Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 14 (2.4.1873)
- Date
- 1873-04-02
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gott ins Herz gegeben? Sollten sie heucheln und schmarotzen, wie Eure Schüler von heute, welchen zum wahren Juden in dem Sinne jener, ach Zumeist Heimgegangenen Lehrer Alles fehlt: das Wissen und der Charakter! Das Wissen der Alten und das Verständniß der Gegenwart und ihrer Bedürfnisse! C jene edlen Träger der neuen Zeit! Sie sind unsere Lehrer und Führer geworden zum Lichte; steinigt sie darum, ihr Bannerträger der Finsterniß! Und nun, schauen wir uns einmal um in der gegenwärtigen Judenheit, ob es so, wie es jetzt ist, fortbestehen kann! Wir beobachten aufmerksam und theilnehmenden Blickes den großen Kamps mit den durch eigenthümliche Verhältnisse übermächtig gewordenen Ultramontanen, die leisen und schüch- Lernen Anfänge einer Zurückiveisung des Muckerthums von Seiten der gegenwärtigen Gewalthaber! Sollen wir es auch so weit kommen lassen? Sollen wir auch warten, bis die Fanatiker und Finsterlinge übermächtig geworden? Der Staat kann, will und soll uns nie Zu Hülfe kommen. Sollen wir nichts, gar nichts thun, um uns ihrer zu erwehren? Sollen wir ohnmächtig und theilnahmlos die Hände in den Schooß legen, während wir sehen, wie jüdische Zeloten und Fanatiker, die äußerlich und innerlich den Jesuiten und Muckern aufs Haar gleichen, das Volk irreleiten, aufreizen und haranguiren; wie sie heuchlerisch die reine Lehre des Judenthums fälschen, die äußerste Schale erhalten, das Innere aber, den Kern, ersticken? Sollen wir zusehen, wie sie den Aberglauben verbreiten, die Verdummung des Volkes unterstützen und kräs- Ligen und wie sie deshalb insbesondere einen berufstttchtigen, gebildeten Lehrer st and — wir haben dafür die schwerwiegendsten und sprechendsten Beweise gerade in diesem Augenblicke — zu unterdrücken streben? Sollen wir zusehen, wie sie um den lauteren Inhalt unseres heiligen Schriftthums eine unselige Symbolik als Kerkermauer aufbauen, ganz widerstrebend der freien, urwüchsig erleuchtenden Kraft der jüdischen Lehre und unserer großen alten Lehrer und Bibelerklärer? Sollen wir stillschweigen, wenn unsere heiligen Gottesstätten, unsere Synagogen widerhallen von Rachegebeten und Piutim, von Lehren, die dreifach verwerflich, dreifach Lüge sind: Lüge im Herzen, Lüge im Geiste, Lüge aus unserer Zunge? Sollen wir stillschweigen, wenn der Verleumder im Lande umhergehend, unser bestes, edelstes und reinstes Streben verunglimpft und — den Bann ausspricht über die treuen Lehrer, die redlich handeln nach ihrem Gewissen? Sollen wir ruhig zusehen, wie man unseren Kindern, der Hoffnung unserer Zukunfr, die Religion raubt, weil ihre Bildung und ihre Verhältnisse ihnen nicht ermöglicht, zu denken und zu leben, wie jene heuchlerischen Pfaffen es verlangen? Wir sagen allerdings: Schonung der ehrlichen, überzeugungstreuen Orthodoxie; aber Kampf den Heuchlern und Fanatikern, welche das Heiligste beschimpfen, indem sie die Waffen, die ihnen die Bildung der Gegenwart bietet, vergiften! Der Conslict ist vorhanden; wir haben ihn nicht geschaffen. Wir arbeiten vielmehr an seiner Ausgleichung. Er wurde hervorgerusen und befestigt durch diejenigen, die dem ruhigen Entwickelungsgange sich entgegenstemmen. Wohl uns, wenn wir wirken können auf friedlichem Wege; wohl uns, wenn die zwingende Macht des Lichtes sich Bahn bricht, ohne daß wir die schneidenden Waffen ergreifen müssen, die tiefklaffenden Wunden bloßzulegen haben! Wir wollen kämpfen, so lange unser Auge offen ist, für die Reinigung, Vergeistigung, Regenerirung des Judenthums! Wir kämpfen den Kampf des Lichtes gegen die Finsterniß; der Sieg kann nicht zweifelhaft sein. Ob wir den Sieg erleben? Die Gegenwart ist müde, verzagt, unschlüssig, gleichgültig geworden. Wir müssen heraus aus dieser Lethargie, wenn unser Heiligstes nicht Noth leiden soll. Wir rufen unseren Zeitgenossen, unseren stillen und muthlosen, wie unseren offenen und entschiedenen Gesinnungsgenossen zu: רק חוק ואמץ; seid stark und fest! Unterstützt und kräftigt uns in unserem Streben, in dem wir mit Wenigen bisher allein standen! Laßt uns nicht untergehen in unserem Kampfe! Es ist heilige Pflicht eines Jeden, dem der Fortschritt des Judenthums am Herzen liegt, einzustehen für die heilige Sache — in der einen oder anderen Weise. Das hoffen wir. Und dafür ist unsere Zeitschrift. Das sind ihre Principien, das ist ihre Aufgabe. Die gewaltige Macht der Presse soll unsere Waffe sein, die uns Hilst gegen die Finsterniß. Ist das unnütz oder — Friedensbruch? Die Zeit des Frühlings ist da! Mit ihm das Fest der Befreiung von äußerer Knechtschaft, der die befreiende Idee folgte. Die äußeren Fesseln des Judenthums sind, Gottlob, gebrochen! Laßt uns zusammen ernst und entschieden wirken, daß die befreienoe Idee desselben wieder leuchte in alter Kraft zu neuem Licht und neuem Leben! * * * Das preußische Abgeordnetenhaus hat die Gesetze über den Austritt aus der Kirche mit einer von Lasker beantragten Resolution in Bezug auf die Juden angenommen, welche also lautet: ״Die Staatsregierung aufzufordern, dem Landtage baldigst eine Vorlage zu machen, durch welche auch den Juden in allen Theilen der Monarchie der Austritt aus einer Religionsgemeinschaft aus confessionellen Bedenken ohne gleichzei-