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Jüdische Volkszeitung · 1873-03-19 · 12 (19.3.1873) · p. Seite 90

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
12 (19.3.1873)
Date
1873-03-19
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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90 genehmigen, was schon Rabbi Simon ben Chaleftha aussprach; Talm. Sotah, fol. 41. אמר ר׳שמעון ב׳הלפתא מיום שגבר אגרופה של חנופה נתעוותו הדינין ונתקלקלו המעשים ואין אדם יכול לומר לחבירו מעשי גדולים ממעשיך. ״Seitdem die Gruppe der Egoisten und Hypokriten sich breit machte, ist das ursprüngliche Recht und die einfache Thatsache oft corrumpirt, so daß Niemand zum Anderen sagen kann: meine Werke sind großartiger, denn die deinen". Auch der sogenannte bessere Jude kann es nicht unter seiner Würde finden, dem entseelten Mitbruder, sei es am Todtenbette oder am Grabe, jene Liebesdienste zu erweisen, wozu sich der geringste seines Stammes angetrieben fühlt. Die Geschichte seiner Vergangenheit, wie sein Jetzt, lassen ihn begreifen: ״Besser ist's, in das Haus des Trauerns, denn in das Haus des Mahles zu gehen"; da der Lebende es in seinem Herzen begreift, was Midrasch erklärt: עביד חסדא דיעבדול לך לווי דילווני!" ספוד דיספדונך קבור דיקברונך גמול הסד דתתגמול לך ״Erweise Liebe, daß man sie dir wieder zukommen lasse; begleite, damit auch du begleitet werdest; beklage, damit auch dir so geschehe; helfe begraben, daß man auch dich begrabe! re." Ein würdiger Vorzug der jüdischen Bestattungsweise der Todten gibt sich auch darin zu erkennen, daß der Rabbiner nicht als Priester, — wie überhaupt nirgends als solcher — erscheint. Da ist von keiner Vermittelung, von keiner kirchlichen Einsegnung, von keinem Versagen kirchlicher Ehren die Rede; מת חפשי מכל המניות — ולא כל יורדי דומה ״Der Todte ist von Gesetzeserfüllungen fteigesprochen", lehren die Weisen. Wer in der Absicht, Gesetze der Religion auszuüben, die Räume des Leichenhauses betritt, wird mit den Worten getadelt: ״er spotte des Armen" (des Todten). Der Tod ist ein Factor, der mit der Welt abgerechnet hat. Er verlegt seinen Standpunkt in die Sphären des Lichtes. Es ist natürlich, daß nach solcher Anschauungsweise Prunk und Gepränge bei der jüdischen Leiche nie Platz greifen konnte. Die Geschichte der Halacha berichtet, vide Chochamath haadam Abschn. 157. בראשונה היו עשין בגדים נאים ויקרים למת שהוא מימן שהוא מודה בתחיית המתים וכשראה ר״ג שהעניים מתביישיך וברחו והניחו המת נהג בעצמו שלא לקברו אלא בבגדים לבנים ולכן אין קוברים המת בתכריכים יקרים אפילו לנשיא שבישראל אלא לקבור בבגדים לבנים ״Ehemals pflegte man ausgesucht schöne Gewänder als Bekleidung der Todten zu bestimmen, gleichsam als eine Hin- Misung für die Wiederauflebung. Weil aber Rabbi Gamaliel Mkkeb die Bemerkung machte, daß dadurch die Armen der Te^,^nung preisgegeben, deswegen auch dieser Sitte scheu auswichen und ihre Leichen oft längere Zeit unbeerdigt ließen, ordnete er, und zwar mit seinem Beispiele, zuerst an, daß man die Todten nur in weißen Sterbekleidern bestatten solle. Seitdem besteht der Brauch, alle Todten — den Patriarchen des heiligen Landes nicht ausgenommen — nur mit dem weißen Todtenhemde zu bekleiden." Das Motiv des Nasi der Juden, die höchste Auctorität, der auch in außerjüdischen Kreisen außergewöhnliche Verehrung genießt, spricht ganz im Geiste Hilells und rechtfertigt sich als ewig wahr und angemessen. Die fernere Thatsache, daß die jüdische Leiche schließlich nicht der bloßen Disposition des Todtengräbers — קברן — eine Bezeichnung, welche die handwerksmäßige Versahrungsweise implicirt, — anheim gegeben ist, rechtfertigt sich aus mehrfachen Gesichtspunkten. Außerdem daß das jüdische Publikum nicht theilnahmslos, nicht als bloßer Zuschauer bei einem Act erscheint, der als tägliches Ereigniß — עולם כמנהגו נהג — (die Welt geht ihre alten Bahnen) das Herz der Fernstehenden leicht erkalten läßt, ist der schon zu öfteren vorgekommenen Leichenberaubung und den dadurch verursachter Scandal-Ereignissen am besten Schranken gesetzt. Der talmudische Ausspruch ״ מותר המת למתNiemand hat ein Anrech auf das, was dem Todten gehört", — wurde in jüdische Mitte stets kindlich fromm respectirt. Es erweist sich klar, daß die alte Einfachheit des Juden thums in dieser Beziehung ihre guten Früchte getragen, ei׳ Umstand, der uns sagt, daß auch unsere Zeit, diesen wohlbe rechtigten Eigenthümlichkeiten ihre fernere Existenz gönnen muß Mit dem Gesagten sei aber so manchen Mißbräuchen die sich im Verlaufe der Zeit eingeschlichen, keineswegs da! Wort geredet. Im Gegentheile verheimlichen und verschweigei wir sie nicht; reinigen wir den Anker von allem Roste, de: sich auf der langen Fahrt daran angesetzt, damit er dac Fahrzeug auch ferner kräftig leiten helfe. Wir wissen es ja שבשתא כיון דעל על (פסחים קי״ב ע״א) Ein eingeerbter Fehler bleibt gar gerne. Verfasser beab sichtigt zwar von den angedeuteten Mißbräuchen in einer be sonderen Abhandlung später zu sprechen. Das Nachfolgend entzieht sich aber jeden Aufschubs und soll sofort gerichtet un' abgeurtheilt werden. Immer noch, und zwar sehr häufig, leider, begegnen wü namentlich in kleineren Gemeinden auf dem Lande, wo de rechte Führer fehlt, der alten Unsitte, diesem נהג יהוא בן נמשי כי בשגעון ינהג (das Treiben aber ist wie das Treibe Jehus, Sohnes Nimschi; denn er treibt unsinnig, Könige I. 9, 20), wornach er in Folge des falsch verstandenen^ אסור להלין המת gegründete Besorgnisse des Scheintodes gän *) Das Uebernachtbehalten des Todten ist verboten.

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