Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 21 (21.5.1873)
- Date
- 1873-05-21
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Völker zu erwerben wären. Die alten Rabbiner waren mit diesen Grundsätzen nicht im Entferntesten einverstanden und in Riga entstand in Folge dessen vor einigen Monaten eine Spaltung der jüdischen Bevölkerung, die Dainow veranlaßte, die Gegend eiligst zu verlassen. Nichtsdestoweniger aber findet er im ganzen Reiche mehr und mehr Anhänger. Gegenwärtig befindet er sich in Petersburg und hat hier zweimal mit großem Erfolge gepredigt. Bei dem gegenwärtigen Stand der Judenfrage in Rußland darf ein Ereigniß wie das Auftreten eines solchen Predigers nicht unbeachtet gelassen werden. Feuiüketori. David Einhand. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Erstes Eapitek. Die sieben Trauertage waren vorbei, nicht aber die Trauer in dem Herzen Davids. Der arme Mensch! Mit welchen Empfindungen machte er sich daran, den letzten Willen der theuren Hingeschiedenen ins Werk zu setzen. Er öffnete die unterste Schublade und fand im äußersten Winkel auf der linken Seite den zusammengerollten Strumpf, von dem ihm die Mutter gesprochen hatte. Er wickelte ihn auf, diesen alten! Strumpffack, der lange Jahre schon seiner eigentlichen Bestimmung entzogen, der armen Oebstlerin als Aufbewahrungsmittel des heimlichen Schatzes gedient hatte, und er fand endlich auch richtig diesen Schatz, das Loos, welches die sorgliche Mutter vor langer, langer Zeit für einige blutig zusammengesparte Gulden angeschafft, das Loos, welches sie selbst in der größten Nothlage nicht wieder veräußert hatte, das zusammengefaltete Papier, auf das sie viele Jahre hindurch ihre fromme Hoffnung gebaut, und welches ihr endlich noch auf dem Sterbebette die letzte Stunde versüßte und das Antreten der großen Wanderung erleichterte, weil sie darin das Rettungsmittel erblickt hatte, den geliebten Sohn von einer Gefahr zu befreien,! von der sie mit tiefem Schmerz ihn bedroht gesehen. Nun! hielt er es in der Hand, dieses Loos, das einzige Erbgut,! das ihm die Mutter zurückgelassen, und selbst dieses sollte er! hingeben, opfern auf ihren ausdrücklichen Wunsch. Es | ihm wehe, sehr wehe, aber es mußte sein. Er nahm das! Loos, das er entfaltet und wehmüthig betrachtet hatte, faltete es wieder zusammen und steckte es in seine Brusttasche. Hierauf verließ er das Häuschen und machte sich auf den Weg zu Reb Joine Glück. ״Des Gott's Willkomm, David!" sagte Reb Joine Glück zu dem Eintretenden. ״Was bringst Du?" ״Ein Loos bring' ich, Reb Joine", antwortete David. ״Was für ein Loos?" ״Ein feines, wo man kann darauf einen großen Treffer machen." ״Und das bringst Du mir?" ״Ja!" ״Von wem?" ״Von mein' Mutter, der Friede soll mit ihr sein! Sie hat mir gesagt, ich soll es zu Euch hertragen." ״Warum grad' zu mir?" ״Reb Joine-Leben! Sie hat gesagt, Ihr seid allezeit ein guter Freund gewesen von mein' Vater, im Paradies ruht er." ״Ja, das ist wahr! Aber was soll ich thun mit dem Loos?" ״Reb Joine-Leben! Zu der Gemeinde sollt Ihr es tragen, wenn Sitzung sein wird." ״Und was soll die Gemeinde thun mit dem Loos?" ״Reb Joine-Leben! Die Rekrutirung kommt in das Land, und ich bin neunzehn Jahre alt." ״Ich weiß", sagte Reb Joine gelassen. David aber fuhr fort: ״Reb Joine-Leben! Die Mutter hat gesagt, Ihr sollt mich frei machen, und sollt sehen alles Mögliche in der Welt, daß sie mir nur, Gott behüt, nicht anziehen das weiße Frackel!" — und bittere Thränen rannen dem armen Jungen über die Wangen herunter, als er so sprach. ״Wo hast Du das Loos?" fragte Reb Joine Glück. ״Da Hab' ichs", antwortete David hastig, nahm das zusammengefaltete Papier aus seiner Brusttasche, entfaltete es sorgfältig, um keinen Riß hineinzubringen und fuhr mit den Fingern zärtlich streichelnd darüber, als ob er jedes Stäubchen von dieser Kostbarkeit hätte abwischen wollen. Reb Joine Glück hatte einige Erfahrung; er warf einen Blick auf das ausgebreitete Papier und sagte: ״Mein lieber David, das ist eine schwere Sach!" David sah ihn fragend an. ״Weißt Du, was das Loos werth ist?" — fragte Reb Joine. ״Nein, Reb Joine-Leben! Von wannen soll ich das wissen? Ich versteh mich nicht auf solche Sachen." ״Du wirst doch wissen, was Dein' Mutter dafür gegeben hat!" ״Nein, Reb Joine-Leben! Das weiß ich nicht. Die Mutter hat es heimlich eingekauft bei Frankfurter in Nikolsbürg. Sie hat es gekauft für das blutig ersparte Geld, was sie sich heimlich hinter dem Rücken von meinem Vater zusammengelegt hat." (Fortsetzung folgt.)