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Jüdische Volkszeitung · 1873-05-21 · 21 (21.5.1873) · p. Seite 166

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
21 (21.5.1873)
Date
1873-05-21
Page
Seite 166 (sequence 6)
Language
German
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siedelten Israeliten — von denen es zwei bereits zu Herzoglichen Commerzienräthen gebracht haben—, eine israelitische Cultusgemeinde gebildet, welcher die Rechte der juristischen Persönlichkeit verliehen wurde. Vor 30 Jahren zählte Coburg nur drei jüdische Familien. (F. I.) 85. (Jüdische Zustände in Amerika. (Schluß.) Eine dritte Art Reisender fehlt selten auf dieser großen Wasserstraße. Es ist der jüdische Ladenbesitzer, storekeeper. Er ist mit Jedermann befreundet; er kennt auf Meilen in der Runde Jeden, der es werth ist, gekannt zu sein; er steht aus vertrautem Fuße mit dem Capitän und ist ein intimer Freund seines Schreibers; er kennt bei Namen jeden General, Oberst, Major und Hauptmann, deren Zahl hier Legion ist. Sie sind jetzt hier im Süden zu Hause, diese jüdischen Wanderer, sind heimisch in jedem Unternehmen, in jeder Industrie, in Allem, was die Entwickelung der Hilfsquellen, der Production, des Handels betrifft, und sie sind dabei beliebt und geachtet. Wo eine hinreichende Zahl von Familien sich zusammenfindet, um am Rosch haschana und Jom kippur Minjan zu haben, da halten sie an diesen Tagen Gottesdienst und bilden bald eine Gemeinde mit Bethaus, Religionslehrer rc. Der Mohel ist noch ein sehr begehrter Artikel, aber mit dem Schochet scheints vorüber zu sein für immer, Niemand verlangt nach ihm. Selbst eine so bedeutende Gemeinde wie Vicksburg hat keinen Schochet und natürlich kümmern sich kleinere Plätze gar nicht darum. Eine Loge der Bne Brith ist jederzeit eine der ersten Institutionen der neuen Gemeinden, ja die Loge geht öfters der Bildung der Gemeinde voran; sie zieht dann in der Regel eine Wohlthätigkeitsgesellschaft, einen Herren- und Damen-Verein, einen Nähverein, Begräbnißverein u. s. w. nach sich. Freitag Morgen landeten wir in New-Orleans und hier, zum ersten Male seitdem ich New-Aork verlassen, merkte ich, daß ich in einem südlichen Lande war, die Temperatur war die eines hübschen Juni-Tages bei uns. Bei meinem Freunde, dem Rabbiner Or. Gutheim, fand ich den herzlichsten Willkomm, die freundlichste Aufnahme. In diesem Augenblicke hat New-Orleans drei Regierungen, zwei Gouverneure: Kellock, den Freund Grant's, den Erwählten der Minorität, M'Enery, den vom Volk mit großer Majorität Gewählten, und — Prinz Carneval, der nicht blos in! der Stadt, sondern im ganzen Staat Louisiana Groß und Klein, Alt und Jung mit unbeschränkter Macht herrscht. Bei > der Einsetzung M'Enerp's wirkte der Bischof der anglikanischen! Kirche mit und der katholische Erzbischof sollte die Feierlichkeit: mit dem kirchlichen Segen beschließen. Da er aber erkrankte, wurde an seine Statt I. K. Gutheim, der Rabbiner, berufen^ und er war es, der den Segen Gottes über die große versammelte Menge anflehte. Es herrschen in diesen Provinzen, in der That nicht die mindesten religiösen Vorurtheile. —■ Ich besuchte den Senat und Congreß, der Anhänger Kellock's. Auf drei Schwarze kommt ein Weißer in diesen gesetzgebenden Versammlungen. Tabaksdampf füllte die Räume, denn die Farbigen ließen ihre Liebe zu Pfeife und Cigarre durch ihre Pflicht als Gesetzgeber nicht beeinträchtigen. Wenn Einige unter ihnen Männer von Erziehung und Bildung schienen, so schien doch die Mehrzahl in Unwissenheit und Rohheit verfunken, als käme sie eben von der Sclavenarbeit in der j Plantage. Bei all meiner republikanischen Vorliebe, konnte ich! mich nicht überreden, daß solche Versammlungen das beste! Mittel zur Beglückung des Volkes seien.; Samstag besuchte ich die kürzlich eingeweihte Synagoge : — ein stattliches Gebäude, ich sah kein imposanteres in der! ganzen Stadt. Es steigt mit seinen zwei Thürmen oder eigent-! lich Minarets hoch in die Lüfte, von weitem verkündend, daß 1 der Gott Israels an diesem Platze angerusen wird. Das! Innere, geschmackvoll, einfach, macht einen sehr angenehmen ' Eindruck und die Orgel, von einem wackeren Künstler gespielt, ' macht den Gottesdienst feierlich und andachtsvoll. Derselbe; ist am Freitag Abend und Sabbath Morgen zahlreich besucht und Hr. Gutheim predigt beide Male.! Unweit des Tempels ist die von dem israelitischen Eri ziehungsverein errichtete Schule, jetzt von 160 Schülern besucht, denen vr. Bar deutschen und hebräischen Unterricht er-! theilt. Eine andere, sehr gut verwaltete jüdische Anstalt ist!das Touro-Spital, sehr rein und nett gehalten, von einem! prachtvollen Garten umgeben. Juda Touro schenkte den Grund! und ein jüdischer Verein erhält das Hospital durch jährliche Beiträge. Zur Zeit enthält es wenige Kranke, j Die beliebteste unter den Wohlthätigkeitsanstaltcn von New-Orleans ist die Wittwen- und Waisen - Anstalt, eine! wahre Muster-Anstalt; die Kinder sehen alle gesund aus, sind munter und es fehlt durchaus jener Ton von Demuth und! Niedergeschlagenheit, der den Besucher derartiger Anstalten so! oft unheimlich berührt. Eine andere Anstalt, Touro's Armen- Haus, fiel als Opfer des Krieges: es war eben vollendet, als derselbe ausbrach. Die Regierung ergriff Besitz davon und; verwandte es als Caserne. Später brannte es ab und wurde!seitdem nicht wieder aufgebaut. 86. Perersburg. Vor längerer Zeit schon war in den russischen Journalen von einem jüdischen Prediger, Namens Dainow, die Rede, der zuerst in den Ostsee-Provinzen ausgetreten und mit großem Erfolge neue Lehren gepredigt habe. Seine Predigten waren namentlich gegen die Trennung der Juden von der Bevölkerung des Landes, in welchem sie leben, hier also von den Russen, und ferner auch, was nicht zu vergessen, gegen den Schacher gerichtet, und empfahlen lieber eine geregelte Arbeit, mit der die Sympathien der

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