Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 14 (2.4.1873)
- Date
- 1873-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Wochenschrift Jüdische Vollszcitimg. KcstelkuNgen nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich 171/2 Ngr. in bttmnte und ßt\nhf Innnuogs und Arbsn. 3«f<r״u “ sind an die Verlagshandlung von - 306. Friedr. Hartknoch in Leipzig ^)evausgegeben von m ^ugelheim, Preis der 3gesp. Zeile 2 Ngr. bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt". Nv. 14. Leipzig, den 2. April. 1873. Intakt: Wochenbericht. — Correspondenzen: Aus Westfalen. — Aus Oesterreich. — Rundschau. — Literarisches. — Feuilleton: Die Tochter des Commerzienrathes (Fortsetzung). — Anzeigen. Mocdenbericklt- Ingelheim, den 25. März 1873. ״Wozu nützen Eure Zeitschriften? Ihr stiftet damit nichts Gutes! Ihr regt das Volk auf, veranlaßt unnützen Hader und verbreitet Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen. Lasset einen Jeden seines Weges ziehen, vermeidet die Bildung von Parteien in den Gemeinden. Nur Euren aufregenden Parteiblättern ist die Unruhe, der Unfrieden zuzuschreiben! —" So sprechen selbst denkende Männer. Wenn es wahr wäre? Wäre der Herausgeber einer Zeitung, die offen Farbe bekennt und die ihren Principien entgegenstehenden Ansichten lebhaft, jedoch mit ehrlichen Waffen, bekämpft, ein Verbrecher an dem heiligsten Gute, ein Friedensbrecher? Schauen wir uns doch einmal um; prüfen wir doch die Verhältnisse; sehen wir zu, ob ohne unser Dazuthun der Frieden wirklich vorhanden und zu erhalten wäre! Die orthodoxen Zeitschriften aller Farben haben wohl, weil sie den ehrlichen und jederzeit fruchtbringenden Ideenkampf scheuen, weil für sie Wahrheit und Klarheit todtbringend ist, weil sie selbst die zwingenden Thatsachen nicht leugnen, ja kaum besprechen können, die ״Reformrabbiner und aufgeklärten Lehrer" bezichtigt, die alleinigen Veranlasser des großen Geisteskampfes zu sein, der diesem Jahrhunderte sein Gepräge aufgedrückt hat. Aber — ists dem wirklich also? Sind jetzt und seit vielen Jahren die Rabbinen und Religionslehrer wirklich solche Himmelsstürmer? Der Zwiespalt war vorhanden, ehe es Resormrabbiner und freisinnige jüdische Zeitschriften gegeben hat. Er trieb Tausende ins ״andere" Lager zu einer Zeit, wo dieser Uebertritt noch nicht ein für die jüdische Gesammtheit leicht zu verschmerzender Verlust war; zu einer Zeit, wo jeder Ueberlüufer in das andere Lager zugleich noch die Zahl unserer Feinde und Widersacher vermehrte; wo die Verräther noch im Stande waren, eingebildete oder wahre Blößen des Judenthums als Waffen gegen uns zu gebrauchen, während sie uns ihrer Kraft beraubten, die wir zur Durchführung unserer hohen Aufgaben gar sehr vonnöthen hatten. Sie haben dort freilich noch viel weniger den Frieden gefunden; aber — uns sind sie nichtsdestoweniger verloren. Und sind uns die Hunderttausende von Namenjuden, die Religionslosen und Indifferenten nicht ebenso verloren? Die Unmassen von oft kleinlichen und widerlichen Ceremonien, die mit den Anschauungen der Gegenwart, mit den geläuterten Begriffen vom Wesen der Religion und des religiösen Lebens unvereinbarlich waren, die durchaus abstoßende Form des öffentlichen Gottesdienstes und der Religionsübung überhaupt; haben sie uns nicht der Mitarbeit eines großen Theils der Intelligenz, ja, fast all derer beraubt, welchen eine höhere Bildung zu Theil geworden? Haben daran die ״Reformrabbiner" unserer Zeit Schuld? Die älteren Rabbiner und Lehrer allerdings! Sie haben zur Verbreitung des Lichts ungemein viel beigetragen. Sie konnten nicht anders. O diese alten Lehrer mit dem lichten Geiste und dem warmen Herzen; mit der edlen Begeisterung für das geläuterte, von seinen Schlacken befreite Judenthum: konnten und sollten sie anders lehren als so, wie es ihnen