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Jüdische Volkszeitung · 1873-05-07 · 19 (7.5.1873) · p. Seite 147

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
19 (7.5.1873)
Date
1873-05-07
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 Flitter der Modebildung auszurüsten? Wo sehen wir ein jüdisches Mädchen aus einer nur einigermaßen wohlhabenden Familie, das nicht in einem möglichst theuern unb noblen Institute einige Jahre verbracht hätte, wo es die einfache Sitte der Eltern verspotten und verachten lernte, wo ihm die schaffende Arbeit als erniedrigend für die ״untergeordneten Bediensteten" bezeichnet wird und ihm die Wege gebahnt werden, Vater und Mutter zu verachten? Wir brauchen nicht hervorzuheben, wie eine Ausschreitung die andere mit sich führt und erhöht. Wir wollen absehen von den weiteren materiellen Folgen dieser Lage. Nur das constatiren wir: die sociale Ausnahmestellung, die hierdurch der Jude beansprucht, erregt, obwohl sie vielfach schwindelhaft ist, den Neid und den Haß der Arbeiterclassen. Die Vermögenden unter uns werden als die Besitzer des ״Capitals" von den socialdemokratischen Agitatoren als die Veranlasser ״alles Unrechts, aller Gewalt gegen die besitzlose Classe" bezeichnet. So vermischt sich der Name ״Jude" mit anderen Bezeichnungen und das alte ״Hepp" ist noch zu geläufig, um nicht alsbald, trotz des Schuttes, der sich anscheinend daraus gelagert, hervorgeholt werden zu können. (Schluß folgt.) Correjponäenz. Kn» Oesterreich. (Die Cultusgemeinde der Israeliten in Wien, dargestellt von Israel Jeiteles.) Die Alten hatten ihre ״Memmerbücher"; wir haben unsere Geschichte und Statistik der Gemeinden! Sind sie nicht Memmerbücher auch, soweit sie die Vergangenheit betreffen, während sie erheben und erfreuen, sofern sie von dem Leben der Gegenwart sprechen? , Es liegt ein eigenthümlicher Hauch, ein Zauber der Wehmuth ausgebrertet über das, was diese Wiener und über- Haupt Oesterreicher Juden sprechen und schreiben; man fühlt und vernimmt nirgendswo das jüdische Herz! Das schlägt in ganz eigenthümlicher Weise und will nicht ruhig sein. Und wie sie's verstehen, diese Frankl, Kompert, Kulke, — bis zu dem Sangesmeister Sulzer, das jüdische Herz zu ergreisen und zu rühren, wie sonst nirgendmehr in Deutschland! Woher das kommen mag? Wir begreifen es fast, wenn wir die Einleitung zu dieser Statistik lesen. Ein Stück Geschichte der Judenheit bis zum Jahre 1847, ein Stück Geschichte einer der edelsten jüdischen Gemeinden der Welt, Actenstücke von einer so ergreifenden Wahrheit, daß uns darob die Augen übergehen! Und wir wundern uns nicht mehr, wenn wir aus jeder Zeile der jüdischen Dichter der Kaiserstadt es herausletzn, was sie fühlen, wenn sie an das denken, was die Wiener Gemeinde noch vor 30 Jahren war. Sie haben es noch erlebt; sie wissen noch, was ein ״tolerirter" Jude ist, wie die bairischen Juden noch wissen, was der ״Matrikel" bedeutet. Die ״Einleitung" zu diesem Schriftchen ist auch geschrieben mit dieser eigenthümlichen Weihe und Wärme, mit dem jüdischen Herzen, so einfach referirend und Zahlen zusammenstellend sie sich auch anscheinend gibt. Der Herr Verfasser bringt uns das Toleranzedict Kaiser Josefs II. — das Andenken des Gerechten zum Segen! Er stellt ihm das Verfahren der ״großen" Kaiserin Maria Theresia gegenüber. Wir können uns nicht enthalten, einen Zug aus diesem Bilde hier wiederzugeben: ״Es war nach dem über die Prager Juden, in Folge ״einer später in ihrer ganzen Nichtigkeit nachgewiesenen Ver- ״leumdung, von der Kaiserin verhängten und vollzogenen Exodus, ״daß einer der Angesehensten in jener Gemeinde — Salo- ״mon Koreff — nach Wien ritt, um eine Audienz bei der ״Majestät zu erbitten. Aus Verwendung des Ministers Kauniz ״wurde ihm diese auch gewährt; allein er bekam die Kaiserin, ״selbst nicht zu sehen, die sich seinen Blicken mittelst einer ״spanischen Wand entzogen hatte. An diese Wand mußte ״Koreff seine Bitten um Wiederzulassung der Glaubensgenossen ״nach Prag richten und dieser Wand eine entsprechende Er- ״Höhung der böhmischen Judensteuer anbieten. Als er nun ״im brennenden Gefühle dieser Schmach seine Bitten mit ״stark erhöheter Stimme vortrug und von Kauniz deshalb ״mit den Worten ״Jud, schrei er nicht" zurecht gewiesen ״wurde, da antwortete er: ״Nicht ich bin es, der schreit, es ״ist die Schmach von 10,000 Unglücklichen, die aus mir zum ״Himmel schreit." Koreff hat die Kaiserin nicht gesehen, ״noch hat er ihre Stimme gehört. Gleichwohl hat er ״eines vollen Erfolges seiner Mission sich zu erfreuen gehabt, ״den Prager Juden wurde ein neuer Jndult ״bis auf Wei- ״teres" bewilligt." So die ״große" Kaiserin. Das Josefinische Toleranzedict war in vielen Puncten wieder rückgängig gemacht worden. Noch bis zum Jahre 1841 gab es in Wien nur ״tolerirte" Juden und Jeiteles weist nach, wie sich die Juden in Wien nur sehr wenig vermehrten, wie selbst die ״tolerirten" Familien nach wenigen Jahrzehnten ״verdorben, gestorben, verschwunden, verschollen", so daß nur der Name einer einzigen Familie — Eppinger — Nachweislich bis zum Jahre 1760 zurückweist; und nur von einer noch jetzt in Wien existirenden Familie ist es gewiß, daß sie Descendenten Jener sind, die im Jahre 1787 in Wien tolerirt waren. Die Familien schwanden — obwohl tolerirt. ®ag waren die Toleranzedicte und ihre Folgen. ״Sie

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