Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 10 (5.3.1873)
- Date
- 1873-03-05
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Theil des Petitums, das wir jetzt stellen. Wir können uns jedoch der Ueberzeugung nicht verschließen, daß unsere Hoffnungen nicht überall getheilt werden, daß Viele auch eine andere Entwickelung der zu erwartenden Gesetze für möglich halten. Dabei tritt aber auch mit Recht der Gedanke hervor, es könnte bei der Auseinandersetzung zwischen Staat, Kirche und Gemeinde schließlich doch nur an die christlichen Religionsgesellschaften gedacht und das Judenthum ״übersehen" werden, wenn es nicht seine Maßregeln zeitig trifft. Es ist daher der Gegenwart das Recht nicht abzusprechen, auf dem Boden der bestehenden Gesetze völlige Gleichstellung zu verlangen. Und darum ist diese Petition am Platze, wenn sie auch durchaus nicht die Erfüllung dessen ist, was wir anstrebten. Wundern mußten wir uns um deswillen, daß die so sehr freisinnige, von einem Juden — Sonnemann — geleitete ״Frankfurter Zeitung" unsere Bestrebungen, — mit welchen wir uns jetzt identificiren, wenn wir auch Anderes im Sinne hatten, — mit denen der Ultramontanen und Reactionäre zusammenwarf. Wir wundern uns, weil man doch in Frankfurt a. M. das beste Verständniß für das haben könnte, was wir anftreben. Wenn irgendwo, so ist man in Preußen noch sehr weit von der confessionslosen Schule entfernt nnd in Frankfurt selbst erhält die jüdische Gemeinde ihre vorzügliche Schule ganz allein auf ihre Kosten und trägt dennoch zu den vielen städtischen Anstalten bei, deren jährlicher Aufwand zur Zeit wohl eine Million und darüber betragen wird, obwohl viele dieser städtischen Schulen christlich confessionell sind und obwohl notorisch in einzelnen nichtconfessionellen Schulen — z. B. der Musterschule — jüdische Kinder nur sehr schwer Aufnahme finden und nicht den günstigsten Stand haben. — Sollen wir darum in Hessen uns ganz auf die Zukunft unbedingt verlassen? Das kann man im reichen Frankfurt, aber nicht in den kleinen jüdischen Landgemeinden. Constatiren müssen wir daher, solchen Insinuationen gegenüber, daß die Versammlung einmüthig in dem Gedanken war, daß die Trennung der Schule von der Kirche froh zu begrüßen sei, und daß das, was wir jetzt für die jüdische Religionsgesellschaft von Staat und Gemeinde verlangen, nur insofern und so lange) anzustreben ist, als auch die christlichen Religionsgesellschasten Gleiches erstreben und erhalten. Wir verlangen kein Vorrecht, sondern nur gleiches Recht: ist das reactionär? — Beweis für uns wäre auch noch der Umstand, daß von orthodoxer Seite versucht worden, Zwietracht in die Versammlung zu tragen, was aber glücklich vereitelt worden. Hiermit hätten wir unsere lange Vorrede glücklich beendet, und wir können uns heute um so mehr kurz fassen in unserem Berichte über die Versammlung selbst, als die Beschlüsse durch die Petition klar werden, die wir demnächst bringen werden. Die Versammlung wurde eröffnet durch eine Ansprache des Herrn Sonneberg aus Vilbel, in welcher er den bisherigen Verlauf der Bestrebungen des Vilbeler Comites zur Kenntniß brachte. Es wurde hierauf zur Wahl des Vorsitzenden geschritten, und, nachdem die Herren Marcus Eoinger aus Worms und Landesrabbiner Di־. Landsberger abgelehnt hatten, Herr Simon aus Gedern gewählt, der die Wahl annahm und für das ihm hierdurch bewiesene Vertrauen dankte. Man schritt nun zur Besprechung der einzelnen Punkte, die in dem durch diese Zeitschrift bekannt gewordenen Programm enthalten sind. Wir können die Debatte, die eine sehr erregte war, hier nicht im Einzelnen verfolgen. Das Thatsächliche, die gefaßten Beschlüsse, ergeben sich aus der Petition, deren Ausarbeitung einer Commission von neun Männern aus den drei Provinzen übergeben worden ist. Wir werden diese, wie wir schon oben sagten, durch diese Blätter veröffentlichen und den Gegenstand selbstverständlich mit Aufmerksamkeit verfolgen. Die Aufgabe der Commission wird, so hoffen wir, mit der Abfassung und Ueberreichung der Petition nicht erfüllt sein. Sie wird vielmehr sich zu dem Berufe erheben müssen, einen Kern zur Verfolgung weiterer Bestrebungen für die Juden des Großherzogthums zu bilden. Wir werden darauf zurückkommen. Ingelheim, 25. Februar. Wir erhalten soeben den (franzöfischen) Bericht der Alliance Israelite universelle für das zweite Semester 1872. Er gibt Zeugniß von dem regen Streben und dem ununterbrochenen Fortschreiten in der Ent- Wickelung dieser großen und herrlichen Vereinigung. Wir enthalten uns vorläufig, Auszüge aus diesem Bericht zu bringen, weil wir denjenigen unserer geschätzten Leser, welche später die deutsche Uebersetzung empfangen werden, den Genuß nicht vorweg nehmen wollen und weil wir hoffen, daß dies bei unseren sämmtlichen Lesern der Fall sein wird. Es ist nicht leicht, Auszüge aus einem solchen Berichte für ein Zeitungs- Publikum zu machen, für das fast jede Zeile des Ganzen Interesse hat. Die Frage jedoch, die uns deutsche Juden ganz besonders interessirt, finden wir hier wieder leider nur berührt, noch nicht entschieden. Was in Berlin geschaffen oder doch angeregt worden, sollte das so ganz erfolglos bleiben, — zum größten Schaden für die Sache der Alliance selbst? Wir wissen nicht, wer hierzu rathen und veranlassen möchte; sicherlich aber ist der, der ein Todtschweigen der ganzen Angelegenheit anstrebt, kein unparteiischer Freund der Alliance. Die Frage der Umbildung der Allianz ist eine Lebensfrage für die Erfüllung ihrer hohen Ziele und Bestrebungen, für L,