Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 20 (14.5.1873)
- Date
- 1873-05-14
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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154 ganz neue und nicht auch viele alte, vielleicht noch dauerhastere Bausteine verwenden? Baut sich ja im regelrechten Lauf der Welt nach Gottes Ordnung das Neue stets auf dem Alten auf! Aber die Gewissensfreiheit? Dieser geschieht, wie schon in den Debatten des Gemeindebundes geltend gemacht, durch den, einer Gemeinschaft, welcher man angehört, zu leistenden Beitrag ebensowenig Eintrag, als sich Jemand darüber beklagen darf, daß er — und hier sogar nicht nur mit seinem Vermögen, sondern auch mit seiner Person und seinem Blute — der Stadt und dem Staate, zu denen er zählt, nach Kräften seine Beisteuer leisten muß. Es ist demnach unleugbar, daß die von der lauen und stabilen Partei vorgeschützte Gewissensfreiheit (welche sich — beiläufig gesagt — im Munde der letzteren freilich ebenso urkomisch als bei Windthorst, Mallinkrodt und Consorten ausnimmt) hier nur als willkommener Deckmantel der Beutelfreiheit gemißbraucht wird. Deshalb müssen wir es auch — so ungern wir über den genialen, hochverdienten Mann ein ungünstiges Urtheil fällen — doch quia errare humanum 68t als einen beklagenswerthen Mißgriff Lasker's bezeichnen, daß er in übel angebrachter Principientreue die den Christen zu gewährende Freiheit: aus der Angehörigkeit zu einer Confession auszutreten, ohne zugleich zu einer anderen sich zu bekennen, auch den Juden zu vindiciren beantragte. Denn ״Eines schickt sich nicht für Alle", und wenn die durch staatliche Beihilfe, Legate re. so.wohl fundirte katholische und evangelische Kirche dabei sehr wohl existiren kann, so müßte doch im Judenthum durch solche den Einzelnen zugestandene Willkür der größte Theil der Gemeinden in ihrem Bestände gefährdet werden, und ist daher von deren Seite um der Selbsterhaltung willen alle Energie daran zu setzen, um solcher, nur den destructiven Elementen in ihrer Mitte genehmen Freiheit, die leicht zur Anarchie führen könnte, den Zugang zu versperren. Sollte es aber allen Bemühungen und Bestrebungen Zum Trotz nicht gelingen, auf die Landes- und Reichslegislation in diesem rationellen Sinne einzuwirken und «ne eventuelle Vorlage im Geiste obengedachten Antrages xartout Gesetzeskraft erlangen, nun, so mögen denn diejenigen, welche um ihres persönlichen Vortheils, des puren Eigennutzes willen das Zerwürfniß lieben und fördern, an uns gelehrige Nachahmer unserer gleichgesinnten Brüder in Baden finden, welche diese Apostaten der Gemeinde von allen Rechten und Emolumenten derselben ausschlossen, damit gewissermaßen das Psalmwort (109, 17): ״Da sie Fluch liebten, treffe er sie, weil sie Segen nicht mochten, bleibe er fern von ihnen" ״Maß für Maß" an ihnen sich erfülle. Wer Haß säet, könnte der wohl Liebe ernten? Der Wahlspruch dieser Hyper- und Afterorthodoxen ist: ״Wer nicht für uns, der ist wider uns und werde rücksichtslos bekämpft", nun, so Mögen sie denn ״in die Grube fallen, die sie gegraben, sich verstricken in dem Netz, das sie ausgespännt." Sind sie doch unsere Ultramontanen und Infallibilisten, es gilt darum, so sie's darauf absehen, den gleichen Kampf wie im jenseitigen Lager gegen dasselbe Genre. Und reichen —wie ja so oft die Extreme sich berühren — deren Gegenfüßler in ihrem Herzlosen Jndifferentismus jenen tapfer die Rechte, so haben auch sie sich der gleichen Maßnahme würdig gezeigt, und werde sie denn an ihnen, ob sie sie nun mehr oder minder schmerzlich empfinden, in derselben Weise bewährt. Vielleicht bringen sie Scham und gefährdetes (materielles und geistiges) Interesse Zur Erkenntniß ihres tact- und gewissenlosen Treibens und führen sie reumüthig den, in clericalem Uebermuth verpönten oder aus eisiger Herzlosigkeit verlassenen Brüdern wieder zu. Ob aber so oder anders, die Integrität der Gemeinde muß und wird auch erhalten bleiben, und der Gemeindebund würde seinem Statut, das unter seine Hauptziele ausdrücklich die ״Fürsorge für gesicherten Fortbestand des einheitlichen Rechtsverbandes der Gemeinden" ausgenommen, in einem für ihn am Ende wesentlichsten Punkte gar mangelhaft entsprechen, wenn zur Erreichung dieses Zweckes nicht alle mögliche Kraft und Gewandtheit aufgewendet würde. Wo es sich nahezu um ״Sein oder Nichtsein" handelt, da ist der äußerste Kraftaufwand eine unerläßliche Anforderung an die dem Gemeinwesen Angehörigen, legt doch in solchem Falle bei einem Staate das ganze Volk seinen letzten Groschen und Mann auf den Altar des Vaterlandes als Opfer nieder. Und thue ich nach dem Worte Moseh's (Deuter. 4, 32), blicke ich ״in die Vergangenheit" Israels zurück, um daraus seine Zukunft zu erspähen, so treten Hunderte und Tausende von Thatsuchen als Bürgen dafür auf, daß die Lebenskraft unseres Volkes auch diese gefährliche Klippe glücklich umschiffen, und ״der Hüter Israels, der nicht schläft und nicht schlummert", ihm Wege weisen, Männer voll Weisheit und Stärke ihm erstehen lassen werde, welche die Gefahr sicher beschwören und es in den sicheren Port festen Bestandes hineinleiten werden. Die es aber anders wollen, erhoffen, erstreben, ihrer ״lacht und spottet der im Himmel thront." Haben wir es doch in den jüngsten Tagen selbst erlebt, daß was als Utopie verschrieen, als demagogische Phantasterei verpönt worden, nachdem es seit mehr als einem halben Jahrhundert das heißersehnte Palladium aller denkenden wahrhaft patriotischen Männer gewesen, wie urplötzlich und herrlicher als jene es sich je träumen ließen, zur Wirklichkeit geworden: die Wiedererstehuna nämlich des deutschen Reiches, verbunden mit dem Zusammenstürz der Hierarchie und des Jesuitismus hüben und drüben. Und daniit ist auch uns in Betreff des anderen Lebensnervs, von dem hier die Rede sein soll, hinsichtlich der israelitischen Religionsschule, die Bahn frei gemacht, oenn schon ist der Hinderer, welcher jene völlig ignorirte und ihr staat-