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Jüdische Volkszeitung · 1873-05-14 · 20 (14.5.1873) · p. Seite 159

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
20 (14.5.1873)
Date
1873-05-14
Page
Seite 159 (sequence 7)
Language
German
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159 es eingewickelt liegt, in die Hand genommen Hab, um es herauszunehmen und es hinaufzutragen auf Nikolsburg zu Frankfurter, alleweil ist es mir gewesen, als wie wenn mir einer die Hand gehalten hätt und hätt zu mir gesagt: Nein, Finkel, das Loos rühr nicht an! das Loos heb Dir auf! es wird zu Deinem Glück sein! Und es ist mir gewesen, als wie wenn meine selige Mutter — im Paradies ruht sie! — so zu mir gesprochen hätt und so Hab ich mich nicht getraut, den Strumpf aufzuwickeln und ich Hab die Schublad' wieder zugemacht und Hab mir mein Loos gehalten und Hab gewartet auf das Glück, das es mir bringen soll! Ich Hab gewartet und gehofft, und so wart' und hoff' ich noch heut in meiner letzten Stund. Nun, David-Leben, auf was ich gehofft Hab, das hat sich nicht erfüllt, einen Treffer Hab ich nicht gemacht; aber was ich jetzt hoff, das ist kein Treffer mehr, mir aber wäre das der liebste Treffer, und der, hoff ich, soll sich erfüllen; ich hoff, daß das Loos Dich freimachen wird! Es ist leider das Einzige, was ich Dir vermachen kann, nnd wenn Du es aufheben und behalten könntest, wär' mir gewiß lieber. Aber als es nicht sein kann, kann es nicht sein, und wenn es Dich frei macht und bewirkt, daß sie Dir nicht, Gott soll hüten, das weiße Frackel anziehen, dann hat es mir den besten Dienst geleistet und ist mir lieber, wie alle Treffer auf der ganzen Welt. Also hör zu, Kind-Leben, was ich Dir da sagen werd: Das Loos wirst Du nehmen und wirst damit hinübergehen zu Reb Joine Glück. Er ist von Deinem Vater — im Paradies ruht er — allezeit ein guter Freund gewesen. Ihm wirst Du das Loos geben und wirst ihm sagen, das ist das Einzige, was Dir Deine Mutter hinterlaffen hat, aber Du gibst es ihm, er soll Alles in der Welt sehen, Dich frei zu machen; er soll zu der Gemeinde gehn, wenn sie Sonntag Sitzung haben und soll reden, und soll ihnen ein Bissele an das Herz rühren, daß sie sollen mit Dir Barmherzigkeit haben. Wirst ihm sagen, Deine Mutter hat sich darauf verlassen, daß er Dir helfen wird, und ich hoff zu Gott, er wird es thun. Und jetzt, mein Kind-Leben, Hab ich Dir Alles gesagt, was mir noch aus dem Herzen gelegen ist, ich geh jetzt hin, wo Dein Vater ist und auf jener Welt werden wir uns einmal wieder sehen." So hatte das arme Weib gesprochen zu dem tief betrübten Sohne. Des anderen Tages waren die Klageweiber gekommen und haben Gebete geflüstert mit der Sterbenden und das Fenster geöffnet, daß die vom Körper sich lösende Seele einen Ausweg finde, um hinaufzuschweben in den Himmel, dann hatten sie den Leichnam auf die Erde gelegt und das Wasser vor die Hausthür gestellt und alle die Ceremonien geübt, welche vorgeschrieben sind für die Behandlung des Leichnams. Alle diese Bilder zogen an Davids Geist vorüber. Jedes Wort, welches die Mutter gestern noch gesprochen hatte, stand lebendig vor seiner Seele und er konnte es nicht begreifen, daß sie, die gestern noch ihm so viel Liebe und Zärtlichkeit bewiesen, die ihn getröstet und ermuthigt und ihm Rath gegeben und die That hinzugefügt, daß sie nun todt sein solle und für ihn kein Wort mehr habe. Er konnte es gar nicht glauben, daß sie wirklich gestorben; er meinte immer, sie werde sich wieder aufrichten, und werde ihm winken mit der Hand, die gestern noch in der seinen lag, und er werde hingehen zu ihr und werde wieder ihre trostreiche Stimme vernehmen. Nein! Sie richtete sich nicht wieder auf, sie winkte ihm nicht mehr mit der Hand und ihre tröstende Stimme hörte er nicht wieder. Todt ist todt. Es kamen die Männer, die ernsten — die Genossen von der heiligen Brüderschaft — sie hoben den Leichnam in die Höhe, legten ihn auf die Bahre, deckten ein schwarzes Tuch über denselben und trugen ihn hinaus auf den ״Guten Ort" — und hinter der Bahre schritt ein Mann und klapperte mit einer Sammelbüchse, die er in der Hand hielt und rief: Gerechtigkeit errettet vom Tode! Draußen auf dem ״guten Ort" legte man die gute Oebstlerin in das Grab hinein, das man für sie gemacht hatte; dem Sohne, der mit nassen Augen an dem Grabe stand, machte man einen Riß in sein Gewand; darauf wurde das an die Schauer der Unendlichkeit mahnende Gebet: ״Der Fels, vollständig ist sein Werk" — gesprochen, das Grab mit Erde zugeworfen, Steine auf dasselbe gelegt und die Ceremonie der Beerdigung war vorüber. Man ging nach Hause. Auch David ging heim, und setzte sich auf die Erde, die sieben Trauertage zu erfüllen. So saß er denn da, der arme David, den Kopf in der Hand und den Tod im Herzen. Dort auf dem Ofen brannte düster ein Oelslämmchen, das Seelenlichtlein, das dreißig Tage lang unterhalten wird, und warf einen unheimlichen Schein auf die im Stübchen befindlichen Gegenstände, die ihm sonst so freundlich zugelächelt, und auf die Leute aus der Gasse, die gekommen waren zu trösten den Trauernden. Sie kamen ohne Gruß und gingen ohne Gruß, diese unheimlichen Tröster und sprachen mit ihm von allerlei gleichgültigen Dingen, von denen sein Herz nichts wußte. Auch Reb Joine Glück war gekommen, aber er sprach nicht viel, er saß da und betrachtete schweigend den Trauernden und hatte tiefes Mitleid mit ihm, und nachdem er eine gute Weile dagesessen, ging auch er wieder ohne 'Gruß, wie er gekommen war. Am Freitag Abend ging David zur Synagoge und blieb draußen stehen in der Vorhalle bei der Thüre, bis nach dem ״Lecho dodi" der Rabbiner und zwei Gemeindeälteste ihn mit den Worten: ״Gott tröste Dich unter den Trauernden um Zion und Jerusalem" — in die Synagoge einführten, worauf er sich ganz unten, da wo die Schnorrer stehen, aus die Bank der Trauernden niederließ. (Fortsetzung folgt.) *

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