Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 19 (7.5.1873)
- Date
- 1873-05-07
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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f; Ir 'Ci 146 — 1-1 schwindet und heute in Stuttgart, morgen in Frankfurt die Gemüther erschreckt, oder, wie »ran jüngst sagte, ״die Banquiers erinnert, daß sie Juden und die Juden, daß sie Banquiers sind." ״Es ist eben eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu." Wo sie immer mit Keulen losziehen und keinen ganz bestimmten greifbaren Gegner haben, da fallen die ersten Schläge immer noch — auf die Juden. Und wo selbst die Absicht anscheinend nach einer anderen Richtung hinzielt, da werden mindestens die Abfälle zugetheilt — den Juden. In diesem einen Puncte bleiben sich die Feinde der Gesellschaft gleich, gehen sie einig mit einander, die schwarze und die rothe Internationale, die Feudalen und die Socialdemokraten. Das ist so gewesen und wird noch lange so bleiben. Nur wo die Waffen des Geistes gebraucht werden, können wir gegen ererbtes Vorurtheil ankämpfen. Wo aber die Gewaltthat sich auf ״greifbare" Gründe erstreckt, müssen wir stille stehen. In diese Regionen reicht unser Einfluß nicht. Da müssen wir eben — warten. Sind denn aber in der gesellschaftlichen Stellung, in den Bestrebungen der gegenwärtigen jüdischen Generation, in ihrem Leben, Thun und Treiben, Elemente vorhanden, die solchen Gewaltthaten der Masse zum Vorwand dienen, die die Aufmerksamkeit und damit die Gefahren auf uns lenken? Geschieht von Seiten der Juden Nichts, was mindestens zum Vorwand dienen könnte zur Aufreizung, zur Agitation gegen die Juden, was den Geisteskampf für die sociale Gleichberechtigung ungemein erschwert? Wir können ein peinigendes Gefühl nicht unterdrücken, indem wir das Nachfolgende niederschreiben,- und dennoch muß es gesagt sein: Ja, in unseren jüdischen Verhältnissen, wie sie sich seit einiger Zeit entwickeln, liegt ein Keim, der unseren Widersachern und den Feinden der Gesellschaft überhaupt zum Vorwände dient und der unausbleiblich traurige Folgen haben wird. Des Judenthums Stolz ist sein sittliches Familienleben. Es hat sich diesen kostbaren Schatz gewahrt in allen Phasen seiner Geschichte. Die Treue und Hingebung der Männer, die Sittigkeit und Keuschheit der Frauen, die Sittlichkeit und kindliche Liebe der Jugend, die Ehrfurcht und der Gehorsam gegen die Eltern, die Sparsamkeit und unbegränzte Mildthätigkeit, das Gefühl der Einheit und Zusammengehörigkeit bildeten die Grundlage und die Quellen reinen Segens. Ihnen ging zur Seite die gemeinsame Sorge für die Bildung der Jugend, das fromme Gemeindeleben, die sittliche Gemeinschüft, die moralische Solidarität. Ist uns mit der neuen Zeit nicht so manche Perle aus diesem unserem hzxrlichen Schmucke abhanden gekommen? Eine große Gefahr für die Juden bildet vor Allem der sich so sehr überstürzende Zug derselben nach den großen Städten. Diese Sucht hat wohl das geschäftliche Leben in neue Bahnen gelenkt, aber mehr und mehr sind es für alle oder doch für eine große Mehrzahl wieder, heute wie ehemals, die gleichen Bahnen. Eine ungeheure Concurrenz wird von den Juden insbesondere auf einem sehr glatten Boden, auf einem und demselben Geschäftsgebiete genährt und großgezogen. Alles drängt — zur Börse. Die Sucht, schnell, leicht und sehr reich zu werden — oder | zu scheinen — ist übermächtig geworden. Es ist allerdings j ntc^t ausschließlich bei den Juden so, aber daß bei einem großen Theile der schwindelhaftesten Unternehmungen und ״Gründungen" der Neuzeit insbesondere die Juden im Vordergrunde stehen, kann nicht wohl geleugnet werden und ist bereits sprichwörtlich geworden, trotzdem der in der Politik hervorragendste Jude Deutschlands Gegner dieses Schwindels geworden ist. Im Gefolge dieser Erscheinung ist an Stelle der Bildung die Verbildung, das ftatzenhafte Zerrbild der ersteren, insbesondere bei dem weiblichen Geschlechts, heimisch geworden. Mit der altjüdischen Gemüthlichkeit ist der Familiensinn, der das Haus zum Tempel, den Tisch zum Altäre machte, ge- : wichen und hat dem ״Rennen und Jagen" nach den Genüssen; der ״großen" Welt, das verbunden ist mit dem auffallendsten l Putz und Tand, Platz gemacht. Noch sind, Gott sei Dank,! die Verhältnisse nicht so weit gediehen, daß die Sittlichkeit!und Sittigkeit der Frauen darunter merklich Noth gelitten! hätte. Noch gehören, dem Himmel sei Preis, unsere Töchter! nicht dem Abschaum der Menschheit, der cksmi monde an. i Aber, — es ist eine furchtbare Frage! — find wir für alle! Zeit, ist nur die gegenwärtige Generation vor dem Einbruch dieses gränzenlosesten Unglücks geschützt? Wenn das Schwindel-! glück zusammenbricht- und die nicht zur Arbeit und Häuslichkeit; erzogenen, in den Instituten mit Luftblasenweisheit überfütter-; ten Mädchen den einzigen Halt verlieren, den ihnen der an-; scheinend gesicherte Reichthum der Eltern bietet — was dann? Unleugbar ist, leider! daß unsere jungen Männer — Männer? — ein unverhältnißmäßiges Kontingent zur jeunesse doree stellen. Seht sie nur an, diese blassen, abgewelkten, verkümwerten Gestalten! Kann diese ״Generation der Zukunft" unser Herz mit stolzen Hoffnungen füllen? Sollen aus diesen edle Männer und tüchtige Frauen werden? Sollen diese jene gottgesegneten Familien bilden, auf welche wir so stolz sind und waren? Wenn in allen Kreisen der Ruf nach Rückkehr zur Einfachheit ertönt, — unter uns ist er noch dringlicher, nicht, weil das Verderben größer, sondern weil es umfassender, viel weiter herab in die Volkskreise gedrungen ist! Welcher jüdische Vater hält es nicht für seine Pflicht, seine Tochter mit allem