחין כבת קול.) בת קול) in Fragen praktischer Theologie feindselig gesinnt waren, und für jede Bestimmung und jede Meinung Gründe verlangten und nach Begründung strebten: Die gesetzgeberische Machtbefugniß räumten sie als naturgemäß jedem Zeitalter und jedem Manne von Bedeutung ein: יפתה בדודו כשמואל בדורו (Jephtha gilt in seinem Zeitalter so viel, wie Samuel in dem seinigen); איו לק דור שאיו בו כשמואל (es gibt kein Zeitalter, in welchem nicht ein Samuel wäre) אל תאמר אילו היה ר׳ טרפון קיים, הייתי לומד תורה לפניו איו לך אלא חכם שבדורך sprich nicht, wenn R. Tarphan noch gelebt hätte, so hätte ich Thora bei ihm gelernt; halte Dich nur an die Gelehrten Deines Zeitalters! u. s. w. Das Judenthum kennt also keine fest abgeschlossene Lehre, kennt kein auctoritäres Zeitalter, kennt kein undiskutirbares Dogma, kennt keine Sectenbildung im gewöhnlichen Sinne des Wortes, da alle Meinungen, sofern sie nicht zum Götzendienst führen (כל הכופר כע״ו נקרא יהודי, wer die Vielgötterei verwirft, wird Jude genannt!), berechtigt sind; kennt keine unfehlbaren Aussprüche, kennt keinen unfehlbaren Moses und keinen unfehlbaren R. Akiba, keinen unfehlbaren Priester und keinen unfehlbaren Rabbiner, sondern ״das Gesetz ist für Jeden da, wer sich berufen fühle, komme, lerne und lehre." Und dies ist eben eine der leuchtendsten Seiten unserer Religion: mit Ausnahme des reinen Gottesglaubens, der strengen Sittlichkeit und der unbegränzten Menschenliebe, läßt sie Raum und freie Bewegung für alle Ansichten und Parteien. Sie sagt nicht: Du bist ein echter Jude und Du keiner (א״עפ שהטא ישראל הוא!), sondern כלנו בני איש אחד נחנו, ihr gehört Alle einem Stamm und einem Bekenntniß an, so verschieden auch sonst eure religiöse Auffassung und Bethätigung. Und auf diesem schönsten aller Principien beruht die einheitliche Gemeindeverfassung unserer Glaubensgenossen. In früherer Zeit mar sie das natürliche Ergebniß des tief in jedem Juden ruhenden Bewußtseins der Zusammenge- Hörigkeit mit allen seinen Glaubensgenossen, in neuerer Zeit fand sie ihren sprechendsten Ausdruck in dem corporativen Status, der der Gemeinde nach Innen wie nach Außen einen festeinheitlichen Charakter verlieh, der sie befähigte, ohne die, ihm versagte, Hilfe des Staates für seine cultuellen und humanen Zwecke in ausgiebigstem Maße zu sorgen, Schulen, Synagogen, Krankenhäuser, Waisenanstalten rc. zu erbauen und zu unterhalten, Rabbiner und Lehrer auszubilden und anzu-