Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 14 (2.4.1873)
- Date
- 1873-04-02
- Page
- Seite 111 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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111 gemäß, nur kurz auf eine soeben erschienene, ein an und für sich populäres Gebiet in streng wissenschaftlicher Form behandelnde Schrift aufmerksam machen^): Trachten der Juden im nachbiblischen Alterthume. Ein Beitrag zur allgemeinen Costümkunde von Dr. Adolf Brüll. I. Theil. (Frankfurt a. M-, Verlag von Jsaac St. Goar 1873.) Trotz der reichen wissenschaftlichen Notizen ist die Schrift auch für andere Kreise lesenswerth und interessant und wir wünschen im Interesse der Sache und zur Aufmunterung des jungen, strebsamen Gelehrten demselben die weiteste Verbreitung in jüdischen Kreisen. Feuikketon. Die Uocilter kleä ^ommerLienmtüe^. Novelle aus der Gegenwart von I. (Fortsetzung.) Die Nacht war vorübergegangen; — der Baron von Westheim war noch nicht wieder nach Hause gekommen. Wie in sich verloren und elend kniete die arme Adele bald an dem Bette des Einen, bald an dem des Andern ihrer Kinder. Sie weinte nicht mehr; ihre Thränen waren versiegt. Sie suchte Ruhe und fand sie nicht.! Du suchst Licht in Deinem Elende, und wenn Du es hast, dann erst wieder schließt Dein Auge sich schmerzgeblendet; Du willst Gewißheit darüber, ob das, was mit tausend Martern Dein Herz foltert, wahr ist; Du weißt es schon und doch kannst Du es nicht, magst es nicht glauben, und Du wagst Dein letztes Lebensglück, den letzten leuchtenden Stern, all Deinen Muth und die ganze Spannkraft Deines Geistes nimmst Du zusammen, um mit eigenen Augen die ganze Größe Deines Unglücks ermessen zu können, und nun weißt Du Alles, Alles! Bist Du darum getröstet, glücklicher geworden? Eine Nacht und ein Tag und wieder eine Nacht waren vorübergegangen, Baron von Westheim war noch immer nicht wiedergekommen. Adele dachte nicht mehr. Sie hatte sich in den ersten Stunden nach ihrem Zurückkommen vom Balle die Frage vorgelegt, was jetzt thun, was beginnen? Sie war zu keinem Entschlüsse gekommen. Sie hatte begonnen, ihrem Vater zu schreiben. Aber ihre Kraft und ihr Geist versagte — sie wußte nicht, was sie schreiben sollte. Ermüdet legte sie sich auf ihr Bett, zu ihrem Kinde. Es war am Morgen des zweiten Tages, ganz in der Frühe. Da hörte sie, noch halb schlafend, wie schon oft, die *) Wir hoffen recht bald, im ״Jsr. Lehrer" Raum für ausführlichcre Besprechungen solcher Schriften zu finden, denselben zu einem literarischen Beiblatt erweitern zu können. j äußere Thüre öffnen. Sie erwachte und erkannte bald den leisen Tritt ihres Mannes. Die Magd mußte ihm geöffnet haben. Er trat heute noch leiser auf und wendete sich zu dem Zimmer auf der entgegengesetzten Seite, wo Adele die letzten Reste früherer, sorgenloser Tage, ihre Kleider, ihren Schmuck und Werthsachen aufbewahrte. Er öffnete die Thüre jenes Zimmers, das er fast nie betrat, zu dem sie den Schlüssel aufbewahrte; — sie suchte und fand ihn auf seinem Platze. — Er mußte sich einen zweiten Schlüssel verschafft haben. Ein Gedanke durchzuckte sie. Leise eilte sie auf aus ihrem Bette; in einigen Augenblicken stand sie schon neben ihm. Sie legte die Hand auf seine Schulter. ״Was machst Du hier?" ״Nichts, nichts", antwortete er halb erschreckt und doch frech, wie ein ertappter Verbrecher, der nicht leugnen kann. Sie sah in sein Auge. Halb trunken, halb übernächtig schaute er sie an und mit heiserer Stimme fuhr er fort, sie starr anblickend: ״Ich habe Unglück im Spiele gehabt; Dein Vater zahlt nicht mehr; Wechselschuldner verfolgen mich. Ich weiß, Du bergst hier große Reichthümer. Diese kostbaren echten Diamanten und Perlen, was nützen sie Dir? Ich lasse Dir imitirte machen. Falsche Perlen . . . Alles ist falsch . . ." setzte er lallend hinzu.! ״Ja", antwortete sie, ״dieser Schmuck ist der letzte Rest meiner einstigen Reichthümer, mein Erbe — Du wirst ihn stehen lassen und nicht berühren!" ״A bah, Schäfchen, nicht so böse", erwiderte er fast herzlich, und die Angst sprach aus seiner Stimme; ״die Manichäer folgen mir auf der Ferse. Wirst Du mich in dieser Noth, in dieser Schande lassen? Du warst einst mein Liebchen! Ich will wieder zu Dir zurückkehren, Dich nicht verlassen. Helfe mir nur. Verflucht, das Kästchen ist verschlossen und angeschlossen; gehe und hole die Schlüssel . . ." ״Verschlossen und angeschlossen; ich ahnte, was kommen wird, — und nie wirst Du die Schlüssel bekommen. Ich habe Dich nie, Du hast mich nie geliebt — die Eitelkeit trieb mich in Deine Arme; die falsche Genußsucht, meine! Reichthümer, Dich in die meinigen. Ich fluche der Stunde, die mich an Dich kettete; Dein Portemonnaie nanntest Du mich . . ." ״Haha, kommt der Wind daher? Nun ich werde Dich zwingen. Doch, wozu? Hier ist ja, was ich brauche, noch ein kleines Schmuckkästchen, dasselbe, ha, das Du mir vorgestern Nacht auf so hinterlistige, schmachvolle Weise entrissest. Es reicht für den Augenblick; das Weitere wird sich finden." ״Auch das wirst Du stehen lassen; es stammt von meiner seligen Mutter, war einst ihr Schmuck gewesen . . ." ״Schweig, armselige Jüdin!" Er stieß sie von sich, daß sie besinnungslos zur Erde stürzte. — Der Baron war verschwunden. (Schluß folgt.)