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Jüdische Volkszeitung · 1873-04-09 · 15 (9.4.1873) · p. Seite 114

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
15 (9.4.1873)
Date
1873-04-09
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 in die Zukunft, in die messianische Zeit, zu der wir fortschreiten, die wir erwarte::, ביום ההוא, das Christenthum aber hat den vollendeten Urmenschen, oder Gottessohn, Erlöser, Messias; es schaut zu ihm zurück, sein Fortschritt ist—Rückblick —, wer das nicht erkennt, nicht erkennen will, der kennt auch nicht die Geschichte und daher noch weniger die Aufgabe des Judenthums. Nun denn, sind darum also die Versammlungen und Vereine, welche Gleichgesinnte und -Strebende veranstalten, unnütz? Wir müssen vor Allem constatiren, daß an und für sich weder der Gemeindebund noch die Berliner Delegirtenversam:nlung etwas mit dem religiösen Parteizwist zu schaffen hat. Beide verfolgen Zwecke, welche durchaus außerhalb des etwa streitigen Gebietes des religiösen Lebens, außerhalb der Lehre und des specifisch jüdischen Cultus stehen. Beide sind erst zu Parteiversammlungen und -Anstalten gestempelt worden durch die Organe jener Richtung, die für sich wohl ihre geheimen Conventikel und in diesen wahrhafte Orgien des Fanatismus hat, der aber jede Organisation an und für sich ein Greuel ist, weil sie der Gegensatz ist der Verwilderung, welche allein die Schafe den Hirten preis gibt. Sollen wir hier uns nochmals über Ziele und Zwecke des Gemeindebunds aussprechen? Wir haben das nicht nöthig, insbesondere, nachdem thatsächlich nachgewiesen werden kann, daß z. B. schon die Thesen über die Einordnung des jüdischen Religionsunterrichts in den Volksschulunterricht Folgen von großer Bedeutung gehabt haben.*) Wo wäre auch nur ein Anknüpfungspunct für die Behauptung, der Ausschuß des Gemeindebunds verfolge eine bestimmte religiöse Parteirichtung? Die Männer, die denselben bilden, haben allerdings für ihre Person ihre bestimmte religiöse Richtung. Wären sie Männer von Charakter, wenn sie diese nicht hätten? Kann man für solche Functionen polnische oder ungarische Chassidim verschreiben? Findet man unter ״der Orthodoxie" die organischen Talente, die aufopfernd thätig wirken für die Gesammtheit ohne Unterschied der religiösen Richtung so häufig? — Aber diese Männer find Charaktere, d. h. ehrlich genug, nichts zu ״vermischen". Sie werden jederzeit dem Gemeindebund fremde und fernliegende Tendenzen und Elemente ferne halten. Cultivirend müssen fie allerdings wirken, das ist natürlich! Das ist ja am Ende ihre höchste Aufgabe. Nun denn, Ihr Männer von der Orthodoxie, seid mindestens ehrlich! Sagt, wir können Euch nicht brauchen; denn Ihr seid culturfreundlich; wir aber — culturfeindlich! Cultur, Bildung, Vorwärtsstreben, alles Neue und Bessere, wenn es auch unser Gebiet nicht direct berührt, selbst die Ordnung — ist unser Tod! *) Sie haben bei Ausarbeitung des Entwurfes des hessischen Volksschulgesetzes vollständigste Berücksichtigung 'gefunden. — Was kann aber dazu die Vereinigung? Soll sie sich um deswillen selbst aufgeben? Und die Delegirtenversammlung in Berlin? Wir wissen noch nicht, welche Folgen sie haben wird. Eins aber ist sicher: Erfolglos kann sie nicht bleiben! Mag sich das Bedürfniß früher oder später fühlbar machen; es kommt! Täuschen wir uns nicht! Die Beziehungen der Religionsgesellschaften zum Staate werden immer lockerer und die Zeit kann nicht ausbleiben, wo eine solche Gemeinschaft von über 400,000 Seelen, in mehrere Tausend kleinere und größere religiöse Körperschaften und Gemeinden zersplittert, innerlich vielfach durch Parteien zerspalten, das Bedürfniß fühlen muß, sich frei und selbstständig zu organisiren! Hätte das deutsche Judenthum trotz seiner eminenten materiellen und geistigen Kräfte nicht diese Trieb- und Spannkraft, wir würden es aus tiefster Seele beklagen, denn es wäre ein Beweis der Zerrüttung, des Sichselbstaufgebens, des unausbleiblichen Zerfalls: Die deutsche Judenheit muß eine feste und klare Organisation sich schaffen, sie muß gemeinsame Institutionen theilweise errichten und theilweise für die Zukunft unterstützen; es gibt keinen anderen Weg zur Selbstcr- Haltung. Eins können wir freilich nicht leugnen. Es herrscht eine zur Zeit noch unaufgelöste Differenz zwischen Allianz und Gemeindebund; beide Institutionen haben so viele gemeinsa:::e Berührungspuncte, daß es im Augenblick sehr schwer ist, ihre Gebiete genau abzugränzen. Aber — die Praxis wird das schon geben. Mögen sie sich nur beide recht erkräftigen! Der gute Wille wird sie zu einigem Zusammengehen führen. Will man oder kann man im Emste behaupten, daß die Allianz bereits fest und genugsam organisirt sei für unser, für das Bedürfniß des deutschen Judenthums? Daß wir darum keine weitere Organisation, nicht den Gemeindebund und auch nicht die ״deutsche" Allianz nöthig hätten? Das kann doch unmöglich gut thun, daß eine Gesammtheit für die Dauer ihre Thätigkeit nur nach Außen lenkt, ihren Schwerpunct in der Ferne sucht, währen dim Innern noch so gar zu viel zu thun übrig bleibt? Und wenn es nicht geleugnet werden kann, daß das deutsche Judenthum an Zahl und daher an äußerer und innerer Kraft die jüdischen Körperschaften aller anderen Nationen weit überragt, — kann man mit gutem Gewissen unsere freie und selbstständige Organisation verketzern und behindern wollen, während wir dabei doch nie aufhören werden, — denn das ist ja unmöglich — ein lebendiges Glied, vielleicht das edelste, das Herz der Gesammtheit zu sein? Wir haben nun noch ein Wort über die Synode zu sagen. (Schluß folgt.)

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