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Jüdische Volkszeitung · 1873-04-09 · 15 (9.4.1873) · p. Seite 119

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
15 (9.4.1873)
Date
1873-04-09
Page
Seite 119 (sequence 7)
Language
German
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•)1-יי**;.: 119 1פ4:• dem Hotel, n!o sie nach einer langen und beschwerlichen Reise mit zwei kleinen Kindern vor wenigen Stunden erst ange-! kommen war. Sie öffnete leise die Thüre — und war jetzt, unbemerkt, im Freien, in einer hellerleuchteten Straße einer großen Stadt. Aengstlich blickte sie die Straßen auf- und abwärts. Sie waren fast menschenleer. Der große Menschenstrom, der sonst auf den Trottoirs auf- und niederwogt, war versiegt. Ueber alle die glänzenden und armseligen Gestalten, die noch vor einer Strmde hier aneinander vorüberzogen, plaudernd, jubelnd, seufzend und bettelnd, hatte der Schlaf, der Bruder des Todes, seinen Schleier ausgebreitet. Die einsame Frau, die jetzt aus den Pforten des Hotels trat, mußte nicht unbekannt sein in diesen Straßen. Ein Blick der die schauerliche Gegenwart vergessenden Erinnerung schweifte über diese Paläste, die schönsten in der Stadt. Ein leises aber tiefes Stöhnen entquoll ihrer gequälten Brust bei diesem Umblicke, bei dieser Erinnerung. Dann eilte sie schnellen Schrittes vorwärts, als flüchte sie vor ihren Gedanken, durch enge und düstre Gäßchen, die die breiteren Straßen quer durchschnitten. Jetzt durchschritt sie ein hohes und schmales Pförtchen; sie stand auf dem Quai. An der Seite des Flusses war eine Reihe herrlicher Wohnungen. Eines der schönsten zog ihren Blick auf sich. Lange blieb sie vor demselben stehen. Ihr Kopf neigte sich wie betend nieder; sie faltete die Hände. ״Hier war ich einst zu Hause . . ." Vom nahen Pfarrthurm schlug dumpf die Glocke an. ״Elf Uhr! Schon elf! Es muß sein; ich darf nicht länger weilen. Jetzt könnte Semmi meinen Brief längst haben. Ich muß! . . . Vorüber! . . . Lebt wohl, lebt ewig wohl. .. o meine armen Kleinen . . . hier werden sie Ruhe, Heimath finden; aber keinen Vater, keine Mutter . . ." Sie eilte vorwärts, der Brücke zu. Es war ein hohes, schönes Eckhaus, vor dem sie gestanden. Eine Pforte, die seltener benützt wurde, und daher auch jetzt verschlossen war, war aus der Seite des Flusses. Eine andere, mehr benützte, war in der Nebenstraße. Vor einer Viertelstunde erst war ein Mann in diese eingetreten, und wollte sich in das Familienzimmer begeben, als ihm ein Lohndiener entgegentrat. Dem Lohndiener war von einer jungen und schönen Frau im Hotel ein Brief übergeben worden, mit der besonderen Bestimmung, ihn nur diesem Herrn, der ihm bekannt war, zu übergeben. Der Lohndiener glaubte an ein geheimes, vielleicht zartes Verhältniß zwischen dem jungen Herrn und der Dame und er bemühte sich, den Auftrag der Frau genau und ihrem Wunsche entsprechend auszuführen. Der Herr trat an das Licht, das im Vorplatz brannte und öffnete unmuthig das ihm übergebene Schreiben. Er hatte es kaum überflogen, als eine tiefe Blässe sein edles Gesicht überschattete. Er stürzte Zum Hause hinaus. An der nächsten Ecke fand sich noch ein einziger verspäteter Wagen. ״Schnell, um Gotteswillen schnell", rief er dem Kutscher zu ״ins Hotel de N., es gilt ein Menschenleben." Der Kutscher kannte seinen Herrn; er trieb die Pferde an, daß die Funken aus den Hufen sprühten. In fünf Minuten waren sie vor'm Hotel. Der Herr stieg aus, die Treppe hinauf. Ohne Bedenken öffnete er ein Zimmer, dessen Nummer ihm im Briefe angegeben worden war. Er fand es leer - nur zwei Kinder lagen, ruhig und friedlich schlafend, in einem Bette zusammen. Er stürzte wieder die Treppe hinab. ״Um Gotteswillen, noch schneller, an die Brücke." Der Kutscher trieb die Pferde an, als gälte es, das Höchste zu erobern . . . Mittlerweile war auch die einsame Dame auf die Brücke gekommen. Hier, hinter einem Brückenpfeiler, blieb sie eine Weile stehen. Sie stützte ihre beiden Arme auf die eiserne Balustrade. Die dunkle Fluth dort unten schlug so geheimnißvoll wider die Brückenpfeiler. ״Zittern sie, diese Pfeiler, oder — zitiere ich?" Schaudernd blickte sie in die Tiefe. ״Wie das wallt und rauscht und gar nicht Ruhe hat, wie ein Menschenleben! Bald-! Sie werden sich ewig fort bewegen, über meinen Leichnam . . ." Ein Wagen kam in rasender Eile die -Straße entlang, die zur Brücke führt. Vor der Brücke machte er Halt. Eine Wolke, die den Nachthimmel bisher überzogen hatte, zertheilte sich und gab jetzt einen Augenblick den Mond ftei, dessen mildes Licht auf die Frau fiel, die noch immer am Brückenpfeiler lehnte. Verzweiflung und namenloser Schmerz standen auf diesem Antlitze geschrieben, aber es war nicht der furchtbare, grauenhafte Augenblick, der diesem einst so lachenden, blühenden Gesichte diese Züge eingeprägt; die grausame Zeit hatte sie ihr eingeätzt, langsam. ״Man kommt! Ich muß ein Ende machen. Adieu — Welt — meine Kinder! . . ." Im nächsten Augenblick stützte sie sich mit der einen Hand auf die Balustrade, mit der anderen suchte sie sich hinüber zu schwingen. Sie war drüber — nur die eine Hand hielt noch die Balustrade, in deren eisernen Stangen sich ihr bauschiges Kleid verstrickt hatte. Sie suchte sich frei zu machen. Frei! dann stürzte sie in die Tiefe . . . In diesem Augenblicke umschlang eine nervige Faust ihren fteien Arm. ״Adele! was machen Sie?" ״Semmi! O lassen Sie mich!" ״Ich lasse Sie nicht!" Mit starker Hand riß er sie im letzten Augenblick empor, über die Balustrade zurück . . . (Schluß folgt.)

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