Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 10 (5.3.1873)
- Date
- 1873-03-05
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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י¬ - 79 — Knaben mit sich führend, in das Zimmer, in das der Gatte getreten. Es war das Prunkzimmer. Hier verweilte er so gerne. Kein Wort des Grußes. ״Dein Vater ist geizig geworden, seitdem die Mutter todt ist; sie war die einzige, die es zu schätzen wußte, daß ich meinen glänzenden Namen mit dem einer Jüdin verknüpfte; daß ich meinen Adel für einige Tausend Thaler hingab! So lange sie lebte, wurden meine auf Deinen Vater ausgestellten Wechsel pünktlich eingelöst. Jetzt — hat Dein Vater zum ersten Male die Annahme verweigert." — Mit diesen Worten kam Herr von Westheim Adele entgegen; diese waren — der Vater und die Mutter der Kleinen, von welchen wir gesprechen. Und Blicke voller Haß und Zorn begleiteten diese in höhnischem Tone ausgestoßenen Worte des — Vaters. ״Er wird seine Gründe haben," antwortete Adele, ״mein Vater weiß, was er thut. Doch weiß er nicht, daß Du mich fast darben läßt mit meinen Kindern, mich, — die einzige Tochter des reichen Commerzienraths, von dem Du sicher schon Hunderttausende empfangen hast, obwohl Du mirs leugnest und mir verboten hast, meinen Eltern zu schreibm, — selbst auch nur einmal, nach dem Tode meiner Mutter! Ich fügte mich, weil ich nicht will, daß sie wissen, was aus mir geworden ist. Mein Vater aber wird von den Spielhäusern Kunde erhalten haben, in welchen Drff seit wir hier sind, die Tage und — — die Nächte zubringst, so daß Deine Kinder Dich kaum kennen . . ." ״Wehe Dir und wehe Deinem Vater, wenn er nicht herausrückt; ich muß in einigen Tagen Geld haben — und Du mußt mir helfen ..." ״Ich?" ״Ja, Du! Herr Banquier Mayersohn, — Du kennst ja den verfluchten Menschen, der mich überall verfolgt und dem ich einige Tausend Thaler schulde, — hat mir zugesagt, mir weitere zwanzig Tausend Thaler geben zu wollen, wenn Du unterzeichnest; aber mit Deinem ganzen Namen, ״״Adele von Westheim, geborene Rödersohn""; ich kann mir denken, wie der verfluchte — Jude mich damit nur höhnen will. Aber was thuts? Ich brauche Geld! Und wozu hat man denn eine-Jüdin geheirathet, wenn ihr Name, dessen man sich im Offizierscasino und in der guten Gesellschaft überhaupt schämen muß, nicht mindestens — gut ist, um darauf Geld zu leihen?" ״Ich verstehe: Rödersohn gilt auf der Börse, von Westheim in den Kreisen, aus welchen Du mich vertrieben hast; das einzige, wofür ich Dir danke, wenns auch früher mein heißester Wunsch war, dem ich Alles opferte, dahin zu kommen. Ich trage auch diesen adeligen Namen — wie eine Last und was ist Dir mein Name? Wir würden sie — diese Last— Beide längst abgeschüttelt haben, wenn — ich nicht meine Kinder, Du nicht die Schulden hättest und die kostbaren Vergnügungen in den von Dir besuchten Kreisen, die Dich immer wieder auf meinen von Dir verachteten Vater Hinweisen. Gut denn, ich werde unterschreiben." Ein Zug der Ueberraschung glitt über das Gesicht des Barons. So schnell hatte er nicht zu siegen gehofft. Aber Nachdenken war nicht seine Sache. Darum nahm er eine Feder aus dem kostbaren Schreibzeug, das auf dem Tische stand, zog ein Papier aus seiner Brieftasche und legte es seiner Gemahlin vor. Adele unterschrieb. Nach wenigen Minuten war ihr Gatte wieder ohne Wort des Grußes verschwunden. Er hatte seine Kinder nicht berührt, nicht eines Blickes gewürdigt. Es.war eine dunkle, trübe Winternacht. Schneeflocken fielen herunter auf den Boden und breiteten über die Straßen der Stadt eine weiße Decke. In langer Reihe standen die glänzenden Flammen der Gaslaternen, um welche die Flocken wie lichte, weiße Punkte tanzten. In den Straßen herrschte diesen Abend dennoch bewegtes Leben. Wagen um Wagen rollte die breite Hauptstraße hinab, Alle strebten einem Ziele entgegen. Oben am Fenster eines der Häuser dieser Straße stand eine Frauengestalt und sah hinein in das bunte Leben der Nacht; Schneeflocken fielen auf ihr Angesicht und feuchteten dasselbe, aber sie merkte es nicht. Hätte man in ihr Auge sehen können, so würde man beobachtet haben, wie es zuweilen schmerzlich aufzuckte, um dann wieder in das vorige starre Hinausblicken gleichsam sich zu vertiefen. ״Einundsechszig, zweiundsechszig — — und noch immer e r nicht. Meine Erkundigungen sind sicher; er muß kommen..." (Fortsetzung folgt). Briefkasten äer Keäaction. Erklärung. Wir constatiren mit Vergnügen, daß Herr Dr. Rahmer nicht der Verfasser des Artikels in Nr. 47 der ״Jsr. Wochenschrift" vom Jahre 1870 ist, wie wir glaubten annehmen zu müssen. Wir verwechselten diesen Artikel mit einem anderen in ähnlichem Betreffe — wir glauben, über die Verwendung von Beiträgen während des Krieges, — der uns jedoch nicht mehr vorliegt und auf den wir deshalb nicht zurückkommen können. Wir freuen uns, den Vorwurf der Zweideutigkeit von Hrn. Dr. Rahmer hierdurch zurücknehmen zu können und zu müssen. Daß damit in der Sache selbst der Redaction gegenüber nicht das Geringste verändert ist, ist selbstredend. Jetzt aber begreifen wir den Ausfall der Redaction der ״I. W.", der uns fast befremdet hatte. Die Correspondenten lehnten die Verantwortlichkeit ab und der Vorwurf der Zweideutigkeit, der allzu begründet war, saß auf der Redaction. Es juckte, und statt sich zu kratzen, biß man um sich. Das ist die Art — der Bullen.