Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 18 (30.4.1873)
- Date
- 1873-04-30
- Page
- Seite 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I — 140 — kh n■!■ wohl nirgends klarer die verschiedene Auffassung und der Parteistandpunct der — Redactionen aus. Ja, der Redactionen! Denn im Leben, im Volke selbst, denkt man an solche stramme Parteistellung nur in einem Lager und auch dies ist so klein, so unbedeutend, trotz des großen Geräusches, das es macht, daß wir uns durchaus nicht wundern würden, wenn die Folgen des Gesetzes schließlich ganz unbemerkt blieben. Die Mittelparteien haben mit besonderem Nachdruck mehrmals hervorgehoben, wie ״die Extreme sich berühren", und wir glauben darin einen Fingerzeig für uns. zu erkennen. Man stellt unsere Auffassung dieser Frage neben die der Hochorthodoxie und findet oder behauptet, daß wir mit derselben — mindestens scheinbar — übereinstimmen. Das könnte uns bedenklich machen. Man könnte am Ende gar Parallele finden in dem — Ultramontanismus und der — Socialdemokratie. Wir fühlen uns darum verpflichtet, nochmals unsere Ueberzeugungen in dieser Sache hier klar und prücise auszusprechen. Darin liegt schon ein bedeutsamer Unterschied zwischen den Anschauungen der Hochorthodoxie und den unsrigen. Wir sprechen von Ueberzeugungen und unleugbaren Thatsachen; dort ist die Rede von Wünschen und Meinungen. Ueber- Zeugungen sind identisch in ihren Folgen mit wahren, sittlichen Grundsätzen. Wünsche könnten aus den verwerflichsten Motiven herrühren und zur Durchführung schlechter Zwecke können schlechte Mittel angewendet werden. Unsere Ueberzeugungen stimmen überein mit den Anschauungen der jüdischen Abgeordneten des preußischen Landtags, der Herren Lasker und Marburg. Wenn wir nun auch andere Wünsche hätten, und wenn diese mit denjenigen der Männer, die aus den edelsten Motiven für die Erhaltung des Gemeindezwanges eintreten, übereinstimmten: glaubt man denn im Ernste, daß irgend eine Macht der Welt im Stande ist, der unausbleiblichen gänzlichen Trennung der Kirche vom Staate mit allen ihren Eonsequenzen und Folgen entgegenzuwirken oder gar nur für die Juden Einhalt zu gebieten und Ausnahmen zu statuiren? Es ist uns fast peinlich, wenn aus der Mitte der Judenheit derartige Bestrebungen sich geltend machen wollen. Leugnen wir es nicht: das Judenthum hat gar sehr dazu beigetragen, die Entwickelung des Rechtsstaates auf diese Bahn Zu lenken; der fast fünfzigjährige Kampf der Juden um Emancipation hat beigeholfen, die Ideen Zur Reife zu bringen, vor deren Folgen Einzelne jetzt zurückzuschrecken scheinen, weil sie für die jüdische Gemeinde fürchten. Eonstatiren wir vor Allem, daß in den süddeutschen Staaten die Entwickelung der einschlägigen Gesetze möglicherweise auch noch eine andere Wendung nehmen kann und daß die preußischen Gesetze, da sie dem Gedanken der Trennung der Kirche vom Staate nicht voll und ganz Ausdruck geben, uns eben wie Palliativmittel vor dem Hereinbrechen einer Thatsache erscheinen, gegen die man vergeblich ankämpft. Welches aber ist der principielle Unterschied zwischen unserer Auffassung und der der Hyperorthodoxie? Diese will absolute Trennung, Separation, Spaltung. Das ist ihr Ziel, der Boden, auf dem sie steht, die Nahrung, von der sie zehrt. Ihre Principien sind unhaltbar und sie sind nicht im Stande, in größeren Gemeinwesen die Zügel zu erlangen. Ihre Creaturen, Menschen mit viel Fanatismus und wenig Wissen, können nirgends in einer Gesammtgemeinde oder in einem größeren Bezirke als Rabbiner auftreten. Sie leben daher von der Spaltung, Trennung. Es ist ihr Element. Sie hoffen, alle Gewaltthätigen, Ehrgeizigen, die in der Gesammtgemeinde nicht zu einem Ehrenamte kommen können; alle Eigensinnigen, kurz alle die unruhigen Elemente der Großgemeinden um ihr Panier zu schaaren und durch Fanatismus Einfluß zu gewinnen und zu erhalten. Es liegt Consequenz in dieser Auffassung und doch glauben wir, hoffen wir sogar mit Bestimmtheit, daß sie sich irren. Ist einmal der Austritt aus der Gemeinde freigegeben; ist dieser Austritt bei dem unaufhörlichen und stetig sich vergrößernden Anwachsen der Großgemeinden für diese keine Calamität mehr, hört einmal die Reiberei und Rechthaberei auf, so hat damit der Impuls für die Elemente ein Ende, von dem wir oben gesprochen. Verbotene Früchte schmecken süß. Mit einer Trennung ohne Spectakel ist den Herren durchaus nicht gedient. Wissen wir ja, daß diese Separatgemeinden zum größeren Theile aus Elementen sich recrutiren, die nichts we- Niger als orthodox sind. Wir wissen, daß in einer benachbarten Gemeinde die Orthodoxie bei ihrer Entwickelung als Separatgemeinde ihre Hauptstütze in einem Arzte fand, der thatsächlich außerhalb des Judenthums stand. Andere "sind durch Familienbeziehungen in jenes streitbare Lager geführt worden, zu welchem sie weder durch ihr Fühlen noch durch ihr Thun gehörten. Mit einem Worte: hört der Gemeindezwang auf, so hört auch die Veranlassung zum Austritte auf und die — Separatgemeindebildung hat ihr Ende erreicht. Wir leben der Ueberzeugung, daß die jüdische Gemeinde aus der vollen Freiheit und Selbstständigkeit ihre beste Nahrung ziehen wird, daß die Furcht vor Auflösung, Massenhaftem Austritt u. A. m. durchaus unbegründet ist. In den mittleren und kleineren Gemeinden ist das religiöse Gefühl und Bevürfniß, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit noch mächtig genug, daß die Fälle, wo Leute aus der Gemeinde treten werden, zu den äußersten Seltenheiten gehören werden. Und tritt ja der Eine oder Andere aus, so wird es zu über- 1V