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Jüdische Volkszeitung · 1873-02-19 · 8 (19.2.1873) · p. Seite 62

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
8 (19.2.1873)
Date
1873-02-19
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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62 göttlichen und menschlichen Gesetzen, welchen sie gehorchten und handeln während einiger Zeit wie wahre Barbaren." ״Die Vergleichung des Israeliten mit den christlichen Völkern," fährt de Candolle fort, ״scheint mir in dieser Beziehung von hohem Werthe. Sie zeigt Verschiedenheiten, welche die civile und religiöse Geschichte nicht erklären kann, während der Atavismus genügende Rechenschaft gibt .... Ich habe die jüdische Bevölkerung stets arbeitssam, intelligent, sparsam, zuweilen freilich bis zum Geize, aber mildthätig, wenig geneigt zu Gewaltthätigkeiten, zu Verbrechen gegen die Personen und wenig der Vollerer ergeben gesehen. Man wirft ihr den Mangel an Würde, die Unterwürfigkeit, die Schlauheit in Geschäften vor. Im Ganzen hat sie die Eigenschaften und die Fehler der hochcivilisirten Völker, das heißt vortreffliche Eigenschaften und erträgliche Fehler, Wäre Europa allein von Juden bewohnt, so würde es ein seltsames Schauspiel bieten. Es gäbe keine Kriege mehr; das moralische Gefühl würde also nicht so oft schmerzlich berührt, Millionen von Menschen würden nicht nützlichen Arbeiten entzogen; die Staatsschulden und die Steuern würden geringer werden. Wissenschaften, Künste, Literatur, besonders die Musik würden blühen; ebenso Handel und Industrie. Wenig Attentate gegen die Personen; enorme Vermehrung des Reichthums; ausgiebige Mildthätigkeit. Leider auch viele Bestechungen und bei den Angestellten wenig Festigkeit. Frühzeitige und zahlreiche Heirathen; wenig Jmmoralität — die Bevölkerung würde gesund und schön werden . . . Freilich wäre diese Gesellschaft nicht lebensfähig. Wenn in Europa oder den Nachbarländern nur einige Nachkommen der alten Griechen oder Lateiner, der Celten, Germanen, Slaven oder Hunnen übrig wären, so würde diese Gesellschaft bald unterjocht und ausgeplündert sein . . . Mit einem Worte, man kann sich kein großes, hochcivilisirtes, das heißt sehr menschliches, sehr sanftes, sehr intelligentes und sehr reiches Volk vorstellen ohne Plünderer, die über es hersallen und ohne Despoten, die ihren Nutzen daraus ziehen." Warum so? ״Die Juden," sagt Candolle, ״sind eines der ältesten Culturvölker — die Christen kommen eben erst aus der Barbarei. Fallen jene durch Atavismus in einen früheren Bitdungsgrad zurück, so ist es immerhin in einen Culturzustand, während w׳r christlich-romanischen oder christlich-germanischen Völker, wenn wir durch Rückschlag unseren Ahnen ähnlich werden, damit zugleich nothwendig in die Barbarei zurückfallen müssen." Nachschrift. Obcr-Anaelüei'm. Die in Nr. 4 und 5 unserer Zeitschrift angeregte hessische Jsraeliten-Versammlung hat anr Sonntag, den 16. Februar in Frankfurt a M. (Hotel Drcxel) stattgefunden. Näheres in unserer nächsten Nummer. Aus ckem Großkerzogtknm Kessen, im Januar. An die sämmtlichen Vorstände der israelitischen Religionsgemeinden des Großherzogthums Hessen ist folgender Aufruf ergangen: ״Mit dem Falle des Ministeriums Dalwigk ist in unserem engeren Vaterlande (Hessen) eine neue Aera, die des Fortschritts, angebrochen. Diese macht sich bereits auf allen Gebieten des Staatslebens geltend. Eine neue Gemeindeordnung, ein neues, den Anforderungen der Zeit entsprechendes Schulgesetz und verschiedene andere wichtige Gesetzesvorlagcn, sollen demnächst, laut den Verheißungen unseres allverehrten Großherzogs in seiner Thronrede, den Ständen gemacht werden. Auch wir, die israelitischen Religions-Gemeinden des Landes, haben das größte Interesse daran, daß diese Gesetzes- Vorlagen im Geiste der Parität abgefaßt und durchgeführt werden; denn, sagen wir es offen heraus, — wir waren in der bisherigen Gesetzgebung überall übersehen, vergessen. Ueberall, wo wir Hinblicken, haben wir nur Pflichten, dagegen aber keine Rechte. Wir haben im Staate und in der Gemeinde alle Lasten zu tragen, nirgends aber und in keiner Weise läßt man sich herbei, uns unsere schweren Opfer, die wir um die Erhaltung unseres Cultus und der dazu erforderlichen Anstalten zu bringen haben, auch nur theilweise zu erleichtern. Das muß und wird mit Gottes Hülfe, wenn wir kräftig und einmüthig im Vollgefühl unseres guten Rechts Vorgehen, anders werden. Treten wir daher zusammen und fordern wir vom Staate und Gemeinde etwa folgende unerläßliche Punkte: 1) Aufnahme des jüdischen Religionsunterrichts als obligatorischen Unterrichtszweig in die Volks- und Realschule und die Gymnasien. 2) Besoldung des jüdischen Religionslehrers und Cantors durch die politische Gemeinde und Anstellung desselben durch den Staat. 3) Anstellung eines jüdischen Religionslehrers an den Landesseminarien behufs Vorbildung der israelitischen Seminaristen für ihren speciellen jüdischen Beruf. (Die beiden Landesseminarien sollen in eines - verschmolzen werden. Redaction.) 4) Anschaffung der Schullocale für die israelitische Religions- und Elementarschule Seitens der politischen Gemeinde. 5) Beschaffung der Friedhöfe, Todtengräber rc. für die israel. Religionsgemeinde Seitens der politischen Gemeinde. (In Rheinhessen bereits Gesetz. Red.) 6) Besoldung der Rabbiner durch den Staat (wenigstens , theilweise), wie das in vielen Staaten bereits der Fall ist. (Baiern, Württemberg, Elsaß, Lothringen rc.) 7) Unterstützung der jüdischen Religionsgemeinden bei Synagogenbauten durch Staat und Gemeinde. (Ist dies

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