Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 17 (23.4.1873)
- Date
- 1873-04-23
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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134 79. Unserer französischen Collegin, der ״ü-evue israelite“ (bet wir vorstehende Notiz entnehmen), haben wir für eine Belehrung zu danken. Bei Gelegenheit der Nachricht, daß man in Montbeliard die Juden von der Liste der Geschworenen und der Handelsgerichts-Beisitzer gestrichen habe, beklagten wir auch, daß man in Frankreich sich mehr und mehr dem Ultramontanismus in die Arme werfe. Wir erfahren durch unsere Collegin, daß die Urheber jenes intoleranten Vorgehens meistens Protestanten seien. Gut! Wir wissen nur zu wohl, daß Rischus und Intoleranz nicht auf eine Religionsmeinung sich beschränkt. Sie erzählt ferner, j,daß die französische Regierung ״trotz der erdrückenden Kriegslast und der Kriegsentschädigung" in seinem Budget Mittel gesunden habe, den Beitrag zur Nabbinatsschule um die Hälfte zu erhöhen und zwei neue Consistorien, zu Lille und Vesoul, auf Staatskosten zu errichten." Wir haben von diesen erfreulichen Beweisen französischer Toleranz in unserem Blcttte Erwähnung gethan. Unsere Collegin könnte aber auch aus unseren früheren Mittheilungen wissen, daß wir den Chauvinismus in Deutschland wie in Frankreich bekämpfen, daß wir die Initiative Frankreichs in einer gerechteren Behandlung der Juden stets anerkannten und hervorhoben, daß wir zu einer Zeit, wo dies gar nicht ungefährlich war, für Friede und Mäßigung unsere schwache Stimme erhoben, daß endlich wir es waren, welche der Alliance israelite zuerst in Deutschland Bahn brachen. Bei all dem oder gerade darum beklagen wir es tief, daß das neuere Frankreich von seiner früheren Bahn der Gleichstellung und Gleichberechtigung j.edes Religionsbekenntnisses hier und da abzuweichen scheint, und beklagen es noch tiefer, daß man in Frankreichs maßgebenden Kreisen mehr und mehr in einem Bündniß mit dem Ultramontanismus eine Stütze zu suchen scheint. Sollte unsere Collegin darin wirklich abweichender Meinung mit uns sein? Gebe Gott, daß wir im Jrrthum seien! — Doch wir kennen Land und Leute in Frankreich persönlich, wir lieben und achten das französische Volk wegen vieler guten Eigenschaften, die es auszeichnen und wir haben das Vertrauen, daß schon die nächsten Wahlen gegen die Rechte ausfallen und dem Anachronismus des Ultramontanismus ein seliges Ende bereiten werden. Feuikketon. Versprengte Juden. Wir besitzen noch kein Werk, welches uns die Verbreitung der Juden über den Erdball vorführt, und gerade ein solches würde von hohem Interesse sein. Während die Split- 1er, welche von fast allen übrigen Racen oder Stämmen sich absonderten und fern vom Mutterland eine Unterkunft fanden, mehr oder weniger in der Masse der bodenständigen Bewohner aufgingen und, wenn ein Jahrhundert oder gar eiu Jahrtausend über sie hinweggerollt ist, kaum noch zu erkennen sind, findet bei den Juden das Gegentheil statt. Genau so, wie sie uns auf assyrischen und egyptischen Denkmälern, entgegentreten, erscheinen sie heute noch, und kein zweiter Stamm hat sich den Einflüssen, welche Klima, Nahrung, Gesittungszustand des umwohnenden Volkes Hervorbringen, weniger zugängig gezeigt als der jüdische. Sein Typus ist derselbe geblieben. Er verschmähte die Vermischung, erhob die Reinhaltrmg des Blutes zu einem der ersten Gesetze, und steht noch heute physisch völlig abgesondert unter uns Europäern wie unter Asiaten oder Afrikanern da. Nur in Bezug auf die Sprache haben die Juden mehr oder weniger Concessionen gemacht und, unter fortwährender Erhaltung ihres Hebräischen, überall die Sprache des herrschenden Volkes angenommen. In ihrer Heimath Palästina sind׳ die Juden schon lange auf geringe Reste zusammengeschrumpft. Die Hauptzonen ihrer Verbreitung sind heute der Nordrand Afrikas von Marocco bis Egypten, wo sie namentlich in den Küstenstädten der Barbareskenstaaten ein wesentliches Element der Bevölkerung ausmachen, und dann der Strich in Europa, welcher von der unteren Donau bis zum baltischen Meere reicht. In ihm leben vorzugsweise unter slavischen Völkerschaften, denen sie in gewisser Weise den Mittelstand ersetzen, gegen 4 Millionen Juden, während in ganz Westeuropa, Frankreich, Italien und Pyrenäische Halbinsel, noch nicht 100,000 Juden Vorkommen. Im Gefolge der europäischen Auswanderung haben sich dann Ableger dieser Juden über Amerika und Australien ergossen, wo sie in den großen Handelsstädten bereits in, derselben Weise sich vermehren, wie bei uns und zwar nach einem weit bedeutenderen Procentsatz als die christliche Bevölkerung. Sowie aber die europäischen Juden ihre Colonien aussenden, ebenso die am Nordgestade Afrikas gesessen, von denen es bekannt ist, daß sie immer weiter in die Sahara und darüber hinaus in den Süden Vordringen. Timbuktu, die als Handelsort und Sitz muhamedanischer Gelehrsamkeit in ganz Nordafrika berühmte Wüstenstadt am Nordrande des Niger- Thals, die fast seit zwanzig Jahren, seit Barth dort war, kein Europäer wieder erreichte, ist seit 1859 der Sitz einer handeltreibenden Judencolonie geworden, die unter vielen Schwierigkeiten, aber mit der ihrer Stammesnatur eigenen zähen Ausdauer dort Rabbi Mardachai aus dem südlichen Marocco gründete, worüber im Bulletin der Pariser geographischen Gesellschaft 1870 berichtet ist. Abgesehen von den wenig europäischen Juden im Caplande haben wir in Afrika nur noch die Falasches: abessynische, schwarze Juden zu erwähnen. Sie sind namentlich seit dem englisch-abessynischen Feldzuge, durch die Werke von Stern und Halevy, der im Aufträge der ״Alliance israelite universelle" versprengte