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Jüdische Volkszeitung · 1873-03-12 · 11 (12.3.1873) · p. Seite 87

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
11 (12.3.1873)
Date
1873-03-12
Page
Seite 87 (sequence 7)
Language
German
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Feuikketon. ^ocliler ^onttnerLienrrrtüeß. Novelle aus der Gegenwart von I. (Fortsetzung.) Immer dichter und dichter fielen die Schneeflocken; man konnte kaum Hineinblicken in dieses Gewimmel tanzender Sterne. Das Auge der armen Frau am Fenster durchdrang dennoch die Finsterniß; sie blickte unverwandt und mit verzehrender Angst hinunter, die Straße entlang. Ein Windstoß drang in das Zimmer und löschte das Licht. Was kümmerte sie das? War es ja in ihr längst schon so finster geworden... Jetzt kam wieder ein Wagen, ein Nachzügler; der Kutscher peitschte, daß man es oben im Zimmer hörte, und das Kind in der Wiege, aus dem Schlafe geweckt, laut aufschrie. Ein dumpfer Schrei kam auch aus den vom stechenden Schmerze zusammengepreßten Lippen der Frau am Fenster. Sie preßte die zitternde Hand auf das hochklopsende Herz. ״Das ist er; und neben ihm — die berühmte und berüchtigte Sängerin in unserem, — in meinem Wagen. Er scheut sich uicht mehr, seine Treulosigkeit offen, vor aller Welt zuzugestehen. Er, für den ich Alles geopfert . . ." Sie kniete wieder an dem Bette des kleinen Kindes. Es schlief schon wieder, so ruhig. ״Armes Kind! Du fühlst nicht, was Dir Böses zugefügt wird — von Deinem Vater! Schlafe sanft, süße Unschuld!" Sie beugte sich über das Bett des Knaben und benetzte dessen Stirn mit ihren Thränen. ״Ihr armen, armen Kinder . . . Eure sündige Mutter steht vor Euch, um Euch zu bekennen — und zu klagen. Ja, ich war leichtsinnig, hochmüthig, gefühllos; ich wollte nur vornehm sein. Ich wollte den Glanz und die Genüsse, die die große Welt, wie ich wähnte, bietet, kosten. Ich liebte ihn nicht, nein, er reizte mich blos durch seine glänzende Gestalt und seine anscheinend glühende Verehrung, seine leeren, treulosen Betheurungen. Und als ich sein war, als ich Alles in ruchloser Gleichgültigkeit weggeworfen hatte, was heilig ist im Leben, was aber mir in Folge meiner Erziehung gleichgültig, ja verächtlich geworden war, da erst erkannte ich seine Absichten; und daß er nicht mich liebte, sondern nur die Reichthümer meines Vaters; daß Alles Lüge, Treulosigkeit, Schein ist an ihm und in ihm, wie in den Kreisen, in welchen er sich zu bewegen gewohnt war und welche mich doch eigentlich am meisten verführt hatten durch ihren falschen Glanz, ihren treulosen Schimmer. Da ist Alles Lüge bei jenen Menschen, bis auf die gemeinen, frevelhaften Leidenschäften, die der Zweck ihres Lebens sind. Verrucht . . . ״Jetzt fährt er hin zu dem Maskenball des Fürsten mit der Massalina, sich und mich und seine Kinder entehrend; mich widern diese Kreise an — ich hasse sie . . Sie schwieg eine Weile. Dann schien aus einmal ein Gedanke sie zu durchzucken. Sie stand auf. ״Ja, ich habe ja die Karte; ich will hin, ich will ihn sehen, den Verräther. Ich will ihn nicht zurückführen; nur züchtigen, mich rächen; ich will wissen, wie sehr unglücklich ich bin mit meinen Kindern . . ." Sie erhob sich; ein Entschluß stand in ihr fest. Sie eilte hinaus; bald kam sie wieder. Sie hatte einen glänzenden Maskenanzug hervorgeholt, der ihrem herrlichen, schlanken Wuchs angepaßt war. Es war ein Andenken aus einer längst entschwundenen Zeit. Ein hoher Federbusch bedeckte die obere Hälfte ihres Gesichts, dessen untere Hälfte durch eine Halbmaske verhüllt war. Das glänzende Kleid war reich mit Perlen und Goldschnüren verziert. Ein großer Schleier verhüllte fast ihre ganze Gestalt. Es war keine bedächtig gewählte Charaktermaske; dazu fehlte ihr die Zeit. Es war nur ein glänzendes Kleid, das den Reichthum und die schöne Gestalt der Besitzerin ahnen ließ und sie dennoch genugsam unkenntlich machte vor den Augen der unberufenen Neugierde; vielleicht erkannte auch er sie nicht in dieser Verhüllung. Sie beugte sich nochmals über die Betten ihrer Kinder ״Ich gehe jetzt, um Euretwillen. Wäret Ihr nicht, ich hätte längst den Tod gesucht und gefunden. Aber um Euretwillen! — — Schlaft wohl! Ich eile — mich zu rächen . . ." Sie wankte zur Thüre. Leise auf den Zehen schlich sie hinaus, die Treppe hinab. Dann eilte sie über die Straße zu einer Droschke. Der Kutscher schaute die vermuinmte Gestalt verwundert und neugierig an. ״Zum 'fürstlichen Palaste!" sagte sie schnell und stieg ein. Nach einigen Minuten stand sie — vor der Thüre des Ballsaales, in welchem eine Menge gleich ihr verhüllter Gestalten auf und nieder wogte. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Herrn W .... n in Chemnitz! Wir nehmen recht gerne Ihre Entgegnung aus, wenn sie rein sachlich gehalten ist und — wie wir voraussetzen, von demselben Geiste getragen ist, wie die bezügliche Correspondenz selbst, da wir von der edelsten Absicht des Correspondenten und seiner genauen Bekanntschaft mit den Verhältnissen überzeugt sind. Ihre übrigen Mittheilungen find uns ebenfalls sehr willkommen. Die Redaction. $n1<fifc[ilcr-<ßcri(/1tigunfl. Folgende Druckfehler in den früheren Artikeln über ״Wieder vom Cultus" wolle man gefälligst verbessern: Nr. 3, S. 17, Sp. 1 Z. 8 v. o. lies halbes statt volles. Nr. 3, S. 17, Sp. 2, Z. 12 v. u. lies Institutionen statt Instructionen. Nr. 3, S. 18, Anmerk., Z. 12 v. u. lies die statt den. Nr. 6, S. 43, Anmerk, Z. 12 v. u. fehlen nach dem Worte ״Gedanken" die Worte ״seinem Gotte zu Ehren". Nr. 7 soll es nur heißen Fortsetzung und nicht ״und Schluß".

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