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Jüdische Volkszeitung · 1873-04-09 · 15 (9.4.1873) · p. Seite 118

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
15 (9.4.1873)
Date
1873-04-09
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
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118 keit.) Darum können hier feine Kirchen gebaut werden, darum muß man um Beiträge betteln gehen, darum kann die reiche evangelische Kirche in ihrem Schvoße nicht einmal lumpige 50,000 Thlr. aufbringen! (Heiterkeit.) So groß ist das Maß der Unzufriedenheit, daß man es nicht wagt, in das volle Gefäß noch einen Tropfen hinein zu schütten, aus Furcht, das Gefäß werde überlaufen. Ja, so steht die Sache!" (Daß trotz der ״stolzen" Synagogen auch hier nicht Alles so geheuer ist, wie's scheint, weiß der Abgeordnete für Hagen vielleicht eben so wenig, als Virchow, der in den letzten Wochen mehrmals das im Judenthum herrschende freie Gemeindeprincip rühmend hervorhob. Red.) 65. Aus Dresden liegt uns ״Jahres-Rechnung und Geschäftsbericht der israelitischen Neligionsgcmeinde auf das Jahr 1872" vor. Wir müssen uns Vorbehalten, ausführlich auf diese sehr interessante Zusammenstellung, die uns ein deutliches Bild von dem Leben und Streben einer großen, jüdischen Religionsgemeinde giebt, zurückzukommen, da es uns heute an Raum gebricht. 66. Wien. Der längst projectirte Verein ״im Anschluß und im Vereine" mit der Allianz, wie Sie in Berlin sagten, hat sich nunmehr unter dem Namen ״Israelitische Allianz zu Wien"*) constituirt und seine Statuten sind bereits genehmigt. Eine Generalversammlung wird demnächst das Weitere ordnen. Die ersten Juden Wiens gehören dem provisorischen Comite an. Wo bleibt Berlin?**) Zum Rothschild'schen Krankenhause wurde am 9. März der Schlußstein gelegt und das Gebäude der Gemeinde übergeben. 67. Aus Schweden. Die Regierung hat die Verordnung, daß fremde Juden nicht überall wohnen dürfen, sondern sich ihren Aufenthaltsort von der Regierung anweisen lassen müssen, aufgehoben. Ueberhaupt geht die Gleichstellung der Juden hier zu Lande, wo sie vor Kurzem noch nur in drei Städten I'Va, Gothenburg, Stockholm, Norköpping, später auch in Carlskrona) wohnen durften, durch die Humanität unserer liberalen Regierung wunderbar rasch vorwärts. Im Reichstage sitzen zwei Juden und Juden bekleiden wichtige staatliche und communale Aemter aller Art. 68. Die Judenverfolgungen in Rumänien nehmen ein Ende, und findet inan den jetzigen Zeitpunct nicht geeignet, die Judenhäuser zu stürmen und zu plündern, so fährt man fort, municipal oder gesetzgeberisch, die Juden erwerblos zu machen. In Jassy haben die beson- ׳") Warum nicht Oesterreich-Ungarnd Red. *") Die Sache liegt in Wien anders, da man in Ungarn wohl aber sonst in Oesterreich bisher, wohl aus politischen Gründen, nur wenig Mitglieder der Alliance israelifc universelle hatte. Red. ders Pfiffigen unter den Judenhassern des Gemeinderathes ein löbliches Kunststück in Scene gesetzt, um die Handelsconcurrenz der zahlreichen und thätigen jüdischen Einwohner sich vom Halse zu schaffen. Es wurde beschlossen, alle Fleischhauerbünke zu einem städtischen Monopol zu erklären, die Ausschrotung des Fleisches von Amts und Magistrats wegen vorzunehmen, dabei aber keinen jüdischen Schlächter zuzulassen. Da nun die überwiegende Zahl der Jassyer Juden streng an ihren orthodoxen Speisevorschriften hält, also nicht Fleisch von einem nicht rite geschlachteten Ochsen, Schafe u. s. w. ißt, so wurde die Jassyer Judenschaft allzumal auf Fastenkost für das ganze Jahr gesetzt. Nunmehr aber hat die hochweise Legislative Rumäniens diesen Pfad heimtückischer Bedrängung der Juden noch weiter geebnet. Ein Gesetzentwurf, der in der Abgeordnetenkammer bereits angenommen wurde, bestimmt, daß die Erzeugung und der Ausschank geistiger Getränke fortan Staatsmonopol sein soll. Neue Monopole einführen, die Propination, diese gehässige, bedrückende, corrumpirende?Naßregel einer Bevölkerung auferlegen, die sie bis jetzt nicht kannte, gibt an und für sich genüglich Auskunft über die volkswirthschastliche Einsicht der gesetzgebenden Versammlung der Moldau-Walachai. Allein, um das Werk würdig zu krönen, hat die Bukarester Deputirtenkammer mit überwältigender Majorität ausdrücklich die Ausschließung der Juden von der Ver- , leihung der Schankgerechtigkeit, gewissermaßen mit Enthufiasmus, votirt. Nun lebt bekanntlich, wie in Polen, so auch in Rumänien, eine sehr große Zahl jüdischer Familien seit unvordenklichen Zeiten vom Branntweinschank. Alle diese Leute werden zu Bettlern gemacht. Der bornirteste Judenhaß machte sich bei der Debatte breit. Ein einziger Abgeordneter, der Deputirte Pogor, erhob seine Stimine gegen den rechtsverletzenden Artikel, allein er wurde überschrieen und überstimmt. 69. Paris. Die Alliance israelite universelle versendet vom 1. Marz ab außer den Semestralberichten auch monatliche, jedoch nur an die Präsidenten der Comites u. s. f. — Wir werden demnächst einen Auszug aus dem Märzbericht bringen. Feuilleton. * Jt|i^ ^oclltetz lte^ ^ommerLienmIkle^. Novelle aus der Gegenwart von I. (Fortsetzung, statt Schluß.) ״Schlaft wohl, meine Kinder, schlaft wohl! Lebt wohl — auf ewig!" Mit diesen Worten schlich eine junge, noch immer elegante Frau aus dem Zimmer, die Treppe hinab und aus

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