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Jüdische Volkszeitung · 1873-04-23 · 17 (23.4.1873) · p. Seite 133

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
17 (23.4.1873)
Date
1873-04-23
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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133 1 i r f ist denn so Etwas, was doch schon so lange in Deutschland nicht vorgekommen in anderen Landen; wir sehen, wir sind immer noch Juden und haben ein besonderes Interesse an dem fortschreitenden Culturleben. Warum also absolut etwas Apartes sein? Warum nicht Theil nehmen an den Bewegungen und Institutionen, welche anderwärts geschaffen werden? Warum diese absolute Lethargie und Abschließung insbesondere im Lehrerstande? Bukarest. In Folge des von den gesetzgebenden Körpern votirten Spirituosen-Gesetzes werden mindestens 300 israelitische Familien auswandern. ■— In Jassy wurde schon jetzt zur Vorbereitung auf das Mazothfest das Gerücht verbreitet, einige Israeliten hätten ein christliches Kind umgebracht, um ihm das Blut abzuzapfen. Der ״Curierul de Jassy", ein den Juden sonst nicht freundliches Blatt hat das Gerücht als falsch bezeichnet._ üundfcftau. 70. ״Die Bestimmung der Frau ist das Haus, die Familie, die Erziehung der Kinder." — Sehr wohl! Wenn aber die Verhältnisse sich mehr und mehr so gestalten, daß Hunderte dieses Ziel nicht mehr erreichen können und wieder Hunderte für ihr Fortkommen in der Welt selbst sorgen müssen, wie dann? Wir können nicht umhin, die Bestrebungen solcher Frauen nach einer selbstständigen Stellung im Leben mit unfern lebhaftesten Sympathien zu begleiten. Eine höchst begabte würdige Tochter Israels, Frau Marie A. Holland, machte am 19. Februar letzthin ihre Prüfung als ״Doctorin" der Medicin an der Universität zu New-I)ork und bestand sie mit hohen Ehren. Sie ist Wittwe, hat ihren Gatten in dem verunglückten Dampfer ״City of Boston" verloren, und ist Mutter zweier Kinder, welche sie durch ihre alleinige unermüdete Arbeit erhielt und dabei noch die Zeit fand, sich schweren und ernsten Studien hinzugeben, die sie jetzt zu einem siegreichen Ziel geführt. ״Das ist", setzt die ״Jewish Times" hinzu, ״einer jener Fälle, wo die Stärke und Beharrlichkeit einer Frau zu Stande brachte, was Mannes Kraft kaum erreicht hätte." 71. Um die beiden vacanten Rabbinerstellen in Colmar und Mühlhausen haben sich 15 Bewerber gemeldet. Um ״Seelsorger" braucht, wie es scheint, vorerst dem Judenthume noch nicht bange zu sein. 72. Im Stadtrathe zu Frankfurt a. M., der 53 Mitglieder zählt, befinden sich 8 Israeliten. 73. In Rußland sind durch kaiserlichen Ukas die israelitischen Staats- und Rabbiner-Schulen ausgehoben und an ihrer Stelle pädagogische Seminare und Primärschulen eingeführt worden . . . Wir werden Näheres zu bringen suchen. 74. William Strong, Richter am obersten Gerichts- Hof der Vereinigten Staaten, will einen National-Convent berufen, damit derselbe ein Amendement zur Verfassung annehme, nach welchem ״der allmächtige Gott als der Urheber des nationalen Daseins und als Quelle der Autorität, Jesus Christus als der Regent der Nation, die Bibel als Grundläge ihrer Gesetze und in dieser Weise anerkannt werde, daß der Staat ein christlicher sei." Jüdische Geistliche hielten in Pittsburg ein Meeting, welches beschloß, diesem Mittelalterlichen Dunkelmann ernsten Widerstand zu leisten. Die Redner wiesen aus Deutschland hin, wo man jetzt anfängt, die Bande zwischen Staat und Kirche zu lösen; wie könnte Amerika daran denken, sein zum Heil Aller bestehendes Fundament, ״freie Kirche im freien Staat" zu untergraben? — Neben der Korruption, die soeben ihr grelles Licht auf amerikanische Zustände wirft, nimmt sich solche tiesschwarze Frömmigkeit ganz artig aus. 75. Unter den von Frankreich zur Ausstellung nach Wien bestimmten Gemälden befinden sich: Der Tod des Orpheus von Emil Levy, Sulla bei Marius von Benjamin Ulman, die Romanze nach der Mode von Julius Worms. — Wer nennt uns deutsche Künstler unter unseren Glaubensgenossen, die ausstellen werden? 76. Vor den französischen Gerichten in Algier wird soeben der Proceß der kabylischen Häuptlinge verhandelt,; welche die unglückliche Lage Frankreichs während des Krieges zu einem Aufstande gegen die französische Herrschaft in Algierien benutzten. Sie suchen sich damit auszureden, daß das Volk wegen der (durch Cremieux decretirten) Naturalisation der Juden sehr erbittert war. Elende Ausflucht, da die Insurrection erst sechs Monate nach jenem Decrcte ausbrach. 77. In Rheims errichtete der Erzbischof soeben einen Kursus der hebräischen Sprache, ließ sich selbst als Zögling des neuen Professors einschreiben und beschenkte jeden der Hörer mit einem hebräischen Lexicon. Nach der ״Revue israelite“ geschah dies aus folgendem Anlaß. Ein Pfarrer erzählt: Eines Tages sagte der Arzt meiner Pfarrei in Gegenwart des Maire und mehrerer Notabeln, daß man mit Unrecht die Worte des Psalmisten: ״sie haben mir die Hände und Füße durchbohrt" auf Jesus anwende, da das hebräische Wort, welches die Katholiken mit ״durchbohren" übersetzen, durchaus diese Bedeutung nicht habe. Er fügte hinzu, daß ihm der Beweis leicht sei, indem er den Originaltext vorlege. Da mußte der arme Pfarrer gestehen, daß er des Hebräischen vollkommen unkundig sei. 78. Nach dem von der französischen Regierung der Nationalversammlung vorgelegten Reorganisationsplan sollen in der Armee 77 katholische'und 12 protestantische Feldprediger angestellt werden; von einem israelitischen Geistlichen ist keine Rede.

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