Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1873-04-23 · 17 (23.4.1873) · p. Seite 135

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
17 (23.4.1873)
Date
1873-04-23
Page
Seite 135 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9588641-9578452-9578597--153-9578604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

׳ Juden aufsucht, genügend bekannt geworden. Weniger bekannt sind indessen die weit über den Osten Asiens zerstreuten Juden, über welche wir neuerdings verschiedene Berichte erhalten haben, auf die hier die Aufmerksamkeit gelenkt sei. Als Ausläufer der kleinasiatischen und armenischen Juden, darf man vielleicht die von Gustav Radde in Svanien, einem Thale am Südabhange des Kaukasus, entdeckten Lachamuli ansprechen, in deren Physiognomien schon er den Juden bis zur Evidenz erkannte. Ferner hat der schon genannte Halevy die Juden in Jemen und in Nedschran im westlichen Arabien 1870 besucht, dort zahlreiche Colonien vorgefunden, jedoch einen näheren Reisebericht noch nicht veröffentlicht. Juden in den Euphrat-Ländern und Persien sind seit Langem bekannt; ihr Vorkommen dort hat nichts Auffallendes. We- Niger bekannt ist ihr Dasein in den Turkomanen-Ländern. Der russische Reisende Galkin besuchte 1867 das unter russischein Einfluß stehende oder gar schon einverleibte Chanat Schewibses, wo er unter der fanatisch-mohamedanischen Bevölkerung zahlreiche Juden fand. Sie bewohnen in den vier Festungen, Schewibses, Kitab, Schamatan und Urta Kurgan, sowie in dreißig anderen Ortschaften besondere Ouartiere, sind in Bezug auf ihre Rechte den übrigen Bewohnern gleichgestellt, doch zahlen sie höhere Abgaben als diese. Juden sind ferner im Inneren Chinas angesessen. Ein amerikanischer Missionär, I)r. Martin, suchte 1866 eine ihrer Colonien am gelben Flusse auf, fand sie aber eingegangen. Sie lag bei der zerfallenen Stadt Ki-Fung-Fu, und auf dem Platze, wo einst die Synagoge sich erhob, stand nur noch ein Thorweg. Martin fand hebräische Inschriften, welche besagen, daß schon vor zweitausend Jahren Juden von Indien nach China kamen und dort sich ansiedelten. Die Synagoge in Ki-Fung-Fu gerieth vor 250 Jahren in Verfall, da kein Rabbi vorhanden war, und Religion wie Sprache wurden vergessen. Uebrigens bestehen noch heute jüdische Gemeinden im Inneren Chinas, die auch Grundemann in seinem Missionsatlas (Asien, Blatt 1) verzeichnet hat. Ob nun, wie Martin angibt, Juden schon vor zweitausend Jahren nach China gekommen sind, wollen wir dahingestellt sein lassen; der Weg über Indien wird aber wohl richtig gewesen sein; auch ftnden wir dort noch heute in Cochin sowohl weiße als schwarze Juden, diese hat nun gänzlich ein eingeborener christlicher Missionär, Statthianadhan, besucht und im ״Church Missionary Intelligenter" beschrieben. Cochin liegt an der Malabarküste und zerfällt in einen britischen und einen unter britischem Schutze stehenden Theil; in letzterem liegt die Judenstadt, die Statthianadhan als den interessantesten Anblick schildert, den er auf seinen weiten Reisen gehabt habe. Der Tradition nach siedelten sich etwa im Jahre 70 n. Chr., kurze Zeit nach der Zerstörung des Tempels und der Zerstreuung der Juden, etwa 100,000 der letzteren in Cranganore an der Küste an. Von dort flohen die friedlichen und bis dahin unbelästigt gebliebenen Leute im Jahre 1565 vor den unduldsamen Portugiesen in das Innere von Cochin, wo der Radschah — der Heide! — sie bereitwillig aufnahm und ihnen Grund und Boden anwies. Die Cochin-Juden zerfallen in zwei Classen; in die weißen oder Jerusalem-Juden und in die schwarzen Juden. Die Ersteren sind augenscheinlich die Nachkommen der frühesten Ansiedler, während die schwarzen Abkömmlinge von einheimischen Proselyten sind. Noch heute erzählen die weißen Juden, daß ihre schwarzen Brüder ursprünglich ihre Sklaven waren — was Sinn hat, während die schwarzen, neidisch auf die weiße Haut, angeben: sie seien die echten, ersten Juden in Cochin, aber unter Einfluß der Klimas allmälig schwarz geworden — was keinen Sinn hat. Die weißen Juden schildert Statthianadhan als durchaus von semitischem Typus, schöne Leute mit ausdrucksvollen Gesichtern, hoher Stirn, Adlernase, braunen oder blauen Augen und licht olivengrüner Farbe. Sie kleiden sich bunt, orientalisch, und zeigen jüdische(?) Vorliebe für Putz und kostbare Stoffe, so daß sie in Sammt, Seide, Atlas und Mousselin gehen und sich mit Goldketten und Berloguen behängen. Ihre Sprache ist das Malayalam, also ein David'scher Dialect. Obgleich sie nun auch hier seit Jahrhunderten auf fremdem Boden, unter fremden Menschen wohnen, beobachten sie doch ihre Gesetze mit der äußersten Strenge und haben ihr Blut durchaus rein erhalten. Auch vermischen sich weiße und schwarze Juden nicht untereinander, und jeder Zweig hat seine besondere Synagoge. Statthianadhan besuchte die Synagoge der weißen Juden, die er als schönes Gebäude schildert, mit einer Flur von Porzellan, gläsernen Kronleuchtern und Broncelampen an den Wänden; die Sitze sind mit Scharlachtuch ausgeschlagen und die auf Pergament geschriebenen Gesetzrollen sind in fünf silbernen Behältern in einem schön verzierten Schrein verwahrt, vor welchem das Lesepult steht. Die Frauen versammeln sich in den Gallerien der Synagoge, die Männer im unteren Raume. Der Gottesdienst beginnt mit einem Gesänge, der höchst unharmonisch klingt. Dann tritt der Rabbi mit bedecktem Haupte vor das Lesepult und liest in hebräischer Sprache die Gebete vor, welche stehend und mit den sonderbarsten Gesten bald flüsternd, bald tumultuarisch, von der Gemeinde nachgesprochen werden. Man sieht, die Juden sind sich überall gleich geblieben, sie sind das beste Beispiel der Unveränderlichkeit einer Race, das wir bis jetzt besitzen. (Wir sind nicht ganz dieser Ansicht, glauben vielmehr, daß die Juden sich mit Leichtigkeit überall den Sitten des Landes anbequemten und nur da Eigenthümlichkeiten erhielten, wo diese mit ihrem Religionsleben in Verbindung standen. Redaction.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.