Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 9 (26.2.1873)
- Date
- 1873-02-26
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Der brave Lehrer erlaubte sich nun die richtige Bemerkung, daß in diesen vier Worten zwei grobe Verstöße gegen die hebräische Grammatik Vorkommen. Einige anwesende Chassidäer wollten über den kühnen Grammatiker herfallen, um so die Ehre ihres Wunderthäters zu rächen und zu retten. Glücklicherweise gelang es ihm, zu entkommen und seine Wohnung zu erreichen. Papa, 26. Januar. Unsere prächtige Synagoge war gestern der Schauplatz einer skandalösen Schlägerei. Der Krieg zwischen den Orthodoxen und Reformern ist in der hiesigen Gemeinde bereits ein dreißigjähriger. Es war bereits zu einem erträglichen niodns vivendi gekommen, als die Eongreßwirren die Gemüther neuerdings erhitzten. Von dieser Trostlosigkeit der Zustände haben Sie in Deutschland denn doch keinen Begriff. Pest, im Februar. Die Elemente, aus denen die Majoritüt unseres Parlamentes zusammengesetzt ist, bringen es mit sich, daß es die Regierung trotz ihrer Freisinnigkeit nicht wagt, ein Gesetz über Religionsfreiheit einzubringen. Die confessionelle Gesetzgebung ist daher jenseits der Leitha ohne Vergleich liberaler, als bei uns. Daniel Iranist von der äußersten Linken, hat das Verdienst, daß er die Frage von Zeit zu Zeit zur Sprache bringt. Ein praktischer Erfolg wurde jedoch bisher nicht erzielt. Pest, im Januar. Nachstehende Notiz des ״Pester Lloyd", unseres gelesensten politischen Blattes, dürfte auch die Leser Ihres Blattes interessiren: (Verlobung.) Wie wir einer uns soeben zugekommenen Anzeige entnehmen, hat sich der Oberstaatsanwalt-Substitut D1\ Tobias Löw mit Frl. Emma Hürsch, einer Tochter des geachteten Kaufmannes August Hürsch, verlobt. Herr Di׳. Löw gehörte bis zum Antritte seines gegenwärtigen Amtes zu den hervorragendsten Mitarbeitern des ״Pester Lloyd" und hat sich als solcher wohl gerechten Anspruch auf das Interesse unserer Leser erworben. Wir, die ihm persönlich näher stehen, haben in ihm durch eine Reihe von Jahren nicht nur ein bedeutendes Talent, sondern auch einen makellosen Charakter, einen treuen Freund, einen liebenswürdigen Collegen kennen und schätzen gelernt und unsere innige Theilnahme, unser herzlichster Glückwunsch begleitet ihn allerwärts, wohin auch sein Lebensweg ihn führen möge. Gaya, im Februar. Es verdient in Ihrem Blatte, welches die zeitgemäßen Fortschritte Zu registriren gerne bereit ist, welche direct oder indirect das Judenthum berühren, auf die heftigen Debatten in einer Angelegenheit aufmerksam zu machen, über die eigentlich schon längst die Acten geschlossen sein sollten, über welche aber sensationelle Debatten im Herrenhause Ende Januar stattfanden. Darüber, daß die Hochschulen durch die Regierungsvorlage ihren confessionellen Charakter verlieren würden, waren die geistlichen Redner so außer Rand und Band gerathen, daß sie mit wahrem Feuereifer für die gefährdete Religion eintreten zu müssen glaubten, daß sie zu Aeußerungen sich Hinreißen ließen, welche so ganz gewöhnlich, so banal, so bar aller feinen Wendungen waren, welche man bisher zumindest an Cardinal Rauscher zu beobachten Gelegenheit hatte. ״Da, wo die Juden in der Majorität sind, würde die Universität eine jüdische sein." Schon in der Volksschule werde der Atheismus gepredigt, in Stadt und Land, er könne dies juristisch beweisen, behauptete derselbe, und meinte, daß die an den öffentlichen Schulen angestellten jüdischen Lehrer Atheismus lehren. Wie dem Cardinal Rauscher die von ihm in Aussicht gestellte Erbringung eines juristischen Beweises gelingen dürfte, ׳können wir uns nicht recht vorstellen. Freilich, wenn man die Situation des Unfehlbarkeits-Dogmas und der päpstlichen Allocution acceptirt, dann läßt sich ein solcher Beweis sehr leicht Herstellen. Einen weitaus wichtigeren nnd für die Nichtkatholiken Oesterreichs bedeutsameren Hintergrund gewann die Herrenhausdebatte durch die freimüthige, entschiedene, und von dem Beifall des Hauses begleitete Abwehr der in der päpstlichen Allocution vom 22. Juni 1868 ausgesprochenen Verdammung der öfterreichischen Staatsgrundsätze. Wenn ein Mann, wie Baron Lichtenfels, dessen Name mit der österreichischen Verfassungsgeschichte so innig verflochten ist, die päpstliche Verdammung der österreichischen Stäatsgrundsätze als eine Aufreizung gegen die nichtkatholische Bevölkerung, wie sie größer nicht gedacht werden kann, bezeichnet, so wird sich wohl daraus mit zwingender Nothwendigkeit der Standpunkt der Regierung gegenüber hierarchischen Uebergriffen von selbst ergeben. Die letzte Herrenhausdebatte, welche uns lebhaft an das denkwürdige Frühjahr des Jahres 1868 gemahnte, wo von derselben Kammer das Schicksal der confessionellen Gesetze abhing, wird wohl unzweifelhaft den entscheidenden Impuls zur definitiven Regelung der confessionellen Verhältnisse geben, und hat die Herzen der österreichischen Juden mit Freude und Jubel erfüllt. Provinz Posen, 5. Februar. Wenn Jemand von religiösem Fortschritt unter den Juden unserer Provinz berichten wollte, so müßte er die Kunst besitzen, das Gras wachsen zu hören. Da ach mich leider derselben nicht rühmen kann, so vermag ich auch nur nach Maßgabe meiner höchst normalen Beobachtungssähigkeit zu referiren. Der religiöse Fortschritt im Judenthume bekundet sich, meines unmaßlichen Dafürhaltens, am unmittelbarsten und unverkennbarsten im — Gotteshause. Die Helligkeit und Gefälligkeit der Räume, die dort herrschende Ruhe und Ordnung, der Anstand und die Würde der Anwesenden, die saubere, unserem ästhetischen Geschmack entsprechende Form der Gebetbücher und der Gebetmäntel, die unsichtbar waltende Auto-