Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 21 (21.5.1873)
- Date
- 1873-05-21
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 Wahrnehmung, der sich Niemand entziehen kann, der mit offenem Auge die Zeichen der Zeit beachtet. Orthodoxie und Jndifferentismus sind die beiden Gegensätze, die sich die Hände reichen, um jede gesunde Entwickelung des Judenthums zu hemmen. Die entwürdigenden Spaltungen und Wirrnisse in den Gemeinden müssen jede edlere Kraft lähmen. Und wenn man das Judenthum unterschätzt, weil es sich nicht geistig fort und fort entwickelt, so fällt diese Mißachtung auf die Juden und ihre sociale Stellung zurück. Es ist eine unleugbare Erfahrung, daß man die Menschen Zumeist und Zu allererst beurtheilt nach der Werthschätzung des Bekenntnisses, dem sie angehören. Das thun selbst die, welche in ihrem eigenen Religionsbekenntnisse nicht fest stehen. Dem Einzelnen gegenüber mag das falsch sein. Im Großen und Allgemeinen ist der Schluß vom Religionsleben auf den Menschen unleugbar richtig. — Und da kommen wir wieder auf das zurück, was wir am Anfänge dieser Betrachtung behaupteten: Die Lähmung der geistigen Strebkraft des Judenthums wird dazu beitragen, die materiellen Bestrebungen, die so sichtbar hervortreten, gleichsam als das Wesen des Judenthums erscheinen Zu lassen, und die socialen Gefahren vermehren, die nur durch ein tiefinnerliches energisches Geistesleben abgewendet werden könnten. Gibt auch dazu die stetige ״Bewegung" der Juden, der Ueberzug nach den Städten manche Veranlassung? Allerdings! Wenn der wohlhabende, in seinem Gewöhnheitsleben grau gewordene Jude vom Lande in die Stadt zieht, so bringt er dahin mit all die selbstsüchtigen Ansprüche und Forderungen an die Religionsgemeinde und insbesondere an deren Beamten, all die rücksichtslose Eigenliebe und unverständige Hartnäckigkeit (עם קשי ערף), die sich seit Moses und insbesondere seit Korach auf viele durch Herkommen und Wohlstand hervorragende Glieder kleiner Gemeinden, auf die Parnaßim, Vorstände dieser Miniaturgenossenschaften, (נשיאי עדה, קריאי כועד. אנשי שם) vererbt zu haben scheint. Wir bitten die edlen und wohldenkenden Männer dieser Kategorie, welche allen Ernstes für das Wohl ihrer Gemeinden khätig sind, um Entschuldigung; aber sie werden zugestehen, daß ihres Gleichen Ausnahmen sind. ״Zu Hause" war mit dem Manne noch zu reden, wenn nur der Rabbiner recht schmeichelte und der Lehrer recht unterwürfig war. Aber hier in der Großgemeinde, deren Leben und Streben ihm fremd und neu ist, beengt und stört ihn Alles. Er findet sich überall übersehen und zurückgesetzt. Er findet geordnete Verhältnisse, Rabbiner und Lehrer, die ihn nicht kennen, in gesicherten Stellungen, mit gerechten Ansprüchen auf Achtung und Anerkennung. Der arme, reiche Mann vom Lande kann das Gewicht seiner Stimme und seines Geldsackes nicht mehr geltend machen, es gibt keinen Lehrer zu cujoniren oder durch Geschenke zum gehorsamen Diener zu machen; er kann ihn nicht einmal nach Belieben fortjagen, — was jüngst als ein Stück jüdischer Gemeinde- und Gewissensfreiheit von dem Leiborgan der Orthodoxie allen Ernstes gefordert wurde; — fabelhaft, doch wahr und bezeichnend! — er kann nicht dreinsprechen, er darf nicht einmal schwätzen oder laut beten und beliebig mitsingen in der Synagoge; kurz, sein ganzes Vergnügen am Religionsleben ist gestört! Ist es ein Wunder, wenn der Mann sich empört? Nun, da haben wir den neuen Orthodoxen, das Material zu den frommen Separatgemeinden. Der Mann war zu Hause, in seiner Heimathgemeinde durchaus nicht so sehr streng; er nahm es selbst mit der Sabbathfeier nicht sehr genau; er will auch in dieser Beziehung, in seinem ganzen religiösen Thun oder was er dafür hält durchaus nicht anders werden; aber — er ist minder beschäftigt und muß darum eine Rolle spielen; also —- gründen wir eine Separatgemeinde, für uns! Das sind die Männer, welche in Verbindung mit einigen oppositionslustigen Kehillamännern Zerwürfnisse und Spaltungen überall hintragen, wo sie hinkommen, den Frieden der Gemeinden stören und jedes gesunde Leben der gegenwärtigen jüdischen Gemeinden vernichten. Da ist nirgends Ueberzeugungstreue, frommer Sinn oder Pietät. Da ist nur Rechthaberei, Streitsucht und Gewalt. Diese Männer, selbst wenn sie es wüßten, fühlen doch nicht, wie sie das Judenthum in seinem Bestände erschüttern, seine Kroft lähmen. Das kümmert sie sehr wenig. Sie kennen nachgerade nur ihre kleine, fanatische Partei. Sollten sie aber nicht erkennen, daß sie damit auch eine Scheidewand ausrichten zwischen sich und ihren Kindern? Daß sie diese dadurch der völligen Entfremdung preisgeben? Daß sie in solcher Weise das Ansehen des Judenthums und der Judenheit, die Kraft, die in der Einheit liegt, schädigen und ungekannte sociale Gefahren heraufbeschwören? (Schluß folgt.) Alliance israelite. Die Allianz versendet soeben den Bericht ihrer unter Vorsitz des Hrn. Derenbourg am 19. März letzthin abgehaltenen Monats-Sitzung und wir geben hier den wesentlichen Inhalt desselben. 1) Hr. Rosenfeld erstattet Bericht Namens der Com- Mission, welche die Anträge der am 10. und 11. Decbr. zu Berlin abgehaltenen Versammlung zu prüfen hatte. Dieser aus 84 Mitgliedern bestehenden Versammlung war ein Plan des Hrn. Makower Vorgelegen, nach welchem man in Deutschland einen eigenen Verein bilden und sich von der ״Alliance" ganz und gar trennen sollte — ein Plan,- gegen den jedoch Hr. Neumann protestirte und den die Versammlung verwarf. Man beschloß vielmehr, einen deutschen Verein zu bilden, der