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Jüdische Volkszeitung · 1873-02-26 · 9 (26.2.1873) · p. Seite 69

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
9 (26.2.1873)
Date
1873-02-26
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
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69 rität des Cultusvorstehers, das gemessene Benehmen des Gemeindedieners, der musikalisch geschulte, geregelte Gesang des Cantors, der in correctem Deutsch gehaltene Vortrag des Predigers, — dies mären ungefähr die äußeren Symptome jenes Fortschritts. Die inneren beständen in der Benutzung solcher Gebetstücke, die dem modernen Bewußtsein und dem tieferen sittlichen Gehalte des Judenthums entsprechen, unter Weglassung aller jener, die auf einem verdorbenen stilistischen Zeitgeschmack, verwerflichen religiösen Anschauungen, verkehrten Begriffen vom Wesen des Judenthums und dem Berufe seiner Bekenner beruhen; in der lebendigen Theilnahme der weiblichen Jugend am öffentlichen Gottesdienste, die nur durch Einfügung deutscher Gebete, Choralgesänge mit Orgelbegleitung, durch regelmäßig wiederkehrende feierliche Confirmationen bewirkt werden kann. Nun, wie steht es denn in Bezug auf alle diese Punkte in den meisten Synagogen unserer Provinz? Mit einem Worte: schlecht, herzlich schlecht! Der Schamesch und der Gabbe sind noch immer die allmächtigsten und zugleich geräuschvoll geschäftigsten Persönlichkeiten im Gotteshause; das andächtige Publikum plaudert, lacht, neckt sich, zankt sich, läuft hinaus zur Zeit und zur Unzeit; Siddur und Taliß widern oft an durch den Schmutz, der ihnen anklebt; der Chasen ergeht sich in geschnörkeltem Singsang, und der Rabbiner donnert unter Anführung endloser biblischer, rabbinischer oft auch kabbalistischer Citate gegen die hier und da bemerkbar werdende Sucht, sich von den alten, unerträglichen Fesseln religiösen Wahnwitzes, rabbinischer Spitzfindigkeit und Despotie loszuringen. Das Machsor erfteut sich noch des alten ehrfurchtgebietenden leiblichen Umfangs; die Mizwoth werden noch verschachert; Mischeberachs kann man sich erkaufen wie die Semmeln; bei den Todtenfeiern, während welcher man vor Langeweile und Widerwillen schier sterben könnte, werden durch die näselnden und gurgelnden Töne des Schochet gegen Erlegung der Taxe alle Geister der Unterwelt wachgerufen; den Luxus eines besonderen Kolnidre-Schachriß-Mußaf-Mincha- und Neilachasen gestattet sich noch die kleinste Gemeinde. Die Frauen bleiben nach wie vor in ihren hochgelegenen Ghettis eingepfercht, die der größeren Wirksamkeit wegen, zum Schutze gegen indiscrete Männerblicke, überdies noch mit Gitter und Vorhängen versehen sind. Dazwischen erschallen von Zeit zu Zeit die kräftigen ״Schahs" des Schamesch unter obligatem Pochen auf sein dickleibiges Specialgebetbuch zur Herstellung der Ruhe, oder des Gegentheils die durchdringenden Stimmen ungeduldiger oder von irgend einem körperlichen Bedürfnisse geplagter Kinder. Taschlichmachen, Kaporeßschlagen, Hamanklopfen, Eruwe Tawschilin und Eruwe Chazeroth, Duchenen in den Strümpfen, die nicht von den Wohlgerüchen Arabiens durchwürzt sind — alle diese artigen Ceremonien erfreuen sich innerhalb unseres Synagogenlebens fortdauernd der zärtlichsten Fürsorge und Pflege. Kurzum, wer die ״gute alte" Zeit des ״echten, wahren" Judenthums in seinem anmuthigen Aeußern und vergeistigten Innern unverfälscht kennen lernen und genießen will, der besuche einmal einige gewisse Gemeinden unserer Provinz und ihre Synagogen, und er wird seine blauen Wunder erleben. Und woher Alles dies? Ich will es Ihnen heute kurz sagen: Die nationale und gesellschaftliche Abgeschlossenheit, Jsolirtheit sind schuld an der religiösen Stagnation, durch welche sich unsere Glaubensgenossen in der Provinz Posen sehr zu ihrem Nachtheile und zu ihrer Schande kennzeichnen. (Forts, folgt.) Osterspai, 9. Jan. Vorgestern wurde dahier ein schönes und sehr seltenes Fest gefeiert: die goldene Hochzeit eines hiesigen israelitischen Bürgers, Jacob Kaufmann, der mit seiner Frau bereits im 51. Jahre in der Ehe lebt. Das Jubelpaar zählt die schöne Zahl von 161 Jahren zusammen, indem der Mann 84 und die Frau 77 Lebensjahre aufzuweisen hat. Beide sind in diesem hohen Alter noch recht rüstig, und Schreiber Dieses sieht den alten Mann täglich, auch bei schlechtem Wetter, seinen gewohnten kleinen Handelsgeschäften nachgehen, resp. per Eisenbahn nachfahren, während seine Frau oft in hastiger Eile den ihr entwischenden Enkeln nachjagt. Der Bezirksrabbiner Or. Hochstädter von Ems holte am Festtage gegen 12 Uhr Mittags mit den in großer Zahl geladenen Gästen, voran ein stattliches Musikcorps, das Jubelpaar in seiner Wohnung ab, geleitete dasselbe in das Bethaus und hielt daselbst eine sehr passende Ansprache, indem er den Text zu Grunde legte: ״Eine Ehrenkrone ist das Alter; auf dem Wege der Gerechtigkeit wird es gefunden." (Sprüche Sal. 16, 31.) In der Ausführung wies der Redner nach, daß das Alter für das Jubelpaar ein ehrenvolles sei, indem es unter Mühen und Arbeiten dahin gekommen und als Lohn zu betrachten sei für ihr treues Festhalten an den Vorschrift ten ihres Gesetzes. Ein frohes Mittagsmahl vereinigte die Gäste um das Jubelpaar in einem Wirthshause; an diesem Mahle nahmen auch einige hiesige Bürger Antheil. Selbst der Pfarrer und Bürgermeister erschienen gegen 3 Uhr Nachmittags in der ftohen Gesellschaft — ein Beweis, daß diese alten Leute sich die Liebe und Anerkennung der Gemeinde erworben haben, was auch der Pfarrer in einem Toaste näher auseinandersetzte. Möge das alte Ehepaar noch viele Jahre erleben, möge ihr Lebensabend ruhig und heiter sein! — ein Wunsch, den 4 Söhne, 2 Töchter und 10 Enkel aus vollein Herzen theilen und zu dessen Verwirklichung dieselben gewiß beitragen werden.

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