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Jüdische Volkszeitung · 1873-03-05 · 10 (5.3.1873) · p. Seite 78

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
10 (5.3.1873)
Date
1873-03-05
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 itunclftöaii. 32. Könitz, 14. Febr. Die k. Regierung zu Marienwerder ertheilte die Genehmigung, daß dein jüdischen Religionslehrer Michaelis in Flatow die Vertretung einer hier erledigten evangelischen Lehrerstelle übertragen werde. (K. H. Z.) 33. (Noch ein Opfer des Krieges.) Herr und Frau O. wohnen seit langen Jahren in Paris, find als Franzosen naturalisirt und genossen bis zu Anfang des Krieges allseitige Achtung in der ftanzösischen Gesellschaft. Am 31. December verschwand Frau O. aus ihrem Hause und ein von ihr zurückgelassenes Billet kündigte dem Gatten und den Kindern an: sie könne das Leben nicht mehr ertragen und wolle in den Tod gehen. Seitdem blieben alle Nachforschungen nach ihr vergeblich. Die Kälte, mit der die Familie seit dem Kriege von ihren französischen Freunden und Bekannten behandelt wurde, die Ausschließung, die man einem Banne gleich über sie verhängte, soll, so geht der allgemeine Glaube, die arme Frau zu dem bedauernswerthen Entschlüsse geführt haben. 34. (Religiöser Rückschritt in Frankreich.) Wir hatten schon mehrmals zu berichten Gelegenheit, wie das gesunkene Frankreich sich durch festen Anschluß an den Ultramontanismus eine Stütze zur Erhebung sucht — eine Stütze, die sich nach unserer innigsten Ueberzeugung als morsch erweisen wird: nur in der Freiheit und in der Bildung liegt die Rettung der Staaten. Wohin das Land auf dem jetzt eingeschlagenen Wege gelangt, sehen wir an einer Beschwerdeschrift, welche (wie ״Rappel" und ״Etat" gleicherweise melden) die Israeliten von-Montbsliard an Thiers gerichtet haben. Man hat nämlich in dieser Stadt die Juden von der Geschwornenliste und von der Liste der Notabeln gestrichen, aus deren Reihe die Mitglieder des Handelsgerichts zu erwählen sind. — Armes Frankreich! Soll auch der Ruhm der Duldung und der Gleichheit vor Gesetz und Recht Dir verloren gehen? 35. (Statistik der Juden.) Die Bevölkerung in Frankreich, statt zuzunehmen, nimmt — natürlich abgesehen vom Krieg und seinen Folgen — fortwährend ab, und selbst die israelitische Familie geht in der normalen Kinderzahl zurück. Die ״Arch. isr." beklagen mit schmerzlichem Gefühle diese Thatsache, welche sie einer Erschlaffung der Familien- und socialen Bande, einer Entartung der moralischen und religiösen Gefühle zuschreiben. — Allerdings kann sich das jüdisch-religiöse Gefühl niemals zur Theorie eines Malthus bekennen. —: Zufolge eines Londoner Statistikers ist der Durchschnitt der Lebensdauer in London 37 für Christen und 49 für Juden; unter einer gegebenen Anzahl Christen wird nur ein Viertel das 60. Jahr erleben, während unter Juden ein Viertel mindestens 71 alt wird; unter Christen sterben 14 Procent Kinder zwischen 1 und 5 Jahren, unter Juden kaum 10 Prozent; in Preußen braucht die christliche Bevölkerung 51 Jahre um sich zu verdoppeln, die jüdische nur 41. — Der Grund dieser Erscheinung dürfte nicht allzuschwer aufzufinden sein. 36. (Ein jüdischer Selbstmörder auf dem christlichen Kirchhofe.) Unter großem Zuströmen des Volkes wurde am 20. Januar zu Großschenk in Siebenbürgen die Leiche des Finanzwach-Aufsehers Abel Steiner auf dem evangelisch-lutherischen Friedhofe bestattet. Abel Steiner war ein Jude. Am 17. Januar,׳ dem Vorabende des Erscheinungsfestes Christi, war er, in angetrunkenem Zustande, dem katholischen Priester mit dem Kreuze auf der Straße begegnet, hatte das Crucisix geküßt und war vom Priester mit Weihwasser bespritzt worden. Nüchtern geworden, fühlte sich Steiner darob so sehr von Gewissensbissen gepeinigt, daß er am 18. durch einen Flintenschuß, im Bette liegend, seinem Leben ein Ende machte. Eine israelitische Gemeinde, ein israelitischer Friedhof bestehen hier nicht. Der katholische Geistliche, um Beerdigung angegangen, lehnte dies ab. Der evangelische Prediger Hienz hielt dem Verstorbenen, nachdem einige Glaubensgenossen an der Leiche ihre Gebete und Ceremonien verrichtet hatten, eine erhebende Leichenrede, ließ ihn auf dem Friedhofe seiner Gemeinde bestatten und sprach zum Schluß ein Gebet voll religiöser Freiheit und Duldung. 37. In Rußland, Polen inbegriffen, leben 2,567,179 Juden. Feuikketon. ^oclüeis tlefi ^ommer21enmtlle§. Novelle aus der Gegenwart von I. (Fortsetzung.) Wehe dem Weibe, dessen Kinder nicht aufjauchzen, wenn sie den Schritt des Vaters vernehmen; wo der Ruf: der Papa kommt! nicht ein Jubelruf ist, der durchs Haus schallt! Es ist der Wiederhall des eigenen Herzens, der aus dein Munde der Kinder ertönt. Dein Herz schlug nicht fröhlich, armes Weib, als Du den ankommen hörtest, für den Du einst Alles hingegeben: Vater, Mutter, Religion, die Ruhe des Gewissens und selbst den Glanz, den der irdischen Güter Fülle um ein junges Leben verbreiten. Es schien vielmehr sich ängstlich zusammen zu ziehen, dies arme Herz. Bringt er Unglück und Herzeleid ins Haus? Wird er Dir vielleicht noch mehr aufbürden, als Du jetzt schon zu tragen hast? Du warst ja sonst nicht so ernst und gehalten! Wo ist der über Alles leichte Sinn Deiner Jugend hin? Mühsam schleppte sich die arme■ junge Mutter, ihren

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