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Jüdische Volkszeitung · 1873-02-12 · 7 (12.2.1873) · p. Seite 54

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
7 (12.2.1873)
Date
1873-02-12
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 1870), welches in eingehender Weise die Bedeutung und Vorzüge der mosaischen Gesetzgebung schildert und die humanen Grundsätze hervorhebt, welche das Judenthum in Wahrheit zur Religion der Liebe machen. ״Es ist beinahe undenkbar, daß bei der gewissenhaften Handhabung derselben (der mosaischen Gesetze) ein Mensch absolu tbedürftig werden kann." — FeuiEketo n. ^pic ^ocktey tleF Novelle aus der Gegenwart von I. (Fortsetzung.) Der Commerzienrath sah verwundert' auf und seine Augen leuchteten in feuchtem Glanze, als er diese einmüthige Hingebung gewahrte. In seine Geschäfte und seinen häuslichen Kummer versenkt, konnte er nicht ahnen, daß hier, unter seinen Augen und unter seinem Dache, ein Glück blühte, das bis jetzt noch' nicht einmal zum Aussprechen gekommen war. Und doch waren sich die beiden jungen Leute längst bewußt, daß sie in ernster Stunde auf einander zählen konnten. Diese Stunde war jetzt gekommen. Sinnend senkte der Commerzienrath das Auge. ״Daß es so kommen mußte," sagte er, ״ich hab's nicht geglaubt. Geschützt glaubte ich Euch unter meinem Dache; alte Schuld wollte ich durch Euch sühnen; und nun habt Ihr Euch selbst geschützt, denn das heiligste Glück leuchtet aus Euren Augen, während meine Tochter — und ich selbst zu Grunde gehn. Ihr bietet mir Euren Schutz, Eure Hülfe an. Aber das Opfer, das Ihr mir bringen wollt, kann ich nicht annehmen. Hier . . ." In diesem Augenblicke stürzte die Kammerzofe der Frau Commerzienräthin athemlos ins Zimmer. ״Herr Commerzienrath! Ihre Frau Gemahlin . . . liegt im Sterben. Ich habe den Rabbiner und einige Judenftauen, die jetzt oben beten, schon vor einigen Stunden rufen müssen; der Rabbiner — im Vorzimmer der gnädigen Frau . . ." Bestürzt eilten die drei zusammen hinweg. Der Commerzienrath wollte in das Zimmer seiner Frau gehen. Doch schon in: Vorzimmer stand der Rabbiner hinter ihm. ״Sie dürfen jetzt nicht hier hinein. Der Gebrauch verbietet es . . ." ״Aber ich möchte einige Worte mit meiner sterbenden Frau sprechen. Ich habe ihr so viel zu sagen. Sie hat mit mir noch kein Wort von ihrem Tode, ihrem letzten Willen gesprochen." ״Das Alles hat die gnädige Frau Commerzienräthin mir gesagt. Ich werde es Ihnen später mittheilen." Und er legte seine Hand auf die Schulter des Commerzienraths, um ihn wegzubringen. Der Commerzienrath schüttelte diese Hände ab, als wollte er eine Spinne abschütteln. ״Gehen Sie, ich kenne diesen Gebrauch; aber hier ist meine Stätte und meine natürliche Pflicht geht über Gebrauch; hier bin ich Herr und wir haben keine Beichtväter." Er trat vor das Bett seiner sterbenden Gattin und ergriff ihre Hand. ״Frau," stammelte er, ״bei der Liebe, die uns einst verbunden, soll ich . . . Deine Tochter . . . sage mir, was Du wünschest, daß ich thun soll . . ." ״Geh," sprach sie röchelnd, ״der Herr Doctor .... wird Dir Alles sagen . . . Adele . . . Schema . . ." ״Schema jisroel, adonoj elohenu, adonoj echod . . . ." murmelten die Frauen und der Rabbiner; aber — es waren kalte Worte, es war nicht jener Hochklang des seine Seele' Gott empfehlenden Israeliten; die Worte waren es wohl, aber nicht der heilige Geist, der durch alle Zeiten zieht in dem Zuruf der Seelen: Schema! Keine liebende Seele stand an diesem Sterbebette. ״Echod, echod . . ." sagten die beiden Gatten fast gleichzeitig. Ein letzter Seufzer der Frau, ein Schluchzen des Gatten — und ein Leben war entschwunden. Wenn der Tod in die Räume eines Hauses einkehrt, dann zieht ein Engel des Friedens mit ein; selbst die Trauer wird nicht laut, so lange der Todte noch mitten unter den Lebendigen weilt. Es ist, als ob die Seele des Verklärten umherwandle und ״Versöhnung" rufe. Still und feierlich geht man durchs Haus, man wagt nicht laut zu sprechen, als fürchte man, den in seinem Schlafe zu stören, den man oft doch so gerne anrufen, wieder erwecken möchte. — In diesem Hause war es nicht so. Schon wenige Stunden, nachdem der letzte Seufzer der Dahingeschiedenen kaum verweht war, kam der Rabbiner Dr. Bendemann wieder, um den in stummes Hinbrüten versenkten Commerzienrath aufzusuchen. ״Ihre Frau Gemahlin hat mir verschiedene Aufträge gegeben, die ihre Beerdigung betreffen, und ich bitte Sie, den letzten Willen derselben zu vernehmen und zu ehren." ״Sicher! Reden Sie!" ״Zuerst, sie will, daß ich die Functionen an ihrem Grabe übernehme und nicht der Gemeinde-Rabbiner, der wohl Ihr Vertrauen hat, wie ich weiß, aber nicht das der gnädigen Frau hatte." Ein hämischer Seitenblick begleitete diese Worte. ״Ich habe das bereits bewilligt, so leid es mir thut, in diesem Falle den tröstenden Zuspruch des Mannes entbehren zu müssen, den ich verehre." ״Es handelt sich ja nicht um Sie . . . Sie können sich ja von ihm trösten lassen ... Ich werde nach strengem Rituell Alles anordncn, wie es dem frommen Sinne Ihrer

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