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Jüdische Volkszeitung · 1873-02-19 · 8 (19.2.1873) · p. Seite 60

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
8 (19.2.1873)
Date
1873-02-19
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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60 Correjponäenz. Dresden. Die jüdischen Zeitschriften haben jetzt oft zu berichten, wie Juden kommunale Ehrenämter übertragen werden, und wie sie in Gemeinsinn und Opferwilligkeit mit ihren übrigen Mitbürgern wetteifern. Ich will Ihnen heute über das durch die Umstände bedingte Ausscheiden eines Mannes aus dem hiesigen Stadtverordneten-Collegium berichten, wobei die anerkennenden Worte, die man dem Ausscheidenden nachrief, von allgemeinem, wie speciell von jüdischem Interesse sein dürften, da sie auch dazu geeignet sind, dem Namen Juden und Judenthum zur Ehre zu gereichen, und 60 ipso einen ״Kiddusch haschschem" involviren. Im Laufe dieses Monats wurden die neugewählten Stadtverordneten durch den Bürgermeister Neubert feierlich eingeführt, und in das ihnen übertragene Ehrenamt eingewiesen. Derselbe drückte seine Freude darüber aus, daß unter den Eingewiesenen eine Anzahl von Bürgern sich vorfände, die das übernommene Ehrenamt schon mehrere Triennien bekleideten rc. und fährt dann wörtlich so fort: ״Doch des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zu Theil! Dies erfährt auch unsere Gemeinde, denn in der Reihe ihrer den beiden ültern Altersclassen angehörigen Vertreter vermissen Sie einen Mann gleich ausgezeichnet durch Geist, Charakter und Wissen, wie durch wahr-! Haft musterhafte Hingabe an die Pflichten eines Gemeinde- Vertreters, Advocat Emil Lehmann. Derselbe hat in Folge seines dem Rath vor wenig Tagen erst offiziell notifizirten Eintrags als Mitbesitzer eines Hausgrundstücks aus dem Collegium auszuscheiden. Für sein sachverdienstliches Wirken bleibt ihm die Gemeinde allezeit zum lebhaftesten Danke verpflichtet und sie mag hoffen, daß das Vertrauen der Bürgerschaft bei nächster Gelegenheit ihn wieder aufzusuchen und gewiß wieder zu finden wissen wird." Wir können es uns nicht versagen, eine Bemerkung daran zu knüpfen. Wohl giebt es in unsrer Zeit der Männer viele, die durch Wissen und Geist hervorragen, und frei find von dem Vorwurfe, den man oft unsrer Zeit macht, daß nämlich die Habsucht der spiritus rector ihrer Handlungen sei; — was jedoch hier wahrhaft wohl thun und das Herz zur freudigern Stimmung beleben kann, das ist die Anerkennung dieses Mannes als ״Charakter", zumal in unsrer Zeit die Halbheit und Verlogenheit sich aufbläht, die Meinungen wie Kleidungsstücke gewechselt werden, und der ״Strom der Welt" nicht die Charakterbildung, sondern die Charakterlosigkeit wie ein faules Holz mit sich forttreibt. Wo der Mund der treue Dolmeffch des Herzens, wo die Hand- ANg der adäquate Ausdruck der Gesinnung ist, wo die Harmonie des Charakters uns entgegentritt — da verweilen wir gerne, und verweisen ebenso gerne den gleichgesinnten Leser zu seiner Erhebung auf solche Erscheinungen hin לא אלמן ישראל. Kerkin im Januar 1873. Die Erfolge, welche man von dem Eintritt des allgemein mit Freude begrüßten vr. Falk ins preußische Cultusministerium sich versprochen, sind keineswegs hinter den Erwartungen, die man gehegt, zurückgeblieben. Herr Falk hat sich während der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit als ein ziemlich energischer, mit dm Verhältnissen gut vertrauter Mann bewährt, der allen Ernstes daran denkt, die Ziele, die er sich gesteckt, zu erreichen. Der frische Hauch, welcher das preußische Unterrichtswesen seit seiner Verwaltung durchweht, hat nicht verfehlt, seinen Einfluß auch auf die Lehranstalten der hiesigen jüdischen Gemeinde geltend zu machen. Bekanntlich ist die Gemeindeverwaltung, als sie eine höhere jüdische Knabenschule errichtete, über die ihr gesetzlich obliegende Pflicht, welche sich auf den Religionsunterricht beschränkt, hinausgegangen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil die städtischen und Staatsschulen, auch diejenigen höheren Ranges, streng confessionellen Charakter hatten. Da indeß allem Anschein nach dieser Charakter mehr und mehr abgelegt wird, tritt an die Gemeindeverwaltung die Erwägung heran, ob sie es noch für ihre Pflicht zu halten habe, eine so große und ausgedehnte Schule, wie die hiesige Gemeindeknabenschule, noch länger zu unterhalten, oder ob sie nicht dieselbe auf dm Umfang der Volksschule reduciren, die bisher verwendeten Geldmittel aber auf die Errichtung von Religionsschulen in den entlegeneren, aber von Juden stark bewohnten Stadttheilen verwenden solle. Der Mangel an letzteren wird hier immer lebhafter empfunden. Bei dem colossalen Umfange, den Berlin angenommen hat, bei den enormen Miethspreisen, welche auch Familien aus dem Mittelstände mehr und mehr nach der Peripherie,der Stadt drängen, wäre es ein Unrecht, wenn die Gemeinde nur eine Religionsschule hielte und einen sehr bedeutenden Theil von Mitgliedern, die ihre Abgaben an die Gemeinde entrichten, an der Benützung der Gemeindelehranstalten hinderte. Von der Umsicht nnd Humanität, mit der unsere Verwaltnng geleitet wird, ist jedoch mit Sicherheit zu erwarten, daß sie den berechtigten Wünschen so vieler ihrer Mitglieder entgegenkommen werde. — Die veränderten politischen Anschauungen dürften auch auf die Gestaltung des hiesigen jüdischen Lehrerseminars nicht ohne Folgen bleiben. Diese Anstalt, welche nur aus den Talmud-Tora-Legaten erhalten wird, mußte sich in Folge der beschränkten Mittel, über die sie verfügen kann, schon manche tüchtige Kraft entgehen lasten, die auswärts eine lohnendere Stellung gefunden hat. Wir erinnern an die Herrn vr. Josef Arnheim, Direktor

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