Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 8 (19.2.1873)
- Date
- 1873-02-19
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirksamkeit eröffnet, Seitens des Königs von Sachsen ein hoher Orden verliehen wurde, so habe er namentlich durch die Gediegenheit seiner wissenschaftlichen Leistungen das Vorurtheil gegen seine Glaubensgenossen entwaffnet, und diesen selbst mittelbar und unmittelbar in Staat und Gesellschaft eine ehrenvolle Stellung erkämpft. Darum werden alle israelitischen Religionsgemeinden in Sachsen, aber namentlich die Leipziger, das pietätvolle Andenken an Fürst als heiliges Vermüchtniß bewahren. Nach tiesinnigem, alle Zuhörer mächtig bewegenden Zuruf des letzten Lebewohls schloß der Redner, und damit auch die Feierlichkeit im Trauerhause selbst. Der Leichenzug, welcher sich hierauf nach der Synagoge in Bewegung setzte und über den Augustusplatz, durch die Haupt- Verkehrsader der Stadt, die Grimmaische Straße, seinen Weg nahm, war ein wahrhaft imposanter. Ihn eröffneten, mit der trauerumflorten Fahne der philosophischen Faeultät an der Spitze, die Burschenschaft Dresdenüa; sodann kamen die Chargirten der Germania, der Arminia, der Lausitzer Predigergesellschast, des aeademischen Turnvereins, des Paulus, der Budissa, der Asrania und der Grimmensia, des Wingolf, der Nordalbinger und endlich der fünf Corps. Sodann folgte ein Univerfitätspedell, der auf weißem Atlaßkifsen die dem Verstorbenen verliehenen Ordensinsignien trug, welche von Lorbeerkränzen, gewidmet von aeademischen Zuhörern und dem Schriststellerverein, umrahmt waren. Dem Leichenwagen schloß sich ein langer Zug Leidtragender an, welchem eine große Wagenreihe folgte. Ueberall auf dem Wege wurde dem Zuge seitens des begegnenden Publikums die ehrfurchtsvollste Theilnähme bezeugt. Die hell erleuchtete Synagoge, in welcher die Hauptfeierlichkeit stattsand, war mit einfachem, aber würdigem Trauerschmucke versehen. Der Altar, die Kanzel, das Allerheiligste und der Ehrensitz des Verstorbenen waren schwarz drapirt; der mit Blumen reich geschmückte Sarg wurde an die Stufen des Altars gebracht, woselbst auch zu.beiden Seiten die Chargirten der Studentenverbindungen Ausstellung nahmen. Es war ein farbenreiches, lief ergreifendes Bild, das sich hier dem Blicke darbot. — Auf den vordersten Sitzen befanden stch die höchsten Vertreter der Kreisdireetion, der Universität, der städtischen Collegien; ein zahlreiches gewähltes Publikum hatte das Gotteshaus in allen seinen Theilen ausgesüllt. Da intonirte die Orgel die feierlichen Klänge eines ergreifenden Präludiums, dem der vorzügliche Synagogenchor ״Psalterion" unter Leitung des Capellmeisters Hrn. Jadassohn mit künstlerisch vollendetem und mächtig bewegendem Gesänge folgte. Von gleicher Wirkung waren die Leistungen des Universitätsgesangvereins der Pauliner unter Leitung seines Dirigenten Hrn. Dr. Langer. Nachdem hierauf der Obereantor Herr Liebling mit dem weichen vollen Schmelz seiner reichbegabten Stimme ein hebräisches Lied gesungen, betrat der Gemeinderabbiner Hr. Dx\ Goldschmidt die Kanzel, um in glanzvoller Rede*), die die Geister und Gemüther der Anwesenden aus den Höhepunet der Bewegtheit erhob, das Andenken des Verklärten zu feiern. Dem eigens zu dieser Feier aus Dresden erschienenen Hrn. Oberrabbiner Dr. Landau war im letzten Augenblicke die ebenso schwierige, wie glücklich gelöste Ausgabe zuertheilt worden, das Weihgebet zu sprechen. Dieses, welches Gedankenreichthum und Tiefe der Empfindung zu formvollendetem Ausdruck brachte, machte den Beschluß der Synagogenfeier,. womit der Sarg unter weihevollstem Orgelspiel hinausgetragen wurde, um unter einem noch großartigerem Leichenzuge, an dessen Spitze sich wiedemm die Chargirten der Studentenverbindungen befanden, auf den Gottesacker übergeführt zu werden. Als der Zug demselben nahe war, bildeten die Chargirten zu beiden Seiten Spalier und salutirten, die Fahne und die Schläger senkend, den Leichenwagen und das Trauergesolge. Auf dem Friedhose brachte Obereantor Liebling das übliche הצור תמים in einer Weise zum Vortrage, daß alle Anwesenden andächtig und tief ergriffen lauschten. Hierauf hielt Dr. Landau eine zweite eindrucksvolle Rede, anknüpfend an den Lebensgang des Verstorbenen, an sein Wissenschaftliches Streben und Leisten, über das jüdisch-wissenschaftliche Leben und Streben unserer Glaubensgenossen überhaupt, welches keiner Pflege und Aufmunterung von Außen, keiner Staatshilfe sich erfreue und dennoch trefflich gedeihe, die bedeutenosten Ergebnisse gezeitigt habe. Hierbei erinnerte Redner an das Breslauer Rabbiner׳ Seminar und die neubegründete jüdische Hochschule zu Berlin u. s. w. Wenige Minuten darauf waren die sterblichen Ueberreste des Heimgegangenen dem Mutterschooß der Erde übergeben; wölbte sich der einsame Grabeshügel über der körperlichen Hülle eines Mannes, dessen geistiges Ringen und Arbeiten, Streben und Leisten ihm ein ehrenvolles Fortleben im Gedächtniß des gegenwärtigen Geschlechts wie der kommenden sichert! Es bleibt nur noch zu erwähnen, daß von Seiten des Präsidenten der Synode, Hrn. Pros. Dr. Lazarus, des Vorsitzenden des Lehrereollegiums der Berliner jüdischen Hochschule, Hrn. Prof. Steinthal, vom Vorstande der Dresdener Gemeinde (von der ein Deputirter, außer Hrn. Dr. Landau, in der Person des Hrn. Jos. Bondi erschienen war), sowie von der Redaetion der ״Jüdischen Volkszeitung" Condolenz-Telegramme an den hiesigen Gnneindevorstand und für die Hinterbliebenen eingetroffen waren. Das Breslauer Rabbiner- Seminar dagegen hüllte sich in — souveränes Schweigen. *) Der Raum gestattet uns heute leider nicht, auf den reichen Inhalt dieser Rede näher einzugehen: wir kommen in einem Nachtrage darauf zurück.