Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 16 (16.4.1873)
- Date
- 1873-04-16
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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125 8) Folgende Depesche kommt aus Bagdad: ״Ein Israelit, angeklagt einen Muselmann in Kerbels ermordet zu haben, ist zum Tode verurtheilt und soll sogleich hingerichtet werden. Verlangt Aufschub, wir glauben, seine Unschuld beweisen zu können." Es wurde an das Local-Comite zu Constantinopel telegraphirt und zugleich Hr. v. Cammondo gebeten, Schritte bei der Regierung zu thun. — Hr. v. Cammondo theilt mit, er habe einen Aufschub von 10 Tagen erhalten. Auf Andringen der Gemeinde zu Bagdad jedoch that der Ausschuß zu Constantinopel neue Schritte und erlangte den Befehl, daß die Untersuchung von Neuem zu beginnen sei. (So wird der türkischen Justiz vielleicht ein Gerichtsmord erspart und die Allianz hätte abermals einem unschuldigen Glaubensgenossen das Leben gerettet.) 9) Chajim Goldner aus Jassy erzählt eine schmerzliche Thatsache, deren Opfer er geworden. Er hatte einen einzigen 18jährigen Sohn, welcher als Maschinen-Gehülfe an der Eisenbahn zu Galatz arbeitete. Weil dieser seinen Lohn verlangt hatte, stürzte ihn der Maschinenmeister aus dem Wagen eines Eisenbahnzuges in einen Graben am Wege, wo der junge Mann starb. Goldner bittet um Vermittelung der Allianz, damit Gerechtigkeit geschehe. Ein Brief aus Bukarest meldet den (durch die öffentlichen Blätter bekannten) Mord eines Juden, David Moses, angestellt bei dem Brückengeld-Einnehmer zu Branza am Pruth, dem der Bürgermeister, als er das Brückengeld bei ihm einforderte, neun Gläser Rum in den Hals goß, woran der Unglückliche starb. Der Ausschuß wendet sich in beiden Angelegenheiten an den Local-Ausschuß nach Bukarest. 10) Man beschließt, auf Mittheilung des englisch-jüdischen Vereins hin, dem Schah von Persien bei seiner bevorstehenden Reise in Europa Bittschriften zu Gunsten der in seinem Lande lebenden Israeliten zu überreichen. 11) Rabbiner Br. Stein aus Worms gibt sehr befriedigende Nachrichten über den polnischen Waisenknaben Kraskal, den die Gemeinde Worms adoptirt hat. — Es bleiben ihm von der (mit sehr gutem Erfolge unternommenen) Subscription für die rumänischen Israeliten noch 1500 Fr., die er zu Verwendung bei der Reorganisation der rumänischen Schulen zu verwenden gedenkt. — Hr. Adolph B. H. Goldschmidt in Frankfurt a. M. gedenkt im Verein mit Herrn Br. Baerwald das dortige Local-Comite wieder herzustellen und wird für Verbreitung der Allianz bemüht sein. Corresponäenz. Nkzey, im März. Sie haben versprochen, zum Lebensbilde des verstorbenen Professors Br. Julius Fürst nachträglich noch Einzelnes mitzutheilen. Es dürfte Sie dafür folgendes Material interessiren, welches ״Delitzsch: Zur Geschichte der hebräischen Poesie 1836" S. 124 gibt. Bekanntlich war F. der Lehrer D.'s, der ihm selbst bei Abfassung dieses Buches fortwährend helfend zur Seite stand. Diese Lebensskizze verdankt D., wie er selbst gesteht, den gemüthlichen, mündlichen Mittheilungen seines Lehrers. Julius Fürst hieß eigentlich Joseph Alsari und hat seinen portugiesischen Namen verdeutscht. Er ward 1804 in Zerkow geboren, einem preußischen Städtchen an der russisch-polnischen Grenze. Sein Vater Jakob Alsari war ein ausgezeichneter Grammatiker und Orientalist, welcher 18 Jahre in Zerkow öffentliche Vorträge in hebräischer Sprache hielt. Er hinterließ handschriftlich: ״Dare Maala" (Angelologie); ein Werk über die Accente; lein ״Keter Malchut"; Hagahot zu den Targumim. Joseph Alsari schrieb in seinem 14. — 22. Jahre ״Chok weemuna", ein Lehrgedicht von 23 Gesängen über das Verhältniß des Gesetzes zum Glauben. Die ersten 13 Gesänge behandeln die 13 Glaubensartikel, die letzten 10 die zehn Gebote. Der Styl ist rein hebräisch, nicht musivisch-rabbinisch mit Parallelismus und Reimen. Br. R. (Wir gestatten uns noch einige Notizen: Durch Versehen wurde das bedeutendste Werk Fürst's, das schon allein hingereicht hätte, seinen Namen zu verewigen, in unserem Nekrolog nicht erwähnt*): Die biblische Concordanz, ein Werk des mühsamsten Fleißes, der treuesten Hingebung, des eifrigsten Forschens. Eine Menge anderer kleinerer Schriften von Bedeutung — Fürst war ein vielseitiger und fruchtbarer Schriftsteller — wird der künftige Biograph zu nennen haben. — Die ״Gartenlaube" brachte einen sehr interessanten und warm geschriebenen Nachruf. Ebenso alle Leipziger Tagesblätter. Ein sehr interessanter hebräischer Nekrolog stand im ״Hamaggid". Und die übrigen jüdischen Zeitschriften? Fürst war ein Mann, dessen gesammte Thätigkeit sich auf dem weiten Gebiete biblischer und jüdischer Wissenschaft bewegte. Ist diese eine Parteisache geworden? Ist der Glanz von כתר והורה erblichen? Und wenn der Lebende auch einer bestimmten Partei angehörte, מיתה מכפרת! Wer sich durch das sittliche Gefühl leiten läßt, wird im Todten das ehren, was ihn im Leben auszeichnete und hochstellte. Er wird das bleibende Verdienst würdigen. Wahrlich, es ist tieffchmerzlich, daß die jüdische Presse so tief gesunken ist, daß sie auch in so feierlichen Momenten nicht sich selbst ehrt. Wir suchten uns die verschiedenen jüdischen Blätter zu verschaffen, welche den Tod Fürst's anzeigten. Was fanden wir da? In einem frommen Blatte heißt es: ״In Leipzig starb Professor Julius Fürst und wurde mit großem Gepränge begraben." Das ist *) Wahrscheinlich im Drucke übersehen.