Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1873-03-26 · 13 (26.3.1873) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
13 (26.3.1873)
Date
1873-03-26
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9588641-9578452-9578561--116-9578567
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

102 Jsolirtheit gar nicht dazu kommt, einen inneren oder äußeren Drang nach Abstellung alter Mißstände, nach Beseitigung des anwidernden Schlendrians, nach Verschönerung der religiösen Formen und Gebräuche zu empfinden. Man läßt Alles hübsch beim Alten, weil man auf sich allein beschränkt, 511 einseitig und kurzsichtig ist, um zu erkennen, daß eine Reform des cultuellen, Gemeinde- und religiösen Lebens ein Gebot eben der Religion, ein Gebot der Zeit ist! ״Im engen Kreis verengert sich der Sinn! ׳ (Forts, folgt.) Pest, 2-1. Februar. Trotz der Debatte über das Budget des Cultus- und Unterrichtsministeriums und trotz der letzten Faschingsbewegung hat die Trauung des Oberstaatsanwalts- Stellvertreters 1)1׳. Tobias Löw die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sämmtliche Journale sprechen davon. Dieselben bestätigen einstimmig, daß der neue Tempel noch niemals in allen seinen Räumen so sehr überfüllt war, wie am 23. d. M. Abends. Die ungarischen (magyarischen) Journale preisen in verschiedenen Variationen den patriotischen Geist der Traurede, welche Löw, der Vater, bei dieser Gelegenheit gehalten hat. Die ״Reform", eines unserer größten politischen Blätter, theilt in ihrem heutigen Abendblatte die Rede in extenso mit. Kzigetvar (Sümegher Komitat), im März. Bei der erfolgreichen Rührigkeit, welche die Orthodoxie in unserem Lande an den Tag legt, verdient die hierorts stattgesund ene Rabbinerwähl als ein wahrer Triumpf der Reform verzeichnet zu werden. Dr. Julius Klein, welcher mit Acclamation zum hiesigen Rabbiner gewählt wurde, gehört der fortschrittlichen Richtung an. Die Orthodoxie in Paks und anderswo machte vergeblich Anstrengungen, einen Aspiranten aus ihrer Partei auf unfern Rabbinatsstuhl zu setzen. Kunä^cüau. 53. Der bekannte Scandal-Proceß Karmelin in Lemberg hat einen der österreichischen Justiz viel würdigeren Abschluß gefunden. Das Oberlandesgericht hat nämlich den in erster Instanz freigesprochenen Karmelin zu sieben Jahren Kerkers verurtheilt, dagegen einen Theil der in erster Instanz verurtheilten Opfer österreichischer Spitzel-Politik schuldlos gesprachen. Die Herren Grafen Neipperg und Taaffe, die eigentlichen Urheber dieser schändlichen Beftechungsgeschichte, gehen selbstverständlich makellos und ungeschoren aus dem Scandal hervor. (Karmelin hatte jüdische Familien veranlaßt, Bestechungen wegen Befreiung vom Militärdienste ihm zu geben und diese Familien hinterher zur Anzeige gebracht. Er war ■j von hochstehenden Männern zu dieser nichtswürdigen Betrügerei veranlaßt.) , 54. Meseritz, 15. März. Am 11. d. Mts. waren : unter dem als Wahlcommissarius fungirenden Landrath v. Hinkeldey die Wahlmünner der zu Collectivstinunen vereinigten Städte des Birnbaumer, Bomster und Meseritzer Kreises zur Wahl eines Abgeordneten und zweier Stellver (tretet* für den Provinzial-Landtag in Meseritz versammelt. Bei der Wahl des zweiten Stellvertreters erhielt der zur israelitischen Religion gehörige, als Wahlmann mit anwesende Kaufmann Jacob Strich aus Birnbaum die Stimmenmehr-! heit. Da aber nach Ansicht des Wahlcommissarius der § 5 des Gesetzes vom 27. März 1824 wegen der Provinzialstände,! nach welchem ein Abgeordneter einer der christlichen Kirche ' angehören müsse, es zweifelhaft ließ, ob der Kaufmann Jacob : Strich werde bestätigt werden, so wurde noch ein dritter, nai türlich der christlichen Religion angehörender Stellvertreter;geroäfj[t. Also geschehen im Jahre des Heils 1873: 23 Jahre nach Emanation der Verfassungs-Urkunde vom 31. Januar; 1850 für den preußischen Staat; 26 Jahre nach Erlaß des!Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 > und 4 Jahre nach Emanation des Rcichsgesetzes vom 3. Juli! 1869 über die Gleichberechtigung der Confessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung. Auf den Einwand Strich's, daß ja Juden im Herrenhaus, Reichstag und Landtag säßen, erwiderte der Landrath v. Hinkeldey: ״Ja, Lasker!" 55. (Bürgermeister Wallach noch einmal.) Zu dem in Ihrem Blatte von Bürgermeister Wallach ausgesetzten Preis von 100 fl. für denjenigen, welcher beweist, daß das mosaische Gesetz den Genuß von vermischten Milch- und Fleischspeisen verbietet, bemerkt der ״Jsraelite" mit Recht: Der gute Mann hätte ganz ruhig einen noch viel höheren Preis aussetzen dürfen, er würde doch nichts zu zahlen haben. Das Verbot ist ein rabbinisches, kein mosaisches und vor der Mischnah ist nirgends die Rede davon. 56. (Der englische Zoll ein göttliches Werkmaß.) Aus den Maßverhältnisien der Pyramiden zu Gizeh, des Salomon'schen Tempels, aus allen biblischen Zahlen und den astronomischen Größen beweist ein närrischer Amerikaner, John A. Parker, daß Gott uns sein eignes Maß, ״nach welchem er arbeitet" (by which He works), geoffenbart hat und dies Urmaß ist — der englische Zoll und die jüdische Elle. Also genügt es den Anti-Darvianern nicht mehr, Gott zum besonderen Schöpfer jeder einzelnen Art zu machen, ihn zu einem speciellen Schöpfungsact für jede Species zu zwingen, sie stellen ihn auch dar wie einen Werkmeister, den Zollstab in der Hand; sie machen am Ende das irrationalste und unnatürlichste Maß von allen — bekanntlich soll ein englischer König die Länge seines Armes als Aard gegeben haben — zu einer göttlichen Offenbarung. Schon das hebräische ״Amah", wie das deutsche ״Elle", weist hinlänglich auf den völlig mensch -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.