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Jüdische Volkszeitung · 1873-02-12 · 7 (12.2.1873) · p. Seite 50

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
7 (12.2.1873)
Date
1873-02-12
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Im Jahre 1869 schreibt Hr. Dr. IM selber (zur, ins Auge zu fassen und jenes Gebet um Regen und Thau Orientirung S. 23) wörtlich also: ״Selbst da, wo nach alter nur für die Wintermonate einschalten zu lassen. Bestimmung nicht geändert werden soll, fehlt es durchaus nicht an Varianten. So hatte man ehemals täglich die Schlußformel ״Schekthecha lebbadecha bejira naabod.*) Diese Formel haben in der That manche neue Gebetbücher diesseits und jenseits des Oceans und auch Geiger in der zweiten Auflage. Die deutsche Uebersetzung lautet: ״Dich Gott allein wollen wir mit Ehrfurcht anbeten". Diese Worte, glauben wir, kann Jeder, auch der Stabilste vom reinsten Wasser, ohne seiner Orthodoxie etwas zu vergeben, mftbeten. Warum hat Hr. Dr. IM 1872 die Formel: ״wethechesena enenu rc." Zu deutsch: ״Unsere Auaen möaen sehen, wie dumit Barm- Herzigkeit nach Zion zurückkehrst", wieder ausgenommen? Ich frage, ob von der gesammten Breslauer Gemeinde auch nur der 20. Theil der intelligenten Israeliten, namentlich der Jugend, es im Geringsten ernstlich mit der Bitte meine, daß Gott (selbstverständlich in Gemeinschaft mit Israel) nach Zion zurückkehre? Gestattet denn aber die sonst über alle Zweifel erhabene Wahrheitsliebe des Hrn. Dr. IM, nur gerade im Gotteshause, gerade in der hebräischen, der heiligen^ Sprache eine Unwahrheit aussprechen zu lassen?**) Gegen den Unverstand und Mißbrauch, nach Vorgang der babylonischen Gemeinden, deren klimatischen Verhältnissen es allerdings angemessen ist, auch in unseren Gegenden während der Wintermonate ein Gebet um Thau und Regen einzuschalten, im Frühling und Sommer es wegzulassen, haben schon die anerkanntesten jüdischen Koryphäen des 12. u. 13. Jahrhunderts, Maimonides***) und Aschen, geeifert. Wir könnten also mit gutem Gewissen und vollem Rechte, jenen Mißbrauch/beseitigend, das ganze Jahr dieses Gebet einschalten, nach 5. M. 11, 14, es der Weisheit und der Güte des Schöpfers anheimstellend, uns Regen und Thau zur rechten Zeit zu gewähren. So im neuen G.'schen Gebetbuch. Herr Dr. IM hat nun wiederum das große Verdienst, nicht uns Bewohner Deutschlands und Europas, sondern die Babylonier *) Vgl. Raschi zu Berach. 11 b. und Joma 68 b. **) Wäre die Mehrheit unserer heutigen intelligenten oder auch nur denkenden Glaubensgenossen zugleich Hebraisten, wüßten sie, welche^Wünsche, die durchaus nicht aus ihrem Herzen kommen, die für sie also nur ein Gewebe von Unwahrheiten sind, ihnen auch noch in diesem Gebetbuche in hebräischer Sprache in den Mund gelegt werden, so wäre die Einführung dieses Gebetbuches für sie eine Unmöglichkeit. ***) פי־ המשנה כל הומנים שנמנו לגשמים אינם אלא באלו אבל בשאר הארצות צריכה להיות השאלה בומן שהם צריכים לגשמים באותה הארץ. Auf diesen so rationellen Ausspruch einer unangreifbaren Autorität wird nicht geachtet, aber dem incompetenten Zelotismus zu Liebe unsinniger Brauch beibehalten, der i Irerer^ GebetbucheA^schon glücklich beseitigt ist. in £ü— Noch eine Kleinigkeit. Unsere Kinder, Knaben und Mädchen, sollen die hebräischen Gebete übersetzen lernen. Können wir wirklich die über alles Maß gehäuften Wörter ״jaale, wejabo, mejagia rc. re. rc., die Häufung von 16 Ephitheten zu dem einen Hauptworte in dem Stücke: ״emes wejazib" übersetzen? Finden wir dafür deutsche Ausdrücke? Ist das nicht ein leeres Wortgeklingel? In einigen neuen Gebet« büchern, und jetzt auch bei Geiger, ist dieser Wortschwall weggelassen. Hat Hr. Dr. Joel, indem er diesen Bombast nebst mancher anderen bereits glücklich beseitigten Schrulle wieder rehabilirte, die Andacht und Weihe des Gebetes, Liebe zu demselben, gefördert? Wird nicht gerade durch leere Phrasen und die Häufung nichtssagender Wörter, namentlich bei der an einen bessern Geschmack gewöhnten jüngeren Generation, Gleichgültigkeit und Abneigung auch gegen viele andere schöne Gebete erzeugt^ Es schmerzt uns tief, sehr tief, aus Obigem, wie aus manchem Anderen im Gebetbuche wahrzunehmen, daß Hr. Dr. IM, den wir als Mann der Wissenschaft und wegen seines sonstigen ehrenhaften Charakters hochschützen, Nsich PppisinriM huscht nn^-^arum oft Laien und einer gedankenlosen, gewohnheitsmäßigen Hyperorthodoxie gegenüber geschmeidig und fügsam HLy-,gegen dissentirende Collegen aber eigensinnig und kleinlich rechthaberisch .sich? zeigt. Corresponäenz. Äerkin, 27. Januar. Ihre geehrten Leser haben wohl schon aus den Zeitungen von der wirkungsvollen Rede Lasker's vernommen, welche derselbe gelegentlich der Berathung des Gesetzentwurfs über die Grenzen des Rechts zum Gebrauch kirchlicher Straf- und Zuchtmittel gehalten. Er hat dabei betont, wie er nur da, wo die dringende, subjective Nothwendigkeit es fordert, das Wort in ausschließlichen Kirchenfragen nehme. So vorzüglich er nun auch wieder bei dieser Gelegenheit gesprochen hat — wir haben doch das Gefühl gehabt, als wäre es besser gewesen, wenn er Manches verschwiegen hätte. So wenig ist es noch vorgekommen, daß Lasker als Jude gesprochen hat, ganz im Gegensätze zu dem seligen Kosch, der in seinen Aeden stets vorwiegend seine Stellung als Jude betonte. Hier ergreift er einmal das Wort als Jude — um alsbald schwere Anklagen auf das Judenthum zu schleudern. Lug hierzu wirklich eine Veranlassung vor? Die einzige wohl, daß die Rabbiner in Hannover berechtigt seien, ״bei Geldstrafen gewisse Personen zum Besuch des Gottesdienstes zu zwingen." Das ist ein schwerer Vorwurf, der der dort domD nirenden Neuorthodorie schon so oft und von allen Seiten irr:

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