Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 19 (7.5.1873)
- Date
- 1873-05-07
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 151 — Die Frau begann: ״Ich bin eine arme Wittwe mit vier Kindern. Drei derselben sind noch ganz jung. Mein ältester Sohn, ein Jüngling von 18 Jahren, arbeitete für uns. Durch seine Rechtschaffenheit und seinen Fleiß hat er uns ein ganz anständiges, wenn auch bescheidenes Auskommen verschafft. Nun ist er aber krank, gefährlich krank." ״Nun, gute Frau, da brauchen Sie einen Arzt. Ich will Ihnen meinen Doctor senden", sagte Don Abraham. ״O, nein, ein Arzt hat für ihn keinen Zweck. Mein Sohn ist krank — — vor Liebe, durch getäuschte Liebe. — Ein junges Mädchen, arm und rechtschaffen, wie er selbst, gedachte er zu heirathen. Das arme Mädchen soll aber von seinen Eltern gezwungen werden, einen andern Mann zu heirathen, einen reichen" — ״Frau, warum sagen sie das mir", sagte Don Abraham ziemlich heftig. ״Weil Sie der in Rede stehende, durch den Willen der besagten Eltern bestimmte Mann sind. Ich habe geredet. Das Uebrige überlasse ich Ihnen gegenüber Gott und Ihrem Gewissen!" ״Wie heißt Ihr Sohn?" fragte Don Abraham. 4 ״Abraham ben Manuel", erwiederte das Weib. ״Gut", sagte der reiche Don, ״gehen Sie." Das Weib ging. Als sie allein waren, bemerkte Raschi, wie Don Abraham todtenblaßdasaß und große Schweißtropfen an seiner Stirne perlten. ״Im Ganzen betrachtet", hob Raschi an, ״ist nichts an der Sache. Ich habe während meines Lebens noch von keinem Manne gehört, der an den Folgen der Liebe gestorben wäre. Du kannst sicher sein, daß auch dieser junge Mann nicht in deren Folge stirbt. Die herangereifte Jugend macht manchmal mit der Liebe viel Lärm; eitel Strohfeuer! Es wird nicht lange anstehen und — er findet ein anderes Mädchen, gerade so schön und einnehmend. Die Anmuth ist Lüge, und Tand die Schönheit, sagt Salomo." ״Es gibt keine zweite wie sie", erwiederte Don Abraham leidenschaftlich. ״Es gibt nur eine Sonne am Himmelsgewölbe; verschwindet sie, so ist Alles dunkel. Die Wiese hat kein Grün, der Garten keine Blumen mehr. Ein Leben ohne Liebe, — ein Tag ohne Sonnenschein. Ach ja, die Frau hatte Recht." ״Nun ja", sagte Raschi. ״Ich wollte Dich nur trösten. Es ist des Gastes Pflicht, am Harm des Wirths Theil zu nehmen. Es mag Abraham ben Manuel unangenehm, sogar schmerzlich sein. Doch ich halte dafür und sage: Lebensgefahr ist hier nicht. Jndeß sollte für die Familie etwas geschehen und zwar von Bedeutung." ״Du hast Recht, großer Lehrer! Ich hoffe bis morgen damit am Ziele zu sein. Vergiß nicht, zur Minchazeit (Vespergebetzeit) mich zu besuchen, wie Du verheißen." Am nächsten Tage war der Rabbi zur bestimmten Stunde pünktlich im Palaste von Don Abraham. Durch das Portal drängte sich ein wahrer Strom von Gästen, welche dem reichen Hausherrn Glückwünsche darzubringen sich anschickten. Die Chuppa '(Baldachin, wo die Hochzeits-Ceremonie stattfindet) war im Hofe aufgerichtet. Das Marmorpflaster war mit Blumen bestreut und die Braut trat bei Musik und Fackeltanz in den Hof ein. Der Notar begann den Ehevertrag vorzulesen. Don Abraham trat vor und redete laut und vernehmlich: ״Nur eine Kleinigkeit ist noch nachzutragen. — Der Name des Bräutigams ist nichtAbraham ben Gerson, sondern Abraham ben Manuel. Ich bin nur der Schadchan (Vermittler) der Heirathspartie gewesen. In jeder andern Beziehung bleiben die Vertragsbestimmungen unverändert, mit Ausnahme des Zusatzes, daß Abraham ben Manuel meine Geschäfte leiten solle, während ich durch Reisen vom Hause abwesend bin. So geleite nun die Musik Abraham ben Manuel und seine Angehörigen in den Hof!" ״£)", rief Rabbi Raschi, ״Du bist in der That würdig, mein Gefährte im Gan-Eden zu sein!" Raschi's Ausruf blieb nicht ungehört und nicht ohne Folgen. Raschi mußte seinen Traum erzählen. Don Abraham antwortete gutmüthig: ״Es freut mich, dies zu vernehmen. Es ist so schön, einen guten Nachbar zu haben; überdies", setzte er mit zitternden Lippen hinzu: ״ich werde ledig erscheinen, wie die hl. Schrift lehrt: Wenn er für seine Person kommt, so gehe er auch so von dannen." — Seitdem sind beiläufig 800 Jahre verstrichen. Wie lange wird's dauern, lieber Leser, und wir werden sehen, ob sie beisannnen sitzen? — Die vorstehende Legende hat einen jüdischen Geistesheros zum Gegenstände, welcher mit vielen Lesern dieser Blätter durchs Leben gegangen ist. Wie Vielen ist dieser tiefsinnige jüdische Lehrer seit den ersten Jugendanfängen ein wahres Orakel geworden! Es find nicht Wenige, welche ihm geradezu den ersten Lichtfunken zum selbstständigen Denken verdanken. Obwohl seine Schrift- und Talmud-Erklärungen vom hagadischen Elemente nicht ftei sind, so find sie nichtsdestoweniger ein unerreichtes Muster an präcisem Ausdruck methodischer Forschung. Aus seinen Arbeiten leuchtet seine Aufrichtigkeit und Bescheidenheit hervor. Er war noch nicht der verknöcherte Buchstabenmensch, wie uns die neuorthodoxe Schule seit Decennien solche aufweist. Es ist ein Triumph für unsere Behauptung, daß ihn auch die oben gegebene Sage in diesem Lichte zeigt. Er hat auch diesmal im Kampfe mit der Halacha der Humanität eine Lanze gebrochen. Je ärmer seine Außenfeite, desto reicher sein Herz und Geist.