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Jüdische Volkszeitung · 1873-04-16 · 16 (16.4.1873) · p. Seite 122

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
16 (16.4.1873)
Date
1873-04-16
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 gänzliche Erlahmung selbst der Besseren, Strebenden. Mangel an Energie und Widerstandsfähigkeit — Zun: Theil herrührend von dem Mangel an Klarheit über die realen Zeitverhältnisse. Entspricht die Hochschule einem großen, wirklichen Bedürfnisse? Ist ihre möglichste Entwicklung und Ausbildung wahrhaft erstrebenswerth? Wir möchten behaupten, daß dies Nieinand leugnen kann, der einsichtig und vorurtheilsfrei ist. Wohl haben wir selbst früher den Satz aufgestellt, und wir halten unsere Behauptung von damals auch noch jetzt aufrecht: das Judenthum der Zukunft muß von unten aufgebaut werden. Vor allem Andern ist für den Religionsunterricht der Kinder zu sorgen. Was würde es fruchten, wenn wir eine Anzahl hochgelehrter Männer in Israel hätten — אחד מני אלף — und die Masse des Volkes bliebe gänzlich unwissend in religiösen Dingen? Wir haben jedoch jetzt die Hoffnung, daß in wahrhaft überraschend schneller Weife die Initiative zur Regelung des Religionsunterrichtswesens von einer Seite ausgehen wird, von welcher wir es kaum erwarteten. Es scheint uns in der That, als ob unter kräftiger Mitwirkung des Gemeindebundes und des Lehrerstandes — des deutsch-jüdischen Lehrervereins — die Bewegungen auf dem Gebiete des Unterrichtswesens überhaupt bald auch eine segensreiche Umgestaltung des Religions-Unterrichts herbeiführen könnten und hoffentlich — werden. Aber auch abgesehen hievon müssen wir sagen: das Eine thun und das Andere nicht lassen! — Man wird uns von anderer Seite die bereits längere Zeit bestehenden Institute ähnlicher Art entgegenhalten. Man wird insbesondere das Seminar zu Breslau hervorheben, das allerdings, — so sehr wir auch der religiösen Richtung, die dasselbe protegirt, ja geradezu geschaffen hat, abhold sind — in der That eine höchst beachtenswerthe Anstalt ist. Wir können unter allen Bedingungen dem regen, wissenschaftlichen Sinne, der im Breslauer Seminare gepflegt wird, unsere Achtung nicht versagen. Die Wissenschaft kann irren; all« sie muß endlich selbst ihre Irrthümer wieder beseitigen. Die wahre Wissenschaft kann nicht ״umkehren". Allein, — und das werden selbst die besonnenen Freunde dieser Anstalt zugestehen, weil die Praxis bereits die Beweise liefert, — es hat immerhin etwas Penibles, wenn eine Wissenschaft gewissermaßen nur an eine Stelle gebunden ist; sie kann sich dann vor Einseitigkeit nicht wohl schützen. Abgesehen hievon wird es zugestanden werden müssen, daß es durchaus nicht ganz zweckentsprechend ist, wenn eine Anstalt dieser Art sich auf ein Testament, auf ein großartiges Vermächtniß eines Verstorbenen fast ausschließlich stützt. Die Pietät gegen die unumstößlichen Statuten wird da mit Nothwendi^eit zu Mißständen in der Wahl der Lehrer, in der ganzen Leitung und Richtung führen. Der Lebende hat Recht! Eine Anstalt, die an ein solches unantastbares Grundgesetz nicht gebunden ist, wird dem fortschreitenden Leben mehr gerecht werden können und nicht genöthigt sein, oft einseitigen Einfluß auf die Charakterbildung der Zöglinge zu äußern. Die Hochschule hat nur die Wissenschaft im Auge; die Freiheit der Ueberzeugung, und somit der Charakterentwicklung wird in keiner Weise gehemmt; die Hörer werden durchaus nicht für eine bestimmte, religiöse Richtung prädestinirt und abgerichtet. Die höchste Aufgabe der Wissenschaft ist die Charakterbildung; nur dadurch ist sie eine lebendige, wirkt sie fürs Leben. Der Charakter muß Herr sein über sein Wollen und Thun wie über sein Denken; mithin auch über das Höchste im Menschen — die religiöse Ueberzeugung. Wir hatten bei unserer neulichen kurzen Anwesenheit in Berlin auch Gelegenheit, Zöglinge eines bekannten anderen (orthodoxen) ״Seminars", vulgo Jeschibah, zu sehen. Wir sagen: nur zu sehen! Schon dieses Sehen hat uns wahrhaft aufs Tiefste erschreckt! Mit Schmerz, mit den peinlichsten Gefühlen betrachteten wir diese traurigen Gestalten: und das sollen Culturbeförderer werden? In die Hand solcher Menschen soll unsere Zukunft gelegt werden? Das sind die Männer, welchen vorzüglich die Ausgabe werden soll, die Cultur zu unseren im Südosten wohnenden Stammesbrüdern zu tragen? Was sagen wir: Männer! Werden aus diesen verkümmerten, blassen, angekränkelten, blödschauenden Gestalten jemals ״Männer"? Menschen, die uns in der Metropole der Intelligenz wie verschlagene Reste aus einer anderen Welt vorkamen, aus deren Augen der finsterste Fanatismus und — unsere psychologische Erfahrung täuscht uns schwerlich — noch Anderes angrinste, was wir kaum zu denken, um wie viel weniger zu sagen wagen: Und von diesen soll Wahrheit, Sittlichkeit, Religiosität verbreitet, gepflegt werden; das sollen die Lehrer und Bildner des Volkes, seine religiösen Führer werden? Ist nicht Religion die Blüthe der Cultur; und wenn die Meister selbst den Gegensatz der Cultur auch äußerlich darstellen; was soll aus den Zöglingen werden? Ja, wahrlich, wir bedürfen der ״Hochschule für die Wissenschüft des Judenthums" und wir empfehlen sie darum unseren geehrten Lesern aufs Angelegentlichste. Sie soll die Wahrstätte des Geistes werden, von welchem das Judenthum ewig getragen war und getragen sein wird. Sie soll den Geist wahrhafter, religiöser Toleranz pflegen. Sie soll eine Stätte religions-wissenschaftlichen Strebens sein! Eine freie Stätte der freien jüdischen Wissenschaft! Von hier aus soll, wie von einem neuen Zion und Jerusalem, das Wort Gottes ausgehen und als Lichtsaat hinausgetragen werden auf Israel und die Menschheit. Das walte Gott!

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