Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 13 (26.3.1873)
- Date
- 1873-03-26
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 101 -- ־// Vorschein. In den Worten g'ol m'ragel re. und,,haß Kategor rc.! am Versöhnungsabend blinzelt wiederum auch bei Gnoch das satanische Gespenst durch. In der Leipziger Synode wurde der von einem conservativen Mitglied gestellte Antrag ״da, wo wir nicht an unsere besondere geschichtliche Vergangenheit und an unsere besondere Mission anknüpfen, sondern nurunsere rein menschlichen Angelegenheiten im Gebete Vorbringen, statt der exclusiven Erwähnung des Volkes Israel lieber den allgemein menschlichen Standpunkt hervorzuheben" sehr beifällig und, wie ich glaube, einstimmig ausgenommen. Wie nun G. dieser richtigen Erwägung an vielen anderen Stellen Rechnung getragen, so sollte bei ihm auch in abinu malkenu die achte Bitte lauten ״sende vollständige Genesung" ״l'chol hacholim"^oder ״l'chol makothenu", anstatt״l'chole amecha/^Ebenso wollen wir in dem Achtzehn-Gebet anstatt ״Er erhört das Gebet עמך ישראל Gott lieber preisen, der da erhört תפלת כל פר. In der That lautet die Formel also in dem Gebetbuch unserer keineswegs reformistisch gesinnten portugiesischen Glaubensgenossen. Wenn doch noch eine Synode zusammenberufen werden sollte, so könnten ihr die neuen Gebetbücher zur Begutachtung und Schlußredigirung vorgelegt werden. Vielleicht wären unsere Erörterungen als einige brauchbare Bausteine zur Förderung des heiligen Werkes zu verwenden. ftWionsv.» '1 Eorresponäenz. Provinz Posen, 2. März (Fortsetzung). Die nationalen und gesellschaftlichen Verhältnisse unserer Provinz sind bekanntermaßen ganz eigcnthümlicher Art. Polen und Deutsche stehen sich schroff gegenüber; jene betrachten sich als die eigentlichen, zeitweilig nur verdrängten oder vergewaltigten Besitzer des Landes, während diese, als die Träger der Cultur und Civilisation, für sich den vollgültigen Rechtstitel auf dasselbe in Anspruch nehmen. Dazu gesellt sich in natürlicher Consequenz die oppositionelle Stellung der beiden christlichen Kirchen, der katholischen und der evangelischen, zu einander. Zwischen diesen beiden Parteien in der Mitte steht der Jude. Er weiß den Werth deutscher Bildung und Gesittung, die Vorzüge eines geordneten, gesetzlichen Staatswesens sehr wohl zu würdigen. Er ist darum der wärmste Patriot: dies haben namentlich die Bravour der Soldaten israelitischen Glaubens in den Kriegen von 66 und 70, sowie die Haltung der jüdischen Bevölkerung unserer Provinz während derselben zur Genüge erwiesen. Der Jude aller Länder weiß es ja, was es heißt, ein Vaterland zu besitzen, dessen Rechtsschutzes sich zu erfreuen, und ist ihm darum mit um so größerer Liebe ergeben. Aber die Rechtsverkümmerung, unter der die Juden Preußens, Deutschlands so lange zu leiden hatten, die eigenen schmerzvollen Prüfungen der Vergangenheit haben unsere hiesigen Glaubensgenossen davor bewahrt, jene schroffe Stellung zu den Polen, zu denen sie überdies in vielfachen geschästlichen Beziehungen stehen, einzunehmen; waren auch oft der Grund, weshalb in früheren Jahren, da wir noch so viel zu erstreben, zu erkämpfen hatten, Juden und Polen Compromisse eingingen, um die Wahl freisinniger Abgeordneten zum Landtage durchzusetzen. Der Jude unserer Provinz wäre somit wohl als sögenannte Mittelpartei zu betrachten; er wäre am ehesten — schon weil er das bedeutendste Contingent zur städtischen Bevölkerung stellt — dazu berufen und geschaffen, zwischen Polen und Deutschen das versöhnende, vermittelnde Element zu bilden, wenn es die Regierung sich nur hätte angelegen sein lassen, die Juden mit etwas weniger Zurücksetzung, mit etwas mehr Aufmerksamkeit zu behandeln. Statt dessen hat es der Staat, gewiß sehr zu seinem eigenen Nachtheile (die Folgen, gegen die jetzt eine neue Gesetzgebung, eine straffere staatliche Disciplin nothwendig geworden, zeigen sich in der Gegenwart zur Genüge!) vorgezogen, die Juden sich selbst zu überlassen! Und gerade durch diese Mittelstellung kam es, daß beide sich schroff gegenüberstehende Parteien, Polen und Deutsche, den Juden nicht als zu sich gehörig betrachteten; ihn von ihrem intimeren Umgang ausschlossen, ihn auf sich selbst isolirten. Betrachten wir nun noch in aller Kürze die Schulverhältnisse der Provinz Posen. Höhere Unterrichtsanstalten gibt es nur in den großen Städten. Der Jude, der bekanntlich seinen Kindern gern eine höhere Bildung angedeihen läßt, ist mithin genöthigt, sie frühzeitig von sich zu geben. Herangewachsen kehren diese keineswegs in ihre Gemeinden zurück, da sie hier kein geeignetes Fortkommen sinden könnten, so daß diese des frischen, belebenden freisinnigen Geistes, der die moderne gebildete Jugend erfüllt, entbehren müssen. — Aber nicht alle Eltern sind bekanntlich in der Lage, für ihre Kinder das theure Pensionsgeld in einer Stadt wie Posen, Bromberg rc. zu bezahlen. Sie sind also genöthigt, dieselben in die jüdischen Elementarschulen zu schicken. Ja, die jüdischen Elementarschulen! Trotzdem die Juden das überwiegendere Element, sowohl pecuniür wie nach der Bevölkerungszahl in den meisten Mittel- und kleinen Städten der Provinz bilden, existirt fast nirgends eine Simultanschule, und zwar zumeist wegen der vielfachen nationalen und religiösen Reibungen und Ge-- hässigkeiten der anderen Parteien. Also auch hier die Abgeschlossenheit, die Jsolirtheit, eine Jsorlirtheit von Kindesbeinen auf! Es liegt nun auf der Hand, daß man in Folge dieser u \\\ u ■li r, i! 1