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Jüdische Volkszeitung · 1873-02-12 · 7 (12.2.1873) · p. Seite 55

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
7 (12.2.1873)
Date
1873-02-12
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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üö verstorbenen Gemahlin entspricht. — Ich soll eine Summe Geldes an ihrem Grabe unter die Armen austheilen . . ." ״Ich werde Ihnen diese zur Verfügung stellen." ״Ein anderer Wunsch betrifft die, die Sie — Ihre Tochter nennen, die es aber nicht mehr ist nach unserem jüdischen Gesetze .,. ." ״Aber nach meinem Herzen," unterbrach ihn der Commerzienrath, ״trotzdem — ich ihren Uebertritt schmerzlichst beklagte und noch beklage. Hat das Herz der Mutter in den letzten Stunden, die sie Ihnen widmete, während ihre nachsten Angehörigen Nichts ahnten, nicht gesprochen für ihr ein- Higes Kind?" ״Ich wollte das Ihnen eben sagen; sie wollte nicht, daß - der — Adele, Freifrau von Westheim, Mittheilung werde von ihrem Tode, bevor die Trauerzeit vorüber ist, die sie als Tochter zu halten verpflichtet wäre, wäre sie noch Jüdin." — ״Ich werde, wenn kein gesetzliches Hinderniß eintritt, nach dem Willen meiner verstorbenen Gattin handeln," antwortete ruhig der Commerzienrath. ״Der Schmuck und die Garderobe . . ." Der Commerzienrath horchte hoch auf. ״Der Schmuck und die Garderobe der verstorbenen gnädigen Frau," fuhr der fromme Rabbi im süßlichen Heuchlerton fort, ״soll mir übergeben werden und der Erlös zur Hälfte der Talmud torah, zum Unterrichte armer Knaben in; unserem heiligen Schriftthum verwendet, zur Hälfte in die -Caffe für Palästina abgeliefert werden." ״Darüber habe ich nicht zu verfügen." ״Nicht Sie? Wer denn sonst?" ״Das wird Ihnen vielleicht späterhin gesagt werden. Hür jetzt betrachte ich mich als Depositär dieser Sachen, als wären sie nicht mein Eigenthum. Aber — heraus aus meinem .Hause dürfen sie jetzt mindestens noch nicht." ״Sie mißachten den letzten Wunsch Ihrer verstorbenen ׳Gattin?" ״Haben Sie Beweise? Doch laffen wir dies, kein Wort mehr davon, ich bitte Sie. Haben Sie sonst keinen Wunsch .mehr vorzutragen, Herr Doctor?" ״Ich werde meine Rechte später geltend machen. Bei der Beerdigung bitte ich . . ." ״Um eine Equipage; sie wird Ihnen zur Verfügung stehen." Einige Tage später bewegte sich ein glänzender Leichen- Zug durch die Straßen der volkreichen Stadt. Man wußte, daß es die Frau des ״reichen" Commerzienraths Rödersohn war, die man zu Grabe brachte. Noch war das Gerücht nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen von den Verlusten des Hauses. Kein liebendes Auge weinte dem Sarge nach; kein Herz gedachte in Dankbarkeit der Verstorbenen. Sie hatte nach ״Adel" gestrebt und hatte es doch nicht erreicht; — edel war sie nie gewesen. Dem Sarge folgte der Gatte, bestürzt, in trübem Hinbrüten versenkt, aber unbewußt, noch an andere Verluste denkend, als den seiner Frau, von der sein Herz ja längst getrennt war. Dem Sarge folgte die Equipage mit dem Rabbi in großem Ornate. Als der Leichenzug außerhalb der Stadt war, zog der strengfromme Rabbiner einen Spiegel aus der Tasche, indem er sich in dem Wagen zurückbog. ״Ich will der großen Welt beweisen, was die Orthodoxie ist," sagte er zu sich still und lächelte in sich hinein. Dann zupfte er an seinen Bäffchen, ordnete sein Haar und Barett, legte das Gesicht in die gehörigen Schmerzensfalten und behielt den Spiegel vor bis zur Thüre des Friedhofs. Als er ausstieg, rannen die Thränen über seinen krausen, röthlichen Bart, der Schmerz thronte auf seiner Stirne. Salbungsvollst sprach er von der frommen Biederfrau, deren treuer Gewissensrath er gewesen seit lange und die kein Theil haben wollte an den verderblichen Neuerungen einer selbstsüch- Ligen, nach Genuß und äußerer Ehre strebenden Zeit; die das gesühnt, was Andere ihres Hauses verschuldet; die mit rührender Anhänglichkeit fest hielt an den heiligen Gebräuchen der Väter, trotz der hohen Stellung, die Andern so verführerisch;zum Abfall winkt; die den höchsten Schmerz des Lebens erduldete und ihr Herz zuwendete allein dem göttlichen Gebote, das unser Leben erleuchtet — und Alles unterstützte, was die Religion Israels erhalten kann in ihrer Würde und herkömmlichen Weihe. ״Mögen Andere thun, wie sie befohlen und unser Tod sei wie der ihre . . ״״ Es ist ein Leib begraben; aber keine Thräne fällt aufs Grab. Nur Bertha weint. — um das verlorene, vereinsamte Leben ihrer Tante, die sie eigentlich nie geliebt; weil nur der Liebe empfängt, der Liebe spendet. (Fortsetzung folgt.) Anekäote. In einer Gesellschaft von Aerzten wurde hin und her debattirt, welches wohl das gefährlichste Gift sei. Der Eine rieth dies, der Andere jenes. Aber alle Antworten schienen einen der anwesenden Aerzte nicht zu befriedigen. Und als man ihn nach seiner Ansicht beftagte, antwortete er: ״Opium." ״Opium!" schrien alle. ״Wieso?" Der Arzt begann: O Orthodoxen, P Pietisten, I Jesuiten, U Ultramontane, M Mucker. ״Bravo!" schrien Alle, ״ja dies ist gewiß das gefährlichste Gift."

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