Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 20 (14.5.1873)
- Date
- 1873-05-14
- Page
- Seite 157 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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157 ' tönten von allen Seiten aus den Häusern der armen Ein-! wohner. Allein, wer wagte es in diesem ungeheuren ties reißenden Wasserstrome zur Rettung herbeizueilen? Doch wagten mitleidsvolle Männer ihr Leben, gingen mittelst Leitern durch die Fenster in die Wohnungen der Unglücklichen, retteten vorerst nach Möglichkeit Kinder, und dann die Hausgeräthe. Ein sechsjähriger Knabe, dessen Rettung trotz aller Anstrengungen unmöglich war, ertrank in einem Zimmer; ein Fuhrmann, welcher vor diesem wilden Strome entstiehen wollte, sank wie Blei in dem tiefen Wasser unter. צלל כעופרת אדירים במים In den Handlungen wurden die Maaren sehr verdorben. Viele Einwohner werden die ganze Woche mit dem Wasserausschopfen noch beschäftigt sein. Furchtbar war die Erscheinung für die Zuschauer. Bewahre uns Gott ferner vor solchen Zufällen! — Anläßlich der Vermählung der Erzherzogin Gisela illuminirten unsere jüdischen Mitbrüder freudig. Ein solenner Gottesdienst wurde abgehalten, um Heil zu erflehen für unser kaiserlich-königliches Haus und die Neuvermählten, und der Rabbiner, Herr Jsaac Goldschmidt, predigte in der jüdischen Gemeindeschule. _Osias Atlaß. Jtandfcftcm. 83. (Jüdische Zustände in Amerika. Fortsetzung aus Nr. 4.) 5) Von Vicksbürg, erzählt Hr. Ellinger, begab ich mich nach New-Orleans, das ich mit der Eisenbahn in circa 18 Stunden hätte erreichen können; ich zog es aber vor, den Mississippi hinunter zu fahren, da mir dies mehr Gelegenheit geben würde, Land und Leute und deren gegenwärtigen Zustand kennen zu lernen. Ein Hinderniß sollte sich meinem Zwecke jedoch sofort in den Weg stellen: die Kälte des diesjährigen Winters, die sich in diesem südlichen Klima mit einer Strenge fühlbar machte, welche des hohen Nordens würdig gewesen wäre. Aber ich muß gestehen, daß meine hochgespannte Erwartung auch in anderer Weise getäuscht wurde: ich erwartete am ״Vater der Wasser" Ufer wie etwa die des Rheins und der Donau in ihrem größeren Theile, die das Entzücken des Naturfreundes sind. Allein so tapfer ich auch der Kälte und dem Winde auf dem Verdecke Trotz bot und so sehr ich auch meine Augen anstrengte — ich konnte nichts entdecken, als flache, reizlose Gegenden, hier und da von einer niedrigen Erdhütte und von aufgestapelten Baumwollen-Ballen unterbrochen. Die Dampfer können mit denen des östlichen Amerikas keinen Vergleich aushalten und nur in einer Beziehung übertreffen sie dieselben: die Tafel am Bord des ״Natchez" bot eine so große Mannichfaltigkeit und reiche Auswahl von Delicatessen, wie die des feinsten Gasthofs. Eine buntschäckige Reisegesellschaft saß rund um die rothglühenden Oefen her, deren es in der Cajüte drei gab und die, obschon sie von den farbigen Dienern fortwährend in diesem Zustand erhalten wurden, kaum die starke äußere Kälte abzuhalten vermochten. Da saß zuerst der Mississippi-Pflanzer, der nach New- Orleans geht, um seine Baumwolle zu verkaufen und nicht blos die Mittel zurückzubringen, um seine in vergangenen Jahren beim ״Landkrämer" gemachten Schulden zu bezahlen, sondern womöglich auch für die kommende Jahreszeit Arbeiter zu miethen, die ihm beistehen, den kostbaren Stapelartikel zu pflanzen und einzuthun. Er ist zugänglich, gesellig und läßt sich mit dem Fremden gerne ins Gespräch ein. Natürlich sind sie fast Alle Rebellen, Secessionisten, Gegner der Union gewesen, aber sie machen sofort den Eindruck der Freimüthigkeit, Mannhaftigkeit, Ehrlichkeit in ihrer Erklärung, daß sie nun eifrige und aufrichtige Freunde der Union seien; daß sie, selbst wenn Gelegenheit und Aussicht auf Erfolg sich böte, sich wohl hüten würden, die Sclaverei wieder einzuführen, die sie als den größten Fluch des Landes ansehen. Sie haben sicherlich mehr Wohlwollen für den Neger, als man glaubt; sie brauchen den Farbigen, wünschen seine Arbeit, wollen mit ihm in Frieden leben. Es besteht ganz gewiß im Süden weniger Antipathie und Racen-Vorurtheil gegen die ״Nigger" als im Norden. Das weiße und das farbige Kind wachsen zusammen auf, spielen mit einander, sind ihre beiderseitige Art und Eigenthümlichkeit gewohnt. Wären die Aankee-Abenteurer und Stellenjäger nicht, welche die niedrigen Leidenschaften des Negers aufregen, Haß und Furcht in der Bevölkerung nähren, die Farbigen in geheime Gesellschaft vereinigen und zusam* menhalten — der Süden würde rasch wieder seine ftühere Blüthe erreichen und die Union hätte keine besseren und wärmeren Freunde, als diese vormaligen Rebellen. Eine zweite Classe der Reisenden auf den Mississippi- Booten, ein interessantes Bild darbietend, sind die Negerfamilien, die jetzt beständig von Stadt zu Stadt, von Plantage zu Plantage wandern. Zwischen Vicksburg und Natchez, landet das Boot an fast jeder Plantage und jedesmal werden einige dieser jetzt freien Nomaden entweder gelandet oder an Bord genommen. Zuerst kommt die Alte, in einem Arm.ein Bündel mit ihren Kostbarkeiten, in dem andern eine Masse Hühner, Gänse, Enten; ihr folgt die hoffnungsvolle Kinderschaar und gleich dahinter kommen die Männer, die den ganzen Hausrath des wandernden Stammes auf ihren Schultern tragen: Kochofen Bratpfanne, Bettlade, Matratze, Wassereimer, einen Tisch von Tannenholz und ein halbes Dutzend Stühle. Den am Bord befindlichen farbigen Arbeitern scheint die Ankunft ihrer Brüder immer viel Spaß zu machen. Einen bewundernswerthen Zug fand ich stets bei diesen Schwarzen: