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Jüdische Volkszeitung · 1873-04-09 · 15 (9.4.1873) · p. Seite 117

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
15 (9.4.1873)
Date
1873-04-09
Page
Seite 117 (sequence 5)
Language
German
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werfen einen tiefen Schatten auf die vielen Lichtseiten der großen Republik und mit vollem Rechte bemerkt der ״Jsraelite" dazu: ״Das ganze System ist faul bis ins innerste Herz hinein. Die Wahlen in den Congreß müssen zu ungeheuren Preisen erkauft, die Wähler müssen für ihre Stimmen bestochen werden, so daß fast jedes Congreßmitglied schon vor seinem Eintritt sein ganzes Gehalt für das Zustandekommen seiner Wahl hingeben mußte, und mithin eine ehrliche, aufrichtige Wahl zur Unmöglichkeit geworden ist. Jedermann weiß dies und doch sind Viele erstaunt über die Entdeckung der Bestechungen und erwarten viel von dem moralischen Unwillen der öffentlichen Meinung. Wir erwarten nichts davon: So lange das Geld das Mittel zur Wahl ist, so lange wird der Erwerb von Geld das Ziel des Erwählten sein. Die Bestechlichkeit liegt im Volke." — Sehr wahr — aber unheilvolle Zustände dies. Und wie sehr ist Deutschland Lasker zu Danke verpflichtet, daß er dem Einreißen ähnlicher Zustände in Deutschland so mannhaft entgegen getreten ist. 60. (Kanzeltausch.) In Buffalo tauschten zwei Geistliche ihre Kanzeln: der Pfarrer Frothingham predigte Samstags in der Synagoge, der Rabbiner Falk am Sonntag in der unitarischen Kirche. (Unitarier sind eine Secte evangelischer Christen, die nicht an die Dreieinigkeit glaubt.) 61. (Jüdische Armenpflege in London.) Londoner! Zeitungen stellen die dortige jüdische Armenverwaltung der! christlichen als Muster zur Nachahmung auf: ״Fällt unseren christlichen Armen-Aufsehern die Sorge für eine Wittwe mit zahlreicher Familie anheim, so wissen sie nichts zu thun, als die Familie sammt und sonders ins Armenhaus zu senden, wo sie den immer erschreckender zunehmenden Pauperismus vergrößern Helsen. Die jüdischen Aufseher dagegen lassen es sich viele Pfund Sterling kosten, ihnen wieder ein Geschäft, einen Verdienst einzurichten. Wohl gibt es ein jüdisches Armenhaus, aber man findet weder junge noch arbeitsfähige Menschen darin; die Aufseher verschaffen allen denen Arbeit, die dazu fähig sind; sie würden es für eine zwecklose Verschwendung halten, Almosen zu geben, welches für den Armen doch nur ein dünner Faden ist, der ihn zwischen Tod und Leben erhält und das Nebel nicht heilen kann. Der Zweck der jüdischen Armenpflege aber ist es, dem Armen solche Unterstützung zu leisten, die ihn in den Stand setzt, zu arbeiten und sich selbst zu helfen." — Allen Almosengebern und Mildthätigen, die den Armen gerne helfen möchten, zum Bedenken und Beherzigen! 62. (Polnische Fruchtbarkeit.) Nach dem neuesten Census in Galizien kommen dort im Durchschnitt zehn Kinder auf jede jüdische Familie! 63. (Glaubten die alten Juden an die Unsterblichkeit der Seele?) Diese Frage wurde neuerdings in der französischen Akademie in Paris verhandelt. Der berühmte jüdische Reisende Halevy glaubt in einem von ihm aufgefundenen phönizischen Denkstein die Worte zu lesen: ״Fürst der Unsterblichkeit", und argumentirt daraus, daß die Phönizier, und folglich auch die Juden, diesen Glauben hegten. Ihm trat Hr. Derenbourg, der gelehrte Orientalist, entgegen. Die Stellung der Frage, entgegnete er, sei eine unrichtige; die Frage könne nur die sein: enthält das alte Testament die Lehre der Unsterblichkeit oder nicht? Derenbourg hat darüber eine Denkschrift verfaßt, die er der Akademie vorliest, und woraus wir unseren Lesern demnächst Eines oder das Andere mitzutheilen gedenken. 64. Ein sehr wichtiger Beschluß des preußischen Abgeordnetenhauses scheint von Ihnen und den Correspondenten anderer jüdischer Blätter ganz übersehen oder doch nicht genügend gewürdigt worden zu sein. Bei der Berathung des Budgets, insbesondere des Etats des Cultusministeriums, wurden von diesem 225,904 Thlr. für Verbesserung der äußern Lage der Geistlichen und Lehrer und zwar 50,000 Thlr. mehr als im Vorjahre gefordert. Die Budgetcommission will diese Verbesserung den Geistlichen aller Bekenntnisse zugewendet wissen. Die Abgeordneten Glaser und Gottberg beantragten die Streichung dieser gesperrt gedruckten Worte. Das Haus genehmigte den Antrag der Budgetcommission. Wenn wir auch annehmen, daß dieser Beschluß irgendwelche praktische Folgen nicht haben wird, da die Rabbinen in Preußen nicht als Geistliche im Sinne des Gesetzes betrachtet werden, auch die Summe viel zu gering ist, um irgendwie durchgreisend eintreten zu können, so ist doch schon die erste Anregung, allen Bekenntnissen,^) also auch den Juden, gerecht zu werden, anerkennenswerth und jedenfalls ein Anfang zum Besseren. In derselben Sitzung sprach der Abgeordnete Richter von Hagen: ״Für die evangelische Kirche will bei ihrem jetzigen Regimente nach der gegenwärtig in ihr herrschenden Richtung Niemand mehr Geld ausgeben. (Heiterkeit.) Ja, meine Herren, da steckt die Sache! Sehen Sie sich doch in Berlin um: warum werden hier stolze Synagogen gebaut und warum kann der Dom nicht fertig werden? Ja, Berlin — der Berliner erträgt unwillig genug die Orthodoxie und ihre Herrschaft, aber noch Geld dafür ausgeben, das ist ihm zu viel. (Heiter- *) Ob unter ״Bekenntnissen" die Juden mit einbegriffen sind? Im Allgemeinen versteht man darunter nur die christlichen ״Confessionen". Soll das Judenthum mit inbegriffen sein, so spricht man von ״Religionen". Diese allerdings etwas scharfe und auch nicht immer durchgcführte Distinction ging, so viel wir wissen, sogar von Juden aus. Wir finden, daß sie auch in dem neuen Schulgesetzentwürfe für das Großherzogthum Hessen Eingang gefunden hat, wo es in den betreffenden Fällen immer heißt: Consessions-(Religions-) gemeinden. Redaction.

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