Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 18 (30.4.1873)
- Date
- 1873-04-30
- Page
- Seite 142 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 142 — scheint, ruhiger in das neue Fahrwasser. Noch ist die Zahl der sog. ״Alten" viel zu geringe, um auf die Entwickelung der Dinge mit Erfolg einwirken zu können. Der Tempel geht in diesem Jahre jedenfalls seiner Vollendung entgegen. Orgel und neues Gebetbuch Ziehen gleichzeitig mit ein. Die deutsche Liturgie steht dabei im Vordergründe. Die gottesdienstlichen Lieder sind meistens für den Gemeindegesang berechnet und werden von dem Musikdirector Lewandowsky in Berlin eigens dazu componirt. Das Vorlesen der Thora erfährt darin eine Veränderung, daß nur ein Theil der Paraschioth am Sabbath, der ergänzende Theil aber am Montag und Donnerstag verlesen wird. Die Haphtarah wird durch eine Homilie sersetzt werden. Wie aus dem Jnseratentheil der Volkszeitung zu lesen war, ist die Kantorstelle am neuen Tempel mit einem Gehalte von fl. 1200 und Emolumenten zur Bewerbung ausgeschrieben. Schon beträgt die Zahl der angemeldeten Kandidaten 36. Gleich nach Peßach beginnen die Probegottesdienste. Tempora mutantur et nos mutamur in illis. Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Der sonst >22 תפוצת ישראל maßgebende מנהג פיורדא wird an seiner Wiegenstätte zuerst hinfällig. Nürnberg, mit seinen mehrfachen Aus- Weisungen im Mittelalter, wird seit kaum 10 Jahren zu einer aufblühenden jüdischen Gemeinde und ist nahe daran, das alt ehrwürdige Fürth an Zahl und Bedeutung in der Gegenwart zu überholen. Allerdings scheint es mit dem Erringen des sogenannten Kehilla- Geistes nicht so schnell zu gehen. In Fürth ist eben noch ein Fundament vorhanden, das in Nürnberg sich nicht so schnell ausbauen wird. Ist das Erstcre אם בישראל, so ist das Letztere kaum eines der תות 'איה bezeichnend für den Gründer נבח. Aus Dresäen liegt uns Jahresrechnung und Geschäftsbericht der israelitischen Religionsgemeinde auf das Jahr 1872 vor. Wir erfahren daraus, daß die Gesammt-Einnahme dieser Gemeinde im Total Thlr. 66,363. 12. 7 beträgt, während die Ausgabe sich auf Thlr. 50,356. 6. 2. beziffert. Freilich sind davon nur eigentlich die Hälfte als laufende, ordentliche Einnahmen und Ausgaben zu berechnen, da die andere Hälfte sich auf die Vermögensgebahrung, Anlage des Gemeindefonds rc. bezieht. In den Einnahmen haben die vielen Stiftungen unser besonderes Interesse erregt, sowie der Beitrag des Cultusministeriums mit Thlr. 170. Ferner interessirte uns der Fond zum Erwerb eines Gemeindehauses mit Thlr. 5601. 28. 8 und der Lehrerpensionsfonds mit Thlr. 2802. 23. 8, wovon eine Pension mit 100 Thlrn. verwendet wurde. Die israelitische Gemeinde zu Dresden zählt jetzt 224 stimmberechtigte Mitglieder, gegen.130 im Jahre 1858 und 171 im Jahre 1870! Die Gemeinde betheiligte sich bei dem deutsch-israelitischen Gemeindetage und der Delegirtenversammlung der Alliance durch Abordnung ihres Vorstehers Hrn. Adv. Dr. Emil Lehmann, sandte den Majestäten zu dem am 9. Nov. 1872 gefeierten goldenen Jubiläum eine schwungvolle Adresse und an Seminardirektor Di־. Z. Frankel in Breslau ein Beileidschreiben beim Ableben seiner Gattin. So sehen wir nach Außen hin den Gemeinderath in reger Thätigkeit, theilnahmeausschauend nach der Gesammtheit. Im Innern entfaltet sich ebenso eine rührige Thätigkeit, die sich in 13 Wohlthätigkeitsanstalten verschiedenster Art und 42 Stiftungen mit einem ganz bedeutenden Vermögen, etwa Thlr. 140,000 und ca. Thlr. 5000 an Schenkungen documentirt. So sehen wir eine edle Gemeinde weiterstrebend und sich entfaltend im Geiste des Judenthums. Möge es ihr weiter gelingen! Aukarest. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde österreichisch - ungarischer Nationalität hat an den öfterreichischen Consul von Schlecht« eine Beschwerdeschrift gegen das Gesetz über die Spirituosen, das die Israeliten von der Befugniß des Ausschänkens ausschließt, gerichtet. Fürst Karl hat übrigens dies Gesetz noch nicht genehmigt. Dienstag, den 1. April, wurde hier der Grundstein zu einer neuen israelitischen Gemeindeschule gelegt. Der Feierlichkeit wohnten ein Mitglied des Gemeinderaths, Hr. C. Racotta, Hr. Peixotto, amerikanischer Generalconsul und andere Notabilitäten bei. Hr. Dr. Adolph Stern, als Vorsitzender des Schulraths, eröffnete die Ceremonie mit einer sehr würdigen und gehaltvollen Rede über die Bedeutung der Schule im Allgemeinen. Der Sanitätsrath der Stadt Bukarest hat eine Tabelle über die Geburten und Sterbefälle der dortigen Bevölkerung im Jahre 1872 veröffentlicht und es ergeben sich hiernach für jenes Jahr 5031 Geburten und 7135 Sterbefälle, also ein Ueberschuß von 2104 Sterbefällen; ein wahrhaft erschreckliches Rechenexempel; fast 4,7 °/0 Sterbefälle auf die Gesammtbevölkerung. Bei den Israeliten gab es einen Ueberschuß von 135 Geburten über die Todesfälle. Wir können hier die wirklichen Gründe dieses Verhältnisses nicht mittheilen; interessant aber ist, welche Schlüsse ein Herr Boliac aus diesen Ziffern schließt. ״Er sagt: Die Juden, diese schmutzige Krätze, instciren die Luft und tödten den Rumänen körperlich, nachdem sie ihn moralisch tödten, sie verfolgen ihre Mission als die ״Vorhut des Germanismus" und vermehren sich deshalb, damit die Rumänen sich vermindern." Kann man sich einen gräßlicheren Judenhaß denken? Und was werden unsere deutschen Judenfeinde und Nationalitäten- und Racenausforscher darüber sagen, daß die Juden die ״Vorhut der Germanen" sein sollen? Aus Oesterreick (Fortsetzung). Ueber die biotischen Ergebnisse in Westösterreich sagt der Verfasser der Statistik des