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Jüdische Volkszeitung · 1873-03-26 · 13 (26.3.1873) · p. Seite 98

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
13 (26.3.1873)
Date
1873-03-26
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Erbe hinterlassen wollte, seinem Gotte, den er doch als gerechten und milden Richter aller Welt verehrte (1. M. 18,25)), zum Opfer zu bringen bereit war? Es ist also, so lautet die folgerichtige Conclusion, ein nicht im Geiste Mosis, sondern späterer trüber Zeiten gedichteter Mythos, den wir darin vor uns haben, und eben so umnachtete Zeitläuften im Mittelalter waren es denn auch, die an dies beabsichtigte Kindesopfer Abrahams mit besonderer Vorliebe sich anklammerten und an dem, ihrem irrigen, unjüdischen Begriffe nach darin liegenden hohen Verdienste des Erzvaters und seines Sohnes die beredteste Fürsprache zu besitzen glaubten, weshalb sie dasselbe auch in ihren Gebeten nicht nachdrucksvoll genug geltend zu machen wußten. — Ich bin nun ganz damit in Uebereinstimmung, daß der Opfer- und Priesterdienst vergangener Tage unseren Anschauungen und Gefühlen nicht mehr entspreche, und wir weder wünschen noch hoffen dürfen, bei einer dereinstigen Restitution des Gottesdienstes auf dem ״Berge des Hauses Jehovah's" auch jenen wiederhergestellt zu sehen, uns dafür vielmehr verklärtere Formen der Gottesverehrung im Geiste der fortgeschrittenen Menschenbildung vorschweben müssen; ich halte jedoch nichtsdestoweniger das Opfern und Darbringen für eine zu ihrer Zeit eben so natürliche als Zweckmäßige Manifestation des kindlich-religiösen Sinnes, die wir daher auch, — gleichwie die, sei es auch noch so dunkle Ahnung und noch so Mangelhafte Verehrung der Gottheit überhaupt —, von Kain, Abel u. Noah an bei allen civilisirten und uncivilisirten Stämmen und Völkern jeglicher Zone Jahrtausende lang bis in die Gegenwart sogar hinein verbreitet und in häufigster Hebung finden. Wenn König David (der fromme Dichter von Jugend auf, der Schöpfer des Tempelgesangs, dessen heilige Lieder in und außer Israel noch heut und für alle Zeiten Muster begeisterter Lobpreisung des Höchsten sind) bei Zurüstung der Weihgeschenke zum künftigen Tempelbau so demuthsvoll inniglich ausruft (1. Chron. 29, 14 und 16): ״Von Dir kommt ja Alles, und was wir Dir geben, rührt aus Deiner Hand; Herr, unser Gott! all' diese Schätze, die wir hergerichtet, um Deinem heiligen Namen zu Ehren ein Haus zu erbauen, sie sind aus Deiner Hand, und Dir gehöret Alles", so liegt eben dem Opferdienst wie dem Tempelbau der Gedanke durchweg zum Grunde: Weil wir Gott Alles schuldig sind, was wir besitzen, so müssen wir dies, da wir Ihm nicht Alles zurückgeben können, mindestens durch Weihung eines Theils Seiner Gaben für Seinen Dienst thatsächlich anerkennen und dadurch unsere Dankbarkeit, Liebe und Hingebung gegen Ihn, unseren gütigen Vater und himmlischen König, augenscheinlich bekunden. Wir bezahlen nun fteilich (nach des Propheten Hosea 14, 3. Wort) die Farren mit unseren Lippen, und legen, um uns doch nicht gar zu billig mit unserem Gotte abzusinden, Spenden privater und öffentlicher Mildthätigkeit auf Seinen Altar nieder; ob aber im Großen und Ganzen unserem Lippen- oder dem vormaligen Opferdienst mehr Gedankenlosigkeit und Werkheiligkeit eigen, dürste schwer zu entscheiden sein; Jesaiah und seine Nachfolger wären wohl mit ihren Strafpredigten in diesem Punkte hier wie dort am rechten Platze. Wo in aller Welt, möchte ich aber fragen, gäbe es wohl eine menschliche Thätigkeit, Sitte und Institution, und wäre sie an und für sich noch so trefflich und so wohlthätig wie ״des Feuers Kraft", daß sie nicht ״furchtbar würde, wenn sie der Fessel sich entrafft", d. h. daß sie׳ nicht zu Mißbrauch, Ausartung, Thorheit und Frevel Anlaß gäbe? Eine derartige grauenvolle Ausschreitung war es denn auch, daß man mit dem Thieropser sich nicht begnügte, sondern diesem vielfach Menschenopfer zur Seite stellte und dies sogar in der, allem menschlichen und natürlichen Gefühl hohnsprechenden Weise, wie dies beim Molochsdienst bekanntlich der Fall war. Es waren dies im Kleinen den Diis infernalibus dargebrachte Auto-da-fs's, wie sie die Kirche später im Großen — in majorem dei gloriam — dem dreieinigen Gotte zu Ehren unter Jubel und Feierlichkeit weihete. In unübertrefflich epigrammatischer Kürze ironisirte der Prophet Hosea diesen von Moseh aufs Aeußerste verpönten heiligen Unfug, als er mit dem in Israels Mitte eingerissenen Götzendienst hier gleichfalls in Schwung gekommen, mit den wenigen, die ganze darin liegende Verkehrtheit und Verderbtheit brandmarkenden Worten (13, 2): ״Menschen schlachten, Kälber küssen sie!" — Ist nun diesen entmenschten Gräueln die Akedah bei aller äußeren Ähnlichkeit an die Seite zu stellen? Meiner Auffassung und Empfindung nach nicht im Entferntesten, und stehen wir vielmehr vor dieser mit ebenso lebhaftem Bewundem und Anstaunen moralisch-religiöser Größe als vor jenen mit Schauder und Abscheu. Das Gotteswort für dieselbe von Anfang an als eine bloße Prüfung, Versuchung, als eine schwere, die härteste Probe für Abraham am Ziele seines rühm- und segensreichen Lebenslaufes hin, durch deren Bestehen er für Mit- und Nachwelt kundaeben sollte, daß ihm im Gehorsam gegen den von ihm zuerst erkannten und verkündeten einzigen, allmächtigen Gott Nichts zu theuer wäre, um es Ihm nicht aufzuopfern, nicht nur Gut und Blut, sondern — was mehr als beides — selbst seinen einzigen, geliebten Sohn (1. M- 22, 2), ohne den ihm ftüher all' sein Besitzthum werthlos geschienen (das. 15, 2) und für den er sicher sein dem Grabe nahes Dasein mit Freuden hingegeben haben würde. (Die jüdischen Commentatoren combiniren daher mit größtem Fug und Recht das Verbum: nissah, V. 1, mit Neß-Panier, Erhöhung, Verherrlichung, und weisen darauf hin, daß der Patriarch, um in seiner Willfährigkeit gegen das Gottesgebot nicht einen Augenblick wankend zu werden, Ihm

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