Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 20 (14.5.1873)
- Date
- 1873-05-14
- Page
- Seite 158 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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158 sie sind immer munter und unter Scherz und Lachen verrichten sie ihre harte Arbeit; hier 100, dort 200, weiter hin 500 Ballen Baumwolle die Landungstreppe hinan an Bord zu bringen. (Schluß folgt.) FeuikEeton. David Einhand. Erzählung von Eduard Kulke. Erste» Eapitel. Todt ist todt. Finkel Oebstlerin konnte jetzt nicht mehr wie ehedem mit ihren schönen Pfirsichen, Kirschen, Aepfeln, Birnen oder Weintrauben, je nachdem es die Jahreszeit mit sich gebracht, von Haus zu Haus durch die Gasse gehen. Sie hatte sich eine Erkältung zugezogen, und es konnte ihr der Arzt nicht helfen mit Säften und Latwergen, ebensowenig wie die Psalmen Davids, die in der Synagoge ihrer Rettung halber in melancholisch gezogenen Weisen zum Himmel emporgesendet worden. Da lag sie auf der harten Erde, angethan in den weißen Sterbegewändern; draußen vor der Thüre des kleinen Häuschens stand ein Büttel voll Wasser, daneben zimmerte ein Mann aus einigen alten Brettern die Lade (den Sarg) mit einein Zimmermannsbeil, nachdem er vorher mit einem Faden an dem Leichnam daß Maß genommen hatte. Drinnen in der Sterbekammer saßen drei Männer an dem Tische und lernten einen Abschnitt aus der Mischnah zum Heil der abgeschiedenen Seele; in einem Winkel aber kauerte David, der arme betrübte Sohn, der seine Mutter und mit ihr sein Alles verloren hatte. Er lag da in stummem Schmerz und ließ die Bilder der letztvergangenen kummervollen Tage an seinem Geiste vorüberziehen. Der summende, singende Ton der gedungenen Mischnah-Lerner störte ihn nicht in seinen schmerzlichen Betrachtungen, ebensowenig die unzeitgemäßen Reden und Erzählungen, die einer oder der andere von ihnen in den Erholungspausen vorzubringen für gut befunden hatte. Er hörte nicht, was sie lernten, er hörte nicht, was sie sprachen und erzählten, er dachte nur an sie, die auf der Erde lag und der das Leben entslohen war; er dachte nur an sie, die ihn gestern noch über seine Zukunft zu trösten gesucht, und derenletzter Seufzer ihm gegolten hatte. ״Mein Kind-Leben!" — so hatte die sterbende Mutter gesprochen, indem sie die Hand des Sohnes krampfhaft festgehalten. — ״Mein Kind-Leben, thu nicht weinen und thu Dich nicht betrüben. Als es des Oebersten sein Wille ist, kann sich der sündige Mensch nicht gegen ihn auflehnen. Als er mich ruft und mich zu sich nehmen will, muß ich ihm folgen und muß gehen. Da nützt kein Widerred. Um mein Person ist es mir auch gar nicht; warum, sterben muß einmal ein jeder Mensch, und über kurz oder lang kommt an ein' jeden sein Zeit. Heut der und morgen der. Und glaub mir, ich sterb gern. Was nimmt man aus auf der sündigen Welt? Ein paar Jahr mehr, ein paar Jahr weniger. Alles Eins ist es! Ich Hab mich mein Lebtag genug geschunden und geplagt. Hält mir der Oeberste im Himmel noch das Bissel Leben gelassen, hätt ich mein Obstbutten noch weiter herumgetragen und wie ich es bis allher herausgebracht Hab, hätt er mir weiter auch geholfen. Hat er es anders beschlossen, muß es mir auch recht sein. Das Einzige, was mir dieie letzte Stund verbittert, ist, daß ich Dich zurücklassen muß, und weiß nicht, wie es mit Dir sein wird. Zwar von wegen dem Stückel Nahrungszweig Hab ich Deinetwegen keine Sorgen, denn Du bist allzeit ein gut Kind gewesen und hast gearbeit', was Du gekonnt hast. So gut wie andere Jungen in das Dorf hinausgehn, kannst Du auch hinausgehn, und so gut wie andere Jungen sich ernähren, wirst Du es mit Gottes Hilf auch. Aber" — und hierbei seufzte die sterbende Mutter tief auf, daß es dem zu Tode betrübten Sohn wie mit zweischneidigen Messern durchs Herz schnitt — ״aber David- Leben! Die Recrutirung ist vor der Thür und Du bist das erste Mal an der Zeit. Gott der Allmächtige soll in Deiner Hilf sein! Das ist es, was mir den Tod schwer macht. Wenn ich nur über das Eine beruhigt sein könnt, wenn ich nur die Gewißheit mitnehmen könnt, daß man Dir, Gott soll hüten, nicht das weiße Frackel anthun wird, glaub mir, dann möcht' ich leicht sterben! Wein' nicht, David-Leben! Es ist eine Narreschkeit von mir, daß ich jetzt, anstatt Dich zu trösten, Dir mit solchen Reden das Herz schwer machen thu! Thu Dich nicht betrüben, Kind-Leben! Gott wird Dich nicht verlassen! Höre mir jetzt zu, was ich Dir werd' anvertrauen. Wenn Du vom Schubladkasten das unterste Fach aufziehen wirst, dann wirst Du auf der linken Seit' ganz inr Winkele versteckt einen alten, zusammengerollten Strumpf finden. Den Strumpf mach auf und nimm heraus, was drinnen liegt. Es ist ein Loos, was ich mir, wie Dein seliger Vater noch gelebt hat, von meinem ersparten Geld hinter seinem Rücken gekauft Hab bei Frankfurter in Nikolsburg. Ich Hab Dein' Vater nichts davon gesagt und es hat auch außer Frankfurter in Nikolsburg kein Mensch auf Gottes Erdboden nichts davon gewußt, daß Finkel Oebstlerin, die mit dem Korb Obst durch die Gasse geht, daheim im Kasten ein Loos liegen hat. Du bist der erste Mensch auf der Welt, der es von mir hört. Wie oft Hab ich das Loos schon verkaufen gewollt! Du mögst mir glauben, Kind-Leben, es hat Zeiten gegeben, wo ich es als eine Sünd betrachtet Hab, das Loos im Kasten liegen zu lassen, wenn ich geseh'n Hab, wie Dein armer Vater, — im Paradies ruht er und mein Fürbitter soll er sein! — sich geschunden hat und hat nicht schlafen gekonnt bei Nacht vor lauter Sorgen. Aber alleweil, wenn ich den Strumpf, in dem