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Jüdische Volkszeitung · 1873-03-05 · 10 (5.3.1873) · p. Seite 77

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
10 (5.3.1873)
Date
1873-03-05
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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die immer mehr sich erweiternde, alle jüdischen Kreise umfassende Propaganda. Man hat in dem Kampfe, der sich entspönnen hat in dieser Angelegenheit, immer ein ganz besonderes Gewicht auf das Wort ״universelle“ gelegt. Bedeutet jedoch universelle blos eine weite Ausdehnung über alle Theile der Erde und nicht ebensowohl eine alle Kreise berührende, alle Stammesgenossen umfassende? Wir sind überzeugt: Je mehr man eben bestrebt ist, Differenzpunkte zu finden in den Anschauungen der Freunde der allgemeinen, israelitischen Vereinigung, desto weniger hat man den eigentlichen Zweck im Auge. Nicht das einseitige Festhalten an den einander gegenüberstehenden Ansichten, sondern das einander Näherbringen der Parteien ist hier, wo es sich ja nicht um Principien handelt, sondern thatsächlich nur um Formen, Pflicht aller Redlichen. Was wollen denn eigentlich diejenigen bezwecken, die von dem Verlangen totalen Ausscheidens der deutschen Israeliten aus der universellen Allianz fabeln? Sicherlich beabsichtigen sie nur eine Täuschung der einflußreichen Glieder des Centralcomites in Paris. Die darauf etwa abzielenden Bestrebungen einiger Herren in Berlin sind alsbald abgelehnt worden. Was man in Berlin fertig — oder eigentlich nicht fertig gebracht hat — war eine feste Gliedsrung, eine klare Organisation, ״im Anschluß an die Allianz und im Verein mit derselben", welche ״die Institutionen, die die Allianz geschaffen hat, unterstützt", nur ״im Vereine mit dem Centralcomite Vorgehen will", die gleichen Zwecke verfolgt und — noch kein Statut hat! Es sind einige Principien aufgestellt, deren Tragweite erst durch die Statuten klar werden können. Ist also ein Kampf gegen jene Berliner Bestrebungen vorerst nicht — ein Kampf mit Windmühlen? Doch nein; es ist nur das fortgesetzte Bestreben einer Partei, sich als die alleinigen Förderer der Allianz zu insinuiren, das bereits erlangte Uebergewicht auf diesem Gebiete auch innerhalb der Führung dieser Vereinigung sich zu erhalten. Man hat eine Versammlung in einer anderen, süddeutschen Stadt in Anregung gebracht. Das dürfte aber doch nur eine Fortsetzung der Berliner sein. Als Gegendemonstration würde sie nur die Kluft erweitern. Zu welchen Entschlüssen man in Bezug auf die Statuten kommen wird, lassen wir dahingestellt. Jedenfalls wird man in Süddeutschland ebensowenig auf ein Zerreißen der alten Bande, die uns mit dem französischen Comite verbinden, als auf ein gänzliches Jgnoriren aller organisatorischen Bestrebungen eingehen. Gerade in Süddeutschland hat man eine steigende Calamität vor Augen — den Lehrermangel — der es unmöglich macht, die alte Organisation beizubehalten, welche alle Kraft nach Außen verwendet, während im Innern wahrhaft schreckliche Zustände herrschen und Tag für Tag an Umfang gewinnen. Wir wollen eine Thatsache als Beleg anführen. In unserem ftüheren Wohnorte — Odernheim — einer Gemeinde mit zwanzig Familien und in dem ganzen Umkreise zusammen sicher 70—80 Familien mit fast eben so viel schulpflichtigen Kindern ist seit jetzt 10—11 Monaten kein Lehrer. In einigen dieser Orte mit 10—15 Familien schon seit Jahren nicht. Hier muß geholfen werden! Und wenn die allgemeine israelitische Allianz in ihrer derzeitigen Zusammensetzung und Organisation allerdings zur Thätigkeit im Innern nicht beigezogen werden kann, so muß der deutsche Zweigverein in Verbindung mit dem Gemeindebund eintreten, ohne daß er seine Pflicht gegen die Gesammtheit dabei irgendwie vergißt. Aber das ist sicher: solche Zustände legen allen ausschließlich nach Außen gehenden Bestrebungen einen Riegel vor. Wir erwarten darum recht bald eine Entscheidung für die schwebende Frage. Wer es gut mit der Sache meint, wird zur friedlichen Ausgleichung das Mögliche beitragen. — Frankfurt a. M. Nach der neuesten Volkszählung befinden sich unter 105,757 Seelen des hiesigen Stadtkreises (91,040 der Stadtgemeinde) 10,033 Israeliten. Da von diesen 10,009 in der Stadt wohnen, so bilden dieselben 11 Prozent der städtischen Bevölkerung und 3 Prozent von der Zahl der Juden im ganzen preußischen Staat. Aus Bukarest liegt der ״Rumänischen Post" ein Ausweis über die Einnahmen nnd Ausgaben der israelitischen Gemeinde bei, für die Zeit vom 1. Juni 1871 bis zum 1. Januar 1873, wonach sich die Einnahmen der genannten Gemeinde auf die Summe von 341804, 17 alte Piaster, die Ausgaben auf 312688, 19 alte Piaster belaufen. Die bedeutendsten Einnahmen, ja fast die allein in Rede stehenden, sind 266552, 38 und 53693 aus Fleischtaxe und 15500 aus der Osterbrodfabrikation. Uns kommt ein solcher Steuermodus einer Religionsgemeinde sehr irrational und nicht sehr religiös vor. Es ist eine sonderbare Anschauung, die nothwendigen Nahrungsmittel für Arme und Reiche, zu welchen nach den Gesetzen unserer Religion die Gemeinde Beziehungen hat, zum Gemeindemonopol zu machen und daraus ausschließlich den Gemeindehaushalt zu bestreiten. Wird dem Armen dadurch nicht gar die Nahrung entzogen? Ist es recht, den armen, kinderreichen Vater mehr zu besteuern als die reichen, kinderlosen Ehen? — Von diesen Einnahmen wird erhalten: die Schule mit 93846, 19 a. P.; Spital mit 65909, 13; Armenunterstützungen, Pensionen u. s. w. 36247, 24; Rabbinatsgehalte 30542, 29; Erhaltung der Kanzlei (Bureaukosten) 50228,19; Platz zur Errichtung einer Mädchenschule 15844, 28; an die österreichisch-ungarische israelitische Gemeinde 16000; diverse außerordentliche Ausgaben 4069, 15. (Ein Piaster 6 2/7 Kreuzer nicht ganz 2 Sgr. werth.

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