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Jüdische Volkszeitung · 1873-03-12 · 11 (12.3.1873) · p. Seite 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
11 (12.3.1873)
Date
1873-03-12
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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86 Thoren Jerusalems geführt haben mochte. Sie glauben fest, hier sei Esther, die fromme heroische Königin und ihr Oheim Mardachai begraben. Das Grabmal besteht aus einem viereckigen Zimmer mit Seitenflügeln, 30—40 Fuß im Quadrat, überragt von einer Kuppel und einem cylindrischen Thurm, nahezu 40 Fuß hoch. Auf der Spitze der Kuppel befindet sich, wie auf den meisten Ruinen im Orient, ein Storchnest. Das Aeußere des Backsteinquadrats zeigt auf ein Gebäude mehr für den Zweck der Stärke als der Schönheit und ist in langsamem, stetem Zerfall. Ebenso uneinladend ist der offene Grund um das Grab her, welchen die Mnhamedaner als Holzmarkt benutzen. Am Tage, da wir das Grab besuchten, war er mit frischgehauenen Bäumen, Zweigen und anderem Brennmaterial überfüllt; kein Grashalm, kein Blatt, keine Blume befindet sich auf dem Grabe — dagegen ekelhalte Dinge und Schmutz in Fülle. Der alte Jsraelite, der mit der Bewachung des Grabes betraut ist, schwingt die schwere aber niedrige Thüre auf und wir stehen im äußeren Gemache. Hier liegen mehrere fr.omme Rabbis begraben. Behauene Quadersteine, für zukünftige Reparatur des Gebäudes bestimmt, und Schutthaufen aller Art füllen den Raum. Durch eine zweite Thüre, so eng und niedrig, daß wir fast auf Händen und Füßen kriechen müssen, treten wir in das Grabzimmer selbst. Der Fußboden ist mit glasirten Backsteinen gepflastert, und eine auf der rechten Seite sich öffnende Nische dient als Betplatz. Sie ist so angelegt, daß der Betende sowohl das Grab, als auch Jerusalem, die israelitische Kibla (d. h. der Ort, nach welchem man sich im Gebete wendet), gerade vor sich hat. An einem solchen Platze beten zu können, gilt als ein ungemein verdienstliches Werk. Hoch oben über unserem Kopfe, im Mittelpunkt der Kuppel, hängt ein Straußen-Ei, eine Verzierung, die man sehr häufig in allen religiösen Gebäuden des Orients findet. Unter der Kuppel stehen zwei Kasten in Gestalt von Sarcophagen, anscheinend sehr alt, aus hartem schwarzen Holz, mit hübsch ausgearbeiteten jüdischen Buchstaben in Relief. Der größere Sarg ist der der Esther und seine Inschrift lautet: ״Dies ist der Sarcophag der Esther, der gerechten;" auf dem kleineren steht: ״Dies ist der Sarcophag Mordachai's, des gerechten." Auf beiden Gräbern befinden sich, als Inschrift, die Worte Psalm 16, 9 und 10: ״Darum ist mein Herz fröhlich und meine Ehre freudvoll; auch mein Fleisch wird in Hoffnung ruhen, denn du überlässest meine Seele nicht der Unterwelt, wirst auch deinen Heiligen nicht Verwesung schauen lassen." Einige der jüngeren sich stets hier aufhaltenden Rabbinern verfertigen von beiden Gräbern rohe, bemalte Zeichnungen, welche die frommen Pilger als werthvolles Angedenken mit in die Heimath nehmen. 44. (Gegen Scheinheiligkeit.) Kennen Sie das hübsche türkische Sprüchwort, das man auch gegen so viele unserer frommscheinenden Neu-Orthodoxen in Anwendung bringen könnte? — Der Islam macht es bekanntlich seinen Anhängern zur Pflicht, mindestens einmal im Leben nach Mekka zu wallfahren oder'wallfahren zu lassen. Die Hadschis oder Pilger dürfen einen grünen Turban tragen und genießen mehrere andere religiöse Privilegien. Die wahre Frömmigkeit der Hadschis ist aber so wenig über allen Zweifel erhaben, als die — mancher anderer Frommen und es geht von ihnen das Sprüchwort: ״War ein Mann einmal in Mekka, so gib Acht auf ihn; wenn zweimal, so trau' ihm nicht; und wenn dreimal, so mache, daß Du aus seiner Nähe wegkommst." 46. Posen. Der Lehrer Löwenstein an der jüdischen Elementarschule Zu Birnbaum wurde nun endlich als 70jühriger Greis, nachdem er 40 Jahre gedient, mit Genehmigung der Behörden pensionirt und zwar nrit 1/g seines Einkommens mit netto 100 Thalern. Fragen wir nun: Ist das eine Pension für einen Lehrer, der dem Staate 40 Jahre treu gedient, der in seinem Dienst alt geworden und jetzt erwerbsunfähig ist? Kann er mit 100 Thlr. jährlich bei den jetzigen Preisen der Lebensmittel, der Wohnung und anderen Ansprächen bestehen? O armer Lehrer! Welches ist dein Lohn, nachdem du so lange im Weinberge des Herrn gearbeitet! Wie schlecht wirst du in deinen alten Tagen abgespeist! 47. Der allerneueste Gesprächsstoff in den Wiener Salons ist, wie ein Correspondent des Pester ״Lloyd" mittheilt, die Verlobung des jungen Barons N. Rothschild, einzigen Sohnes und Erbfolgers des Vertreters der österreichischen Linie genannten Hauses. Die Braut ist Comtesse Messey, Tochter des Obersthosmeisters des Erzherzog Rainer. Ganz entgegen den Traditionen des Hauses will der Bräutigam die bestehende Religionsverschiedenheit durch Uebertritt zum Glauben seiner Braut ausgleichen, ein Entschluß, der dem bei aller Freisinnigkeit fest am jüdischen Glauben hängenden Vater sehr viel Schmerz bereiten und ihn zunächst bestimmt haben soll, bei der Ausmessung der Apanage seines Sohnes nicht jenen Maßstab walten zu lassen, der den ״Usancen" des Welthauses entspräche. Allerdings hindert dies nicht, daß der junge Ehemann gegen Nahrungssorgen geschützt sein wird, sintemalen man mit zwei Millionen sogar in dem theuren Wien immerhin anständig auskommen kann. (Neulich wurde auch von einer Freiin von Rothschild berichtet, die den Stallmeister eines englischen Lord geheirathet hat. Also auch hier!!)

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