Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 8 (19.2.1873)
- Date
- 1873-02-19
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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61 der Jacobsonschule in Dresden, Dr. Mosin, Lehrer an dem jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau, vr. Bärwald, Direktor des Philanthropin in Frankfurt a. M-, welche alle noch vor einigen Jahren an den hiesigen jüdischen Lehranstalten wirkten, dieselben jedoch verließen, um sie mit einträglicheren Stellen, die ihnen angeboten wurden, zu vertauschen. Zu Ostern steht ein neuer Verlust dem hiesigen Lehrerseminar bevor, da der verdiente Lehrer Piek in den Ruhestand zu treten gedenkt. Nicht minder empfindlich dürfte die Lücke sein, die durch das Ausscheiden des Herrn Dr. Cassel, der seine Thätigkeit ausschließlich der jüngst errichteten Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums von Ostern ab zuzuwenden gedenkt, entstehen wird. Auch Herr Dr. L. Geiger, der soeben sein Examen pro tacnltate docendi zurückgelegt, sieht nach abgelegtem Probejahr der Anstellung an einer Realschule oder einem Gymnasium entgegen, so daß auf sein Verbleiben am Lehrerseminar nicht mit Sicherheit gerechnet werden kann. Unter solchen Umständen soll, wie man hört, die Gemeindeverwaltung die Frage in Erwägung genommen haben, ob nicht die jüdischen Lehrerseminaristen die allgemeine pädagogische Ausbildung am königlichen Seminar für Stadtschulen sich erwerben könnten, so daß der jüdischen Gemeinde blos die Sorge für die religiöse Seite ihrer Ausbildung verbliebe. Im Falle eine solche Vereinfachung der Aufgabe, welche für die Bildung jüdischer Lehrer gestellt ist, wirklich! einträte, wäre, wie man glaubt, die bisherige selbstständiges Stellung des Lehrerseminars keineswegs nothwendig, da die j Seminaristen unter gewissen Modalitäten ihre religiöse Vor-1 bildung an der Hochschule erlangen könnten. Zur Durchbe-! rathung dieser und ähnlicher Fragen soll demnächst eine größere Commission von Mitgliedern der Verwaltung und von Sachverständigen zusammentreten; dem Rector Horwitz soll, wenn ihm ein Theil der bisherigen Amtspflichten abgenommen wäre, die Oberaufficht über das ganze jüdische Schulwesen Berlin's übertragen werden. Die Hochschule für bie Wissenschaft des Judenthums gedeiht zur Freude aller Wohlmeinenden. Sie wird in diesem Semester von 23 Studirenden besucht, die ein reges wissenschaftliches Streben an den Tag legen. Die Bemühungen einzelner Docenten, der materiellen Noth der Studirenden abzuhelfen, sind nicht ohne Erfolg geblieben; die Gründung eines Stipendienfonds ist in Aussicht genommen und sollen bereits erfreuliche Anfänge gemacht worden sein. Die Bibliothek, welche für die Hochschule ein großes Bedürfniß ist, da die Hörer an derselben die theueren Werke der jüdischen Wissenschaft sich anzueignen kaum im Stande sind, wird immer größer und reichhaltiger, da derselben eine große Sorgfalt von Seite der Docenten wie auch vom Curatorium zugewendet wird. Es verdient bekannt zu werden, daß die Frau Gemahlin des Professor Lazarus, der um die Hochschule sich bereits große Verdienste erworben hat, die werthvolle Bibliothek des in Breslau verstorbenen Professor Levy für die Hochschule angekauft hat, wofür ihr die Hörer derselben eine Dankadresse zusandten. Nicht minder erfreulich ist die Thatsache, daß der Vorstand der Gemeinde zu Leipzig 150 Thaler dem Curatorium der Hochschule in der Absicht zur Verfügung stellte, daß dafür Bücher für die Bibliothek der Hochschule angekauft werden. Es wäre zu wünschen, daß solche rühmenswerthe Beispiele Nachahmung finden, da die Anlegung einer Bibliothek für die Hochschule, wie bereits gesagt wurde, ein großes Bedürfniß ist. Wie schon in diesem Blatte hervorgehoben wurde, dürfte es in Deutschland viele Familien geben, die sich im Besitze vieler, über jüdische Wissenschaft handelnden Bücher befinden, ohne daß letztere von irgend Jemand benutzt werden. Die Besitzer derartiger Bücher würden sich ein großes Verdienst um die Hochschule und die sie besuchenden jungen Leute erwerben, wenn sie dieselben der Bibliothek der Hochschule übergeben wollten, woselbst von ihnen der beste Gebrauch gemacht werden kann. Wir geben uns der sicheren Hoffnung hin, daß obengenannte Beispiele, falls sie nur bekannt sein werden, Viele zu ähnlichen Geschenken aneifern werden. Zngekkeim, 6. Febr. In einem sehr bemerkenswerthen Artikel über die Geschichte der Wissenschaft in der ״Fr. Ztg." berichtet C. Vogt auch über ein Buch ״Geschichte der Wissenschüft und der Gelehrten in den letzten zwei Jahrhunderten von Alphons von Candolle (Histoire des Sciences et des Savants depuis deux siecles, par Alphonse de Candolle)", dem Sohne des großen Botanikers, der die väterliche Wissenschüft mit ungeschwächter Kraft fortsetzt. Im Verlaufe dieser Abhandlung, in welcher de Candolle die Ansicht ausspricht, daß der Einfluß der Erblichkeit (Atavismus) auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Menschengeschlechts, (und daß ״die Erblichkeit jedenfalls sehr großen Einfluß hat"), sich nicht nur auf die physischen, sondern auch auf die intellektuellen und moralischen Eigenschaften erstreckt, fährt Vogt fort, folgende für uns sehr bezeichnende Stellen aus dem Werke des französischen Gelehrten anzuführen. Sind die häufigen Rückschläge civilisirter Menschen in die Barbarei dem Atavismus und dem Jnstincte zuzuschreiben? fragt sich de Candolle. Zuerst sucht er diese Rückschläge zu desiniren. Es gibt individuelle und allgemeine eines ganzen Volkes. ״Die ersteren betreffen Uebelthäter, die gegen ihr eigenes Interesse barbarische Handlungen begehen, obgleich sie in Mitten einer intelligenten und civilisirten Bevölkerung geboren wurden. Die Revolutionen und die Kriege sind allgemeine Rückschläge. Tausende, ja ganze Völker entziehen sich, ohne immer im Falle gerechtfertigter Nothwehr zu sein, den