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Jüdische Volkszeitung · 1873-02-05 · 6 (5.2.1873) · p. Seite 43

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
6 (5.2.1873)
Date
1873-02-05
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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-v i 43 heiten geschaffen werden, den Einzelnen und den Einzelgemeinden in allen Fällen Stütze bieten. Das sei unser Streben und damit sehen wir dem neuen Gesetze und der sich ihm anschließenden weiteren Entwicklung als freie Männer mit Ruhe und Zuversicht entgegen. Mieder mim (jUftttsr (Fortsetzung aus No. ^-Das neue Breslauer Gebetbuch: Ein Rückschritt nach zwanzig Jahren. Es kann nicht Allen, selbst anerkannt intelligenten Menschen nicht, zugemuthet werden selbstständig zu denken: Es giebt Menschen, die sich sogar viel mit MstlosoMebefassen, aber doch nicht selbstständig denken^öder^oo^^emResultate ihres Denkens nicht Folge geben wollen. Auf dem Gebiete religiöser Forschung ist es leider gar nicht selten, daß so Mancher die Ergebnisse seines Denkens im Leben und Wirken wieder desavouirt. Wenn aber Andere uns vorgearbeitet, wenn man das Bessere bereits vorfindet, und man dies Bessere wiederum zu verdrängen, das Veraltete, von jedem Erleuchteten als unhaltbar Befundene wieder in's Leben, freilich nur in ein Scheinleben, zurückrust, so scheint es, als ob man jedem, wenn auch noch so berechtigten, Kampfe aus dem Wege gehen, daß man nach Popularität hasche, es mit keiner Partei verderben wsll^und darum der gedankenlosen, stets nur an dem Alten, wenn auch Veralteten, noch so Abgeschmackten, Wahrheitswidrigen haftenden Menge Alles zu Liebe thun wolle. Diese Betrachtung muß sich jedem Unbefangenen aufdrängen, der das jetzt unter Redaction des Herrn Dr. Joel mit dem nahezu vor 20 Jahren erschienenen Geiger'schen Gebetbuche auch nur flüchtig vergleicht. Die Vorführung einiger Stellen wird dies genügend darthun. Wir schlagen beispielsweise das Joelsche Gebetbuch Th. II. S. 170 auf, eine von dem Vorbeter laut und feierlich zu recitirende Stelle. — (Es kann hier also nicht einmal die sonst übliche Ausflucht herhalten, daß derjenige, mit dessen Uebcrzeugung der Inhalt im Widerspruch steht, diese Stelle ja übergehen könne. Denn der laut recitirende Vorbeter vertritt die ganze Gemeinde, ist gleichsam ihr Bevollmächtigter; was dieser also laut recitirt, ist, als ob die Gesammtheit es selber recitirte. Sind wir aber mit dem Inhalte nicht einverstanden, widerstrebt er unserer Uebcrzeugung, so wird ein Gewissenszwang gegen uns geübt, wird uns auch der übrige Theil des Gottesdienstes verleidet). Diese Stelle lautet ohne Vertuschung wortgetreu also: ״Unser und unserer Väter Gott, denke unser . . ., und es möge dir vorschweben das Binden — Akeda —, wie unser Vater Abraham seinen |©0{זזן Isaak gebunden auf dem Altar und sein Erbarmen l unterdrückte, um deinen Willen zu vollführen, also möge , ״deine Barmherzigkeit deinen Zorn gegen uns zurückdrängen" u. s. w. Wir wollen schweigen von dieser sehr . anstößigen Anthropopathie und Blasphemie;*) wir wollen kein , Wort verlieren über Werth und Bedeutung dieses Bindens und beabsichtigten Schlachtens des Sohnes. Das Schweigen —, es ist ein Todtschweigen — der erleuchtetsten Juden i be§ grauesten Alterthums, wir meinen: sämmtlicher Propheten, über diesen Punkt ist beredt genug. **) Aber es soll hier ein ganz anderer Gesichtspunkt in Betracht gezogen werden. Wir Andern nämlich waren immer der Ansicht, der Mensch *) Dieselbe crasse. auszumärzende Blasphemie enthält freilich auch das bei geöffneter heiliger Lade von Cantor und Gemeinde so feierlich recitirte ״Lechobesch kaasso badin" ..Gott dränat seinenZorn zurück im Gerichte." Es ist überflüssig zu bemerken, daß solche Blasphemie nicht über meine Lippen kommt. Moreh Nebochim 1, 69 ruft aus: Wer das Ungebührliche mancher Gebete erkennt und sie dennoch betet, von dem gilt der schwere Vorwurf:"..Israel überschüttet den Herrn seinen Gott mit ungebührlichen Worten" (2. K. 17. 9). Vgl. noch hierzu Chinuch tz. 611. Und es mußten diese von solchen Autoritäten gerügten (HehcHstAltzn. wenn die Homere nicht bisweilen schlummerten, bei G. und I. eben so wegbleiben, wie oei Beiden in, ^dsr Stelle: sechor rachamecha . . . wechale deber ׳ {/-י **) Herr Dr. Joel meint in seiner Schrift ..zur Orientirung" oder ,.Schutz gegen Trutz" daß weder Juden noch Christen/M Akeda anstößig finden. Ich habe anderswo nachgewiesen, daß^le intelligentesten jüdischen Exegeten des Mittelalters in Betreffs der Akeda in einer gewissen Verlegenheit sich, befinden. Was die Christologen und Pietisten betrifft, so werden diese, was sehr nahe liegt, freilich die Akeda glorificiren, sie ist ihnen Prototyp eines spätern Sohnes- und höchsten Sühnopfers. Hören wir dagegen einen freisinnigen Theologen (Vatke bibl. Theol. S. 276): ..Hätte die Vorstellung des Menschenopfers gänzlich außerhalb der Sphäre des (damaligen) Jehovadienstes gelegen, so durfte die Sage eine solche Forderung dem Jehovah selbst nicht unter der Form der Versuchung, unterschieben, und Abraham hätte vielmehr recht gehandelt, wenn er den Befehl als Gottes unwürdig von der Hand gewiesen hätte." In dem Mythos von der beabsichtigten Opferung der Jphigenia, in der Opferung der Tochter Jiphthach's finde ich iinmer noch ein sittliches Moment, den Patriotismus״ Die Vorstellung, daß Abraham 3 volle Tage von dem GedankenPseinen einzigen Sohn aus die Schlachtbank legen zu müssen, gefoltert wurde, erfüllt uns mit Schauder und Entsetzen. Was Dr. Joel auch immer ״Schutz gegen Trutz" S. 20 vorbringt, es ist nichts Wesentlicheres daran, als was ״unsere naiven Aeltergroßmütter von ehemals und heute Gutmüthiges und Weichherziges darüber äußeren und wird von Geiger (jüdische Zeitschrift Band 7. S. 240) mit folgenden wenigen Worten auf's Schlagendste zurückgewiesen: ״Es ist für einen Urtheilsfahigcn nicht nöthig auf die Verwechslung aufmerksam zu machen zwischen der ehrwürdigen Glaubenstreue, welche im Festhalten an der lieberzeugung auch das Liebste zu opfern bereit ist. und dem Gräuel des Kindesopsers als Akt der Gottesverehrung."

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