Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 10 (5.3.1873)
- Date
- 1873-03-05
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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״Gemeinde überhaupt vertreten sind, gleichkommt; und in ״deren Anstellungsdecret, Besoldungsnote, Declaration oder ״Fassion, wie man es eben nennt, muß von vornherein ״die Verpflichtung ausgenommen werden, den jüdischen ״Kindern Religionsunterricht zu ertheilen. Das ist ein Streben, das wir' nicht aus den Augen verlieren dürfen und das am allermeisten geeignet sein dürfte, vielen Gemeinden aus dem Dilemma zu helfen, in dem sie sich befinden, und dann dürfen wir hoffen, für die Zukunft wieder jüdische Jünglinge für den Lehrerstand zu gewinnen. Es ist kein Vorrecht, das wir beanspruchen, keine Bevorzugung, kein reactionäres Streben; es ist ganz einfach die volle Parität, eine Anerkennung des Rechts, das die Minorität von der Majorität fordern darf. Wird ja auch der christliche Lehrer an der öffentlichen Schule fernerhin den Religionsunterricht der seiner Confession ungehörigen Kinder leiten; warum nicht auch der jüdische?*) Wie sich in diesem Falle in Einzelheiten das Verhältniß gestalten wird, wie insbesondere diese jüdischen Communallehrer sich zum Sabbath, zum Cantoramt, das ja in vielen Fällen mit dem Lehramte nothwendig verbunden bleiben muß, stellen werden, bleibt der Zukunft überlassen. Es hat keine Schwierigkeit, wenn eben die christlichen Gemeinden sich zu dem Gedanken der vollen Berechtigung der Israeliten einmal verstanden haben, auch diese Verhältnisse in günstiger Weise zu regeln. Aber auch solche Communalschulen werden nicht überall errichtet werden können, wo eine sehr kleine Minderzahl jüdischer Kinder sich befindet, und hier befinden wir uns wieder vor einem wunden Flecke, der leider noch lange nicht genügend berücksichtigt worden ist von all denjenigen, welche sür das Judenthum öffentlich thätig sind, — vielleicht weil er ihnen nicht bekannt ist. Wir sind als Mitglieder der Alliance israelite universelle bestrebt, Cultur überall, in alle Gegenden der Welt zu tragen, wo Juden sind. Wir schöpfen diese Verpflichtung aus dem jüdischen Herzen, aus unserer Gesammtverbindlichkeit, mit einem Worte, thatsächlich aus unserer jüdischen Religion. Und in Tausenden von kleinen Gemeinden innerhalb unseres deutschen Vaterlandes leben thalsächlich eine sehr beträchtliche Anzahl jüdischer Kinder, deren Eltern durchaus *) Wir glauben nämlich kaum, daß der sogenannte allgemeine Religionsunterricht zur Geltung kommen oder daß der Religionsunterricht ganz aus der Schule verdrängt, in die Hände der Geistlichen gegeben wird. Wir glauben vielmehr, daß die der Confession ungehörigen Lehrer auch fernerhin den Religionsunterricht ertheilen werden bis zum Confirmandenunterricht. Es ist hier der Ort nicht, dies näher zu begründen; aber wir sprechen hiermit unsere wohlbegründete pädagogische Ueberzeugung aus. nicht im Stande sind, ihren Kindern einen einigermaßen entsprechenden, ja überhaupt irgend welchen Religionsunterricht zu verschaffen. Wir könnten solche Gemeinden und Kinder aus unserer nächsten Mähe nennen. Gelangen dieselben ja einmal dazu, vorübergehend einen Lehrer aus einige Monate oder Jahre zu bekommen, so brauchen wir unseren geschätzten Lesern wohl nicht zu sagen, welcher Art der Unterricht solcher umherziehnden Lehrer ist. Entsprechend kann doch nur derjenige Religionsunterricht genannt werden, welcher mit der übrigen Geistes- und Herzensbildung zusammenstimmend ist und derselben das Gleichgewicht hält. Diese Verhältnisse, die wir genau kennen zu lernen die Gelegenheit hatten, sind das größte Misere des Judenthums der Gegenwart, sie sind herzzerreißend, wenn man sich die Entsittlichung denkt, den moralischen Verfall, der mit dieser Vernachlässigung nothwendig zusammenhängt. Tausende von Gulden wandern alljährlich aus Deutschland nach Jerusalem, nach Palästina, um dort faule, unwissende, corrumpirte Müssiggänger zu unterstützen; und dieselbe Orthodoxie, die für diese Zwecke Jahr aus Jahr ein sammelt, läßt in ihrer nächsten Nähe die jüdischen Kinder ohne Unterricht. Sie weiß es, aber sie kümmert sich nicht darum; schon aus Feindschaft gegen den deutsch-gebildeten Lehrersiand. Wäre unsere Stimme ein Trompetenschall, der vernommen werden könnte überall, wo Juden wohnen, wir würden ausrufen, so lange wir noch Athem in unserer Brust haben: Juden, wollt Ihr Juden sein und bleiben, so muß hier ge- Holsen werden; es gibt keine heiligere Aufgabe, keinen drüngenderen Mißstand. Aber wie? Durch Wanderlehrer! Durch den Zusammentritt mehrerer solcher Gemeinden, unter Mitwirkung der jüdischen Allianz in Deutschland oder des Gemeindebunds, müssen junge Männer gewonnen werden, welche bereit sind, in ihren jüngeren Jahren in etwa 5—10 solchen Gemeinden von einem Orte zum anderen zu wandern und die ganze Woche jeden Tag an einem anderen Orte zu unterrichten. Solche Wander- oder Kreislehrer müssen mit aller Kraft unterstützt werden durch ׳ eine Corporation oder Organisation, die hinter ihnen steht und sie kräftigst fördert, um ihren schwierigen Beruf erfüllen zu können. Diese Lehrer müffen zugleich angehalten werden, von Sabbath zu Sabbath an zwei, ja selbst an drei Orten den Gottesdienst zu versehen und sie müssen im Stande sein, die Gemeinden zu überzeugen, daß schlechter Religionsunterricht und würdeloser Gottesdienst schlimmer ist, denn keiner; und daß ein seltener Unterricht, wenn er gut ertheilt wird und ein nur von vier zu vier Wochen wiederkehrender weihevoller Gottesdienst besser ist, als deren oft wiederkehrender Gegensatz.