Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 12 (19.3.1873)
- Date
- 1873-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Vollszcitiing. Wochenschrift in*> Lestekkungen nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich lPk Rgr. in hnttotb und Zrhulr, Ir^nngogr und Krdrn. Herausgegeben von I. Himgrnstrm in Ingelheim, bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt". Inserat« sind an die Verlagshandlung von Job. Friedr. Hartknoch in Leipzig zu senden. Preis der 3gesp. Zeile 2 Ngr. No. 12. Leipzig, den 19. März. 1873. Inbllkt: Die jüdische Leichenbestattung vor dem Richterstuhl der Gegenwart. — Correspondenzen: Königsberg, Worms, Husch, Aus Rumänien. — Rundschau. — Feuilleton: Die Tochter des Comm erstenrathes (Fortsetzung). — Anzeigen. Die jüäiscke Ueieüenbeftaltung vor äem MckterstiM üer Gegenwart. Auf keinem Gebiete des jüdischen Religionslebens erscheint die Pietät vielarmiger als hier; mitunter streift sie fast an das ״Zuviel". So Manchem mag der Wunsch innewohnen, wo ist da die rechte Mitte? Der orthodoxe Jude ist in Ansehung der bestehenden Gebräuche bei Verstorbenen ein Nimmersatt, minutiös bis zur Aengstlichkeit. Die Aussprüche und Anordnungen nicht nur der ראשונים, sondern auch der אחרונים sind ihm Katechismus. Aber auch der moderne Jude, welcher mit den Ceremonien großentheils gebrochen hat, ist in diesem Punkte nicht viel anders geartet und hier zeigt er am besten, wie er mit seinem orthodoxen Halbbruder wohlversöhnt durchs Leben gehen kann. Da drückt ihn nichts; Alles läßt er über sich ergehen; er fügt sich in Anordnungen, welche er, würden sie in anderen Religionssphären mit gleicher Resignation von ihm verlangt, gleichviel unter welchem Vorwände, entschieden von sich weisen würde. Warum das gläubige Gefühl gerade hier, in Sterbefällen, so ausgeprägt erscheint? Ist es bloße Aengstlichkeit oder gar Zaghaftigkeit vor dem unerbittlichen Tode? Oder Weichheit, größere Empfänglichkeit des Moments? Nur vorsätzliche Abneigung vermag hierin dergleichen kleinliche Beweggründe zu entdecken. Was wäre nun dieser unleugbaren Eigenthümlichkeit entgegen zu halten? Wir finden die Ursache nicht sowohl in einer vorzugsweise positivconservativen Gemüthsrichtung, als in einem noch tief innewohnenden Unsterblichkeitsglauben des Israeliten. Der Nihilismus in Beziehung zur Unsterblichkeitslehre hat, wir können es mit Zuversicht aussprechen, bei jüdischen Gelehrten und Laien noch wenig Boden und Eingang gefunden. Da, wo er sich einzunisten scheint, steht er vereinzelt, kann nicht um sich greifen und bleibt aufs Individuum beschränkt. Dieses selbst ist damit zurückhaltend, wohl wissend, es kann damit keine Propagande machen. Außer vielen Fällen sei hier auf die letztwilligen Worte des im vorigen Jahre verstorbenen Professors Di׳. Herz in Erlangen hingewiesen: ״Ich will nach einfacher Vätersitte aus dem Friedhofe zu Baiersdorf in einem aus vier Brettern gezimmerten Sarge beigesetzt sein." Wenn der Professor, der sein lebelang das Secirmesser in der Hand führte, im Körper noch den Tempel eines lichten Geistes erkannte, hatte er sich auch der Lehre eines Darwin, Büchner, Molischott re. noch nicht hingegeben. Statistisch sichergestellt kommen in jüdischer Mitte Angriffe aufs eigene*), wie aufs Leben Anderer höchst vereinzelt, ja selten vor. Diese gewiß nicht zu unterschätzende und seit Jahrtausenden unerschütterliche Lebensrichtung des Israeliten hat auch auf dem legislatorisch religiösen Gebiete ihren Ausdruck gefunden. Die Erfahrung lehrt, wie vornehm auch sonst der Reichere sich geberdet und räuspert, am Grabe ist er im vollsten Sinne Nebenbruder. Stillschweigend muß er *) Wir glauben, in dieser Beziehung irrt unser geschätzter Correspondent. Die Selbstmorde bei Israeliten sind leider nicht seltener als bei Andersgläubigen: der physischen Gründe mag es viele geben. Der Mord an Andern ist freilich desto seltener. Redaction.