Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 17 (23.4.1873)
- Date
- 1873-04-23
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 - 1\ Man hat wieder von Rabbiner-Versammlungen gesprochen. Aber — was können diese uns nützen? Die Rabbiner- Versammlungen aus den vierziger Jahren freilich verhalten sich gegen alle neueren Bestrebungen wie das Jahr 1848 zu den Freiheitsbestrebungen unserer Zeit. Die Menschheit ist eben leider entnüchtert, materiell geworden; sie will nicht mehr ״Begeisterung", sondern ״greifbare Resultate". — Rabbiner-Versammlungen, die immer wieder das hohe Roß wissenschastlicher Theologie, des abstracten Dogmatismus reiten, können reden — aber sie werden nicht handeln. Sie werden auf die Masse keinen Einfluß ausüben und die Gemeinden werden ihnen nicht folgen. Ueberall wird das Gemeindeprincip zu wahren sein. Die Gemeinde und das Haus sind der Ausfluß des religiösen Lebens. Ihre Bedürfnisse sind es, die wir zu erkunden, denen wir nachzuspüren, welche wir zu befriedigen haben. Das Leben mit seinen tausendfältigen Anforderungen hat den ״Schulchan Aruch" und noch weit mehr gestürzt; aufbauen wollen, Neues an die Stelle der Ruinen stellen wollen ohne das Leben, das doch diese Ruinen geschaffen, zu fragen, wäre sinnlos, vergebliches Bemühen. Doch, wozu wiederholen, was Alles schon so oft ausgesprochen, so unumstößlich wahr und begründet ist, daß es eben nur von der denkfaulen Masse, von fanatischen und fanatisirten Orthodoxen und sinnloser, unverantwortlicher Sophistik geleugnet werden kann? Die Synode hat stattgefunden. Ob dieselbe ihrer Aufgäbe durchaus entsprochen hat; ob sie die erwartete Entschiedenheit bethätigte; ob sie die Basis anerkannte und zur größeren Anerkennung zu führen strebte, auf der sie stehen und sich entwickeln mußte; ob sie nicht fehlte, daß sie an kleinlicher Negation, an phrasenhafter Declamation mehr Gefallen fand als an positivem Aufbau, wollen wir hier nicht untersuchen. Die Synode hat in ihren zwei Versammlungen genugsam bezeugt, daß es ihr an redlichem Bemühen, an eifriger Thätigkeit, an Streben nicht gebrach und sie hatte die Aufmerksamkeit aller Besseren und Strebenden sich errungen. Sie war. da und wir rechneten auf ihre glänzende Ent- Wickelung. Wo ist dennoch die dritte Synode geblieben? Wir müssen mit Bedauern constatiren, daß es fast den Anschein gewinnt, als sei bei einigen ihrer eigenen früheren Träger und -Stimmführer Apathie oder gar Antipathie an die Stelle der Begeisterung getreten und als sei das Bestreben vorhanden, die Synode zu Grabe zu tragen, mindestens todtzuschweigen. Als in dieser Zeitschrift vor einiger Zeit eine treffende Anregung gegeben wurde, kam uns bald darauf die Mittheilung zu, daß die Verhandlungen der zweiten Synode eben gedruckt würden. Das sollte wohl ein Beschwichtigungsmittel des Veröffentlichungs-Ausschusses sein. Seitdem ist wieder Alles stille geworden und es ist wohl schwer möglich, dem Beschlüsse der zweiten Synode entsprechend zu verfahren und in diesem Jahre die dritte zu berufen, da noch keinerlei Vorbereitungen gemacht sind. Die Schuld trifft einzig und allein die Redactionscommission. Der Präsident 0r. Lazarus hatte geglaubt, aus persönlichen Motiven jede ernstere Thätigkeit nach der zweiten für die dritte Synode ablehnen zu müffen; ihn trifft also keine Schuld; wir glauben sogar annehmen zu dürfen, daß er bedauert, sich so selbst gleichsam die Hände gebunden zu haben. Aber die Redactionscommission: wer gibt ihr das Recht, so zu verfahren? Die Herren Mitglieder derselben wurden vor dem Plenum ernannt und haben die Wahl und somit selbstverständlich die Vcrpflichtung übernommen, die Verhandlungen zu redigiren und zu veröffentlichen. Die Mitglieder und Freunde der Synode haben das Recht zu verlangen, daß jene Herren ihre Pflicht thun! Sie mögen — oder vielleicht auch nur der Eine oder Andere von ihnen —? — Gründe haben, mit der vorigen Synode unzufrieden zu sein. Sie mögen von der Zukunft der Institution ganz und gar absehen, oder auch hier von ״Firlefanz" reden. Sie mögen vielleicht gar mit Gegnern ein Compromiß abgeschlossen haben-; das Alles gibt ihnen aber durchaus kein Recht, eigenmächtig zn verfahren. Die Commissionen haben ihre Pflichten; sie müssen dieselben erfüllen, — oder mußten von vornherein ablehnen. Das Weitere haben sie alsdann der Zukunft zu überlassen. Wir unsererseits erblicken auch heute noch in der Synode den Keim zu einer fruchtbaren Entwickelung des freien Gedankens im Judenthume, zu einer gedeihlichen Einigung insbesondere auf dem Gebiete des cultuellen Lebens. Wir erkennen in ihr ein Bedürfniß, weil sonst aus den auf dem Boden der Reform stehenden Synagogen jenes warme Leben schwindet, das Bewußtsein höheren Strebens und Ringens, welches allein vor Jndifferentismus und Zerfall schützen kann. Geben nun die Herren, die zur Zeit noch ein Mandat von der vorigen haben, die Synode auf, so müßten wir eben sehen, sie auf einem anderen Wege und losgelöst von ihren Vorgängern wieder einzusühren. Wir würden suchen, sie auf einen religiösen Reformverein zu stützen, dessen Generalversammlung sie alsdann wäre. Wir können nicht umhin, unsere Leser auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die uns drohen. Die Orthodoxie strebt in diesem Augenblicke, wie wir erfahren haben, nach einem urkoscheren Schulchanaruchbunde. Es sollen schon mehrfach bezügliche Versammlungen stattgefunden haben. Wird das preußische Abgeordnetenhaus den Austritt in einer Weise regeln, die die Bildung von jüdischen Separatgemeinden erleichtert, — und wir zweifeln nicht daran —, und werden