Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 14 (2.4.1873)
- Date
- 1873-04-02
- Page
- Seite 110 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578452-9578570--125-9578576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Mohel 1× ep/1006163
OCR text
110 8 r v,?it \ \ I . ' Zeit des Bürgerkrieges, erreichte ich, erzählt Hr. Ellinger, der Herausgeber der ״Jewish Times", nach einer sehr langweiligen Fahrt; der Zug hält alle paar Minuten an Hütten, die man Stationen nennt — die amerikanischen Halteplätze und Wartesäle, selbst in größeren Städten, z. B. in Cincinnati, stehen den deutschen, was Geräumigkeit, Schönheit und Bequemlichkeit betrifft, weit nach — und sehr oft fehlte es an dem nöthigsten Material zum Fortkommen — an einem Locomotivsührer: drei bis vier Stunden Aufenthalt an einem elenden, abgelegenen Orte, Verfehlen des Anschlusses, halbe und ganze Tage auf Führer warten — das ist in diesem Theile des ״großen Landes" die Regel; Ordnung, Programmgemäßes Eintreffen, Regelmäßigkeit sind äußerst' seltene Ausnahmen. Mich entschädigte einigermaßen meine Gesellschaft, die Vorstände der israelitischen Gemeinde zu Vicksburg. Statt Freitag früh, war es Mittag, als wir ankamen. Ich erstaunte beim Anblick der Befestigungen, welche die Natur dem Platze gegeben hat (des Mississippi vor und des Big-Black-Hügels im Rücken), wie Grant die Stadt je hat einnehmen können. Abends besuchte ich die sehr geräumige, freundliche Synagoge, wo ebenfalls der Minhag America eingeführt ist (aber durch Or. Einhorn's Gebetordnung ersetzt werden soll) und war erbaut von der da herrschenden Ordnung und Andacht. ‘ Samstag früh und Sonntag Nachmittag predigte ich über den ״Fortschritt in Israel". Die Juden find wohlhabend und sehr geachtet; mehrere bekleiden öffentliche Aemter, und religiöse Vorurtheile kennt man hier kaum. Zum ersten Male sah ich hier eine große Menge einheimischer Neger, darunter die sonderbarsten Gesichter und Charaktere, Neger, die noch vor wenigen Jahren Sclaven waren und jetzt gleichberechtigte, freie amerikanische Bürger sind. Sie fühlen sich auch und Viele unter ihnen zeigen ihre Unabhängigkeit in einer Weise, die an Uebermuth und Anmaßung grenzt, während ihre sonderbaren Sitten und Manieren, ver- Kunden mit ihrem ungeschlachten Aussehen und ihrem dummen Gesichtsausdruck noch gar sehr an den wilden, uncivilisirten Sohn der afrikanischen Wildniß erinnern. Doch gibt es bereits zahlreiche Ausnahmen: einige dieser Neger besitzen hohe Geisteskräfte und haben sich mit wunderbarer Schnelligkeit eine Civilisation und Bildung errungen, welche sie hoch über die gemeine, gewinnsüchtige, käufliche Masse der Weißen emporhebt. Die Mehrzahl der gesetzgebenden Versammlung von Mississippi besteht aus Negern; einer derselben, Mr. Carter, hat Aussicht, zum Gouverneur des Staats erwählt zu werden (in Louisiana wurde vor Kurzem ein Neger zu diesem höchsten Posten des Einzelstaates berufen). Die Weißen suchen sich mit den Bessern unter den Negern zu verbinden, um die Wunden, die der Krieg dem Süden geschlagen, auszuheilen; doch gibt es unter diesen vormaligen Rebellen viele Hartgesottene, die sich mit den jetzigen Zuständen noch nicht versöhnen konnten und bitteren Groll hegen. Doch scheint mir diese Gegend: Vicksburg, Memphis, Natchez zu Niederlassungen für Einwanderer sehr geeignet; Baumwolle und wieder Baumwolle, das ist Alles, was man hier anbaut und alle anderen Bodenerzeugniffe, Gemüse, Früchte u. dgl. werden mit sehr hohen Preisen bezahlt, so daß ein Farmer, der etwas anderes als Baumwolle zu pflanzen verstände, sehr gute Geschäfte machen müßte. Alle Schulen, die ich besuchte, waren von Negern angefüllt; es ist wunderbar, mit welcher Begierde diese die ihnen sich jetzt darbietende Gelegenheit ergreifen, zu lernen, die ihnen ftüher gewaltsam aufgenöthigte Unwissenheit abzuthun und ihre vernachlässigte Bildung zu ergänzen. Das weibliche Geschlecht übertrifft in seinem Eifer die Männer; überall fand ich erwachsene Negerinnen, Mädchen und Frauen, in den Schulen, eifrigst bemüht, lesen und schreiben zu lernen, und oft machen Neger-Mägde beim Verdingen die Bedingung, daß es ihnen erlaubt werden müsse, die Sonntagsschule zu bcsuchen. Des jüdischen, sehr tüchtigen Geistlichen zu Vicksburg Tochter, Fräulein Gotthels, ist Lehrerin einer Negerschule. Was mich besonders erfreute, war die Einigkeit unter den Juden zu Vicksburg, woselbst die Orthodoxesten dem allgemeinen Wunsch nach Reform nachgegeben haben. Ich machte die Bekanntschaft eines solchen Altgläubigen bei einer Beschneidung — im ganzen Staate Mississippi ist nur ein Mohel — und er gestand, daß er jeden Widerstand gegen eine Reform aufgegeben habe, da diese das einzige Mittel sei, dem Verfalle im Judenthum entgegenzutreten und ein allgemein thätiges religiöses Leben wieder zu erwecken. Literarisches. Ingelheim, den 1. März 1873. Zwei Schriftchen gleicher Art wollen wir, ihrer Eigenart willen, hier nur nennen: wir haben nichts mit ihnen gemein. Die geläuterte jüdische Gotteslehre kann die Nothbehelfe des Atheismus sowohl als des Pantheismus entbehren, weil das Fundament derselben nicht eine in allen ihren Theilen wundersame und inconsequente Geschichte einer Person ist. 1. Gott. Aus dem Spanischen nebst einer Einleitung von Hedwig Henrich. (Zürich, Verlagsmagazin.) 2. Glaubensbekenntniß eines modernen Naturforschers. (Berlin, Elwin Staude.) Das erste Schriftchen versucht es (auf 46 Seiten) zu beweisen, daß es keinen Gott gibt; das zweite (30 Seiten), daß man nichts glauben soll. Wir kommen nun auf'das Gebiet der jüdischen Wiffenschaft, können jedoch vorläufig, der Tendenz unserer Zeitschrift