Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 19 (7.5.1873)
- Date
- 1873-05-07
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 ״Wie, meint der große Rabbi vielleicht Don Abraham, den Kozin (Reichen)? Daß aber ein so frommer Mann nach einem solchen Poschea Jisroel (Sünder), der das ganze Jahr nicht in der Schul (Synagoge) zu sehen ist, der Trefe (verbotene Speisen) ßßt, fragt! Hier wundert sich Jedermann, daß er noch nicht abgefallen ist von der Religion Israels und dann sein Name aus dem Buche des Lebens ausgestrichen würde. Gewiß, mit ihm kann ein so frommer Rabbi nichts zu schaffen haben." Solchen Rufes erfreut sich also mein Himmelsgefährte, dachte Raschi. Aengstlich in sein Herz blickend, stellte er eine Selbstprüfung an, ob er nicht einer Sünde, einer Gesetzes- Übertretung sich zu zeihen hätte, weil er einer solchen Täuschung sich hingegeben habe. ״Gewiß, den Mann besucht der große berühmte Rabbi nicht", sagte der Unbekannte, den er gefragt hatte. ״Ei, warum das", erwiederte Raschi, ״vielleicht kann ich ihn noch auf den rechten Pfad leiten, ihm Orchos chajim (Lebenswege) lehren, ihn bekehren!" Raschi begab sich nun geraden Wegs nach Don Abraham's, des Kozin Wohnung. Beim Anblicke des Palastes waren seine Sinne wie gefangen genommen. Eine wahre Götterwohnung, voll Schönheit und Kunstgeschmack. Nur etwas vermißte er; — das Prachtgebäude gehörte ja keinem glaubenstreuen Israeliten. — Nachdem er das Portal überschritten hatte, befand er sich in einem offnen Hofe, wo Dienerschaften in goldbetreßter Livree sich hin und her bewegten und die Menge der Fremden empfingen, welche in prächtigen Wagen angefahren kamen. Bei all dem war Raschi zur augenblicklichen Rückkehr entschlossen und wandte sich zu diesem Zwecke an die Dienerschaft, um wieder den Rückweg anzutreten. Dadurch wollte er vor Gott Entschuldigung finden. Einer der Diener hielt ihn indessen zurück, bezeugte ihm die höchste Hochachtung, geleitete ihn zu den Stufen hinauf [in ein reichlich ausgeschmücktes Gemach, und bat ihn, einige Almuten zu verweilen. Als er sich dort allein befand, sagte er vor sich hinredend: ״Hier muß ein Jrrthum obwalten. Der Mann ist kein guter Jude und aller Religiosität bar; der hat schon auf Erden sein Gan-Eden (— Paradies —), wie kann ihm nun jenseits die Wonne der Seligkeit Vorbehalten sein? Wie kann er zu denen gehören, von den die Weisen lehren: sie, die Frommen, sitzen dort, mit ihrer Krone auf dem Haupte, und genießen das Entzücken, den Glanz der Schechina (Gottheit) zu schauen? Um wieder in die Bahn der Ergebung und Selbstverleugnung zu gelangen, dazu ist der Mann zu reich. Doch, ich will meine Schuldigkeit thun. Vielleicht bin ich das Werkzeug dazu in der Hand der Vorsehung." : In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und herein - trat der nun öfters genannte Don Abraham, ein schlanker, stattlicher Mann von 30 und etlichen Jahren. Freundlich grüßend hieß er den Rabbi willkommen, hinzusetzend: ״ich will hoffen, gelehrter und frommer Rabbi, daß mein bescheidenes Obdach durch Deine lange Anwesenheit geehrt werden möge." ״Fromm", versetzte Raschi, ״wie kann ein reicher Herr, wie der, den ich jetzt spreche, davon reden, wie von Frömmigkeit sprechen, als Verächter des Gesetzes? Ich kündige Dir an, ich bin gekommen im Namen unseres Gottes." ״Deß bin ich sicher", unterbrach Don Abraham lächelnd, ״und deshalb wiederhole ich mein ״Willkommen". Was übrigens Deine Vorwürfe, theurer Rabbi, betrifft, so kannst Du Dir diese recht gut ersparen. Ich habe mir nun einmal meine Lebensweise festgesetzt. Ich bitte den Rabbi freundlich zu sein und uns näher bekannt werden zu lassen. Vor Allem aber bitte ich Dich, mich morgen zu meiner Hochzeitsfeier mit Deinem Besuche zu beehren." ״Du verheirathest Dich also, am Ende gar mit einer nichtisraelitischen Jungfrau?" ״O, nein, mit einer Tochter Israels, mit einem liebenswürdigen, gutmüthigen Mädchen. Komm morgen und siehe, geehrter Rabbi." ״Ist sie reich?" ״Nein." ״Wohl, käme sie in ein gutes, jüdisches Haus, so wäre es vor Gott angenehm. Doch, wer weiß, es kann eine Mitzwah (eine religiöse Gesetzeserfüllung) sein, ich will kommen." Die Unterhaltung wurde durch einen Diener unterbrochen, welcher eine arme Frau anmeldete. ״Lasse die Frau einen Augenblick warten", sagte Don Abraham. ״Ein armes Weib", sprach Raschi, ״morgen Deine Hochzeit und noch hast Du die Armen nicht bedacht, läßt Dich erst an Deine Pflicht mahnen, welche Schande!" ״Mein lieber Rabbi", sagte Don Abraham, ״Du bist zu strenge, urtheile geneigter. — Komm mit mir zu der Frau und richte Deine Fragen an sie selber." Sie betraten gemeinschaftlich das Vorzimmer. Auf Befragen Raschi's antwortete die Frau: ״Soweit mir bekannt geworden, ist Z'daka (Almosen) überall hin vertheilt worden; indeß komme ich nicht deshalb." Raschi fühlte sich nicht wenig freudig überrascht, zu vernehmen, daß sein himmlischer Zukunftsfreund mindestens mildthätig sei. Er verhielt sich weiter schweigend, während Don Abraham die Frau fragte: ״Was beliebt Ihnen, womit kann ich Ihnen dienen?" ״Ihren Rath brauche ich", sagte die Frau. ״Sprechen Sie, seien Sie sicher, der soll Ihnen werden."